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Neue Kolumne von Owley Samter

Das Schwizerli

KolumneLifestyle
Owley - 21.12.16 - 20:21
Das Schwizerli owley-switzerli_illu_900

„Kannst du mir noch bitte das Schwizerli geben?“, hatte ich meine Mitbewohnerin gefragt, als wir gemeinsam in der Küche standen und irgendetwas Teigiges zubereiteten. Ich nahm ihren verwirrten Blick erst gar nicht wahr. Erst als das Schwizerli nach einer Weile noch immer nicht kam, bemerkte ich ihre Reaktion. „Das was?“, fragte sie verdutzt. Schwizerli, so sagt man diesen Dingern doch? Ich hätte beim besten Willen keinen anderen Namen nennen können, ja ich musste erst „Dinger für Teig“ googlen, um herauszufinden, wie die Schwizerli wirklich heissen.

Teigspateln.

Dass wir Schweizer einander missverstehen, kommt ab und zu vor. Wir haben keine wirkliche Grammatik, und dann sind wir noch viersprachig. Da ist das Durcheinander vorprogrammiert. Das Apfel-Kerngehäuse etwa bezeichnen wir je nach Region als Bütschgi, Bitzgi, Ürbsi, Gürbsi oder Groibschi. Das sind doch sehr viele Varianten für so ein kleines Land. Angenommen, jemand würde mich auffordern, mein Gürbsi doch gefälligst woanders zu entsorgen, ich müsste zuerst um eine Übersetzung bitten.

Als Zürcher, dessen Mutter aus dem Kanton Bern stammt, und der deshalb immer wieder berndeutsche Begriffe in seine „Zürischnurre“ unterbringt, bin ich es mich eigentlich gewohnt, dass ich nicht immer auf Anhieb verstanden werde. Ich streiche zum Beispiel keine Butter auf mein Brot, ich nehme Anken. Das sorgt im buttergeprägten Zürich gerne für Stirnrunzeln. Darum bin ich auch beim Schwizerli davon ausgegangen, dass das halt ein überregionales Problem sei. In Bern würde man mich schon verstehen. Aber weit gefehlt.

Tatsächlich scheint diese Spachtelsynonym gewordene Form der Selbstverniedlichung ein rein familieninternes Phänomen zu sein. Das Schwizerli, das gibt es so nicht. Ich habe meine Freunde gefragt, selbst Leute aus dem Bernbiet haben noch nie davon gehört. Auch Google spuckt nichts Brauchbares aus. Und überhaupt: Warum zur Hölle würde sich jemand ausgerechnet diesen Begriff ausdenken? Wenn es wenigstens „Putzerli“ gehiessen hätte. Oder „Teigli“. Irgendwas, was auch nur ansatzweise der Funktion dieses Dings entspricht. Aber doch nicht Schwizerli. Auf so etwas kommt man nicht einfach so.

Überhaupt, was soll das denn bedeuten? Dass wir Schweizer uns gerne verbiegen? Da sind, um den Dreck wegzuputzen? Oder dass wir einfach zu grossen Teilen aus Silikon bestehen? Macht irgendwie alles keinen Sinn. Und doch, irgendwie mag ich den Begriff. Weil er eben so urschweizerisch und herrlich veraltet ist – und dazu noch so schön komplett am Thema vorbeischiesst.

Darum werde ich meine dreckigen Teig-Schüsseln auch künftig mit meinem Schwizerli ausspachteln. Auf die Gefahr hin, dass mich dann eben niemand versteht.

Meine Familie versteht mich ja.

Der Zürcher Künstler Owley Samter (Website) schreibt und illustriert in seiner Kolumne über die Unterschiede und Vorurteile zwischen der Schweiz und Deutschland.

9 Kommentare

  1. Chris says:

    Also als Schwabe, der seit 6 Jahren in der Schweiz lebt, und 8 Jahre mit einer Schweizerin (Kanton AG) zusammen war, musste ich laut lachen. Bei meiner damaligen Freundin hiess das Gerät „Gummi-Chälle“. Gleichzeitig ist angesprochenes Gerät in jeder Schweizer Küche, und damit auch in meiner zu Finden. Ich lese immer schmunzelnd Deine Kolumne, daher:
    WEITER SO OWLEY! En Gruess, Chris.

    • Owley says:

      Hi Chris,
      Gummi-Chälle find ich aber auch sehr gut! Macht ja verglichen mit meinem wenigstens Sinn ;-) Danke für die lieben Worte, das freut mich sehr!
      Lieber Gruss, Owley

  2. Alice says:

    Mein Vater hat uns immer gesagt, „Butter“ sei kein rechtes züridüütsch und wir sollen gefälligst „Anke“ sagen. Ich benutze nach wie vor beide Worte.

    „Schwizerli“ hab ich noch gar nie gehört, aber ich habe anno dazumals auch Stirnrunzeln und Lachen ausgelöst als ich mit einer Kollegin was gebacken habe und nach der ‚Gummizunge‘ gefragt habe – so hiess das nämlich bei uns im Haushalt. Sie meinte dann, sie denne das einen „Teigschaber“. Scheint ja fast so viele Variationen zu haben wie das Bütschgi.

  3. Sven says:

    Meine Mutter (Grenze in D zwischen NRW und Niedersachsen) nennt es Geizhals. Der Begriff leuchtet einem Kind unmittelbar ein, das sehnsüchtig neben der Mutter steht, die soeben angerührten Kuchenteig mit dem Werkzeug des Teufels in eine Backform befördert. Denn in der Rührschüssel bleibt dann fast nichts mehr zum Ausschlecken übrig…

    • Owley says:

      Das wäre eine gute Bezeichnung, die auch eine Beschreibung mitliefert. Nicht so, wie das total zusammenhangslose Schwizerli. ;-)

  4. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 52 in 2016 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2016

  5. Fiona says:

    Kennt den niemand den Begriff „Schläcker“? ^^‘

    Wie wurde denn dieses Ding auch noch genannt auf deiner Erkundungstour?

    • Owley says:

      Das kannte ich dafür noch gar nicht. :-D Schaber und Spachteli und „Das Ding zum Ausputzen“ waren die Geläufigsten…

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