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Gewaltverherrlichung vs. künstlerische Freiheit

Gedanken einer 16-Jährigen: Kollegah, Farid Bang und der Echo

KolumneMusik
Livia - 15.06.18 - 15:35
Gedanken einer 16-Jährigen: Kollegah, Farid Bang und der Echo gedanken-einer-15-jaehrigen-livia-2017

Spätestens seit der letzten Echo-Verleihung weiß nun jeder, dass geschmacklose und gewaltverherrlichende Songtexte die Gesellschaft verändern können. Nur ein Song der Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang hat es geschafft, die Echo-Verleihung abzuschaffen und eine offene bundesweite Diskussion über Antisemitismus zu starten. Ich glaube, dass wenigen bewusst war, wieviel negativen Einfluss Songtexte tatsächlich in unserer Gesellschaft haben. Und damit man sieht, worum es dabei geht, erst einmal ein kleiner Textauszug des Songs „0815“ aus dem Album „Jung Brutal Gutaussehend 3“ (komplett anhören könnt ihr ihn euch hier). Er beginnt mit folgendem Text:

„Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch
Sie sagt, ‚Lass mich in Ruhe!‘, doch er versteht sie nicht
Zerlege dich, gab mir Testo
Mach‘ dein Bahnhofsghetto zu Charlie Hebdo
Deutschen Rap höre ich zum Einschlafen
Denn er hat mehr Window-Shopper als ein Eiswagen, ah
Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet
Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen…“

Jetzt muss man dazu sagen, dass ich persönlich ein großer Fan von Deutschrap bin und ich finde Kollegah und Farid Bang haben schon ein paar gute Songs gemacht. Aber der Song „0815“ ist für mich ein typischer Griff ins Klo. Ich finde nicht nur Antisemitismus sondern auch Frauenfeindlichkeit oder das Schüren von Hass hat nichts in Songtexten zu suchen. Es ist zwar schade, dass erst durch den Echo-Skandal diese Art von Texten öffentlich diskutiert und kritisiert werden. Aber es zeigt auch, dass es Grenzen gibt und Empathie ein wichtiger Bestandteil unserer Menschlichkeit und Grundvoraussetzung für unsere Gesellschaft ist.

Letzte Woche haben nun die beiden Rapper die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau besucht und legten an der berüchtigten „Todeswand“ am Block 11 zu Ehren der Ermordeten Blumen nieder. Ich hoffe, dass sie jetzt erkannt haben, welchen Einfluss sie tatsächlich hatten und haben. Und so jetzt die Chance nutzen, ihren Einfluss positiv einzusetzen. Naja, ich hoffe es zumindestens. Ich glaube, das könnte auch ein gutes Zeichen für die Schulen werden. Denn Antisemitismus oder Rassismus gibt es auch an Schulen und das hat dort nichts zu suchen. Daher sollte auch mehr über das Thema in den Schulen diskutiert werden. Und durch Klassenfahrten in die KZ-Gedenkstätten die wirklichen Ausmaße erkannt werden, zu der Antisemitismus tatsächlich fähig ist. Ich bin mir sicher, wenn man es mit eigenen Augen sieht, ist Antisemitismus nicht mehr nur ein Wort, sondern Taten, die abscheulich waren und mehr als nur betroffen machen. Zumindest war das für meine Klasse und für mich so. Wir waren vor Kurzem in der KZ-Gedenkstätte Dachau, aber nur für zwei Stunden. Das war uns viel zu wenig und so haben wir uns entschlossen eine Woche später noch einmal nach dem Unterricht (privat auf eigene Kosten und mit einer Lehrerin) die Gedenkstätte zu besuchen, um noch viel mehr über das Thema zu erfahren.

Wenn man sich mal überlegt, wie viel Einfluss Musik auf die Menschen hat und welche Texte da manchmal zu hören sind, hat der Künstler meiner Meinung nach eine Verantwortung innerhalb unserer Gesellschaft. Was man ja auch an dem Beispiel von Kollegah und Farid Bang sieht. Oft hört man dann das Argument „künstlerische Freiheit“ dazu, aber wenn dabei Menschen beleidigt werden, die aufgrund ihrer Religion oder Hautfarbe getötet wurden, oder Frauen dabei als Menschen zweiter Klasse betitelt werden, hat das für mich nichts mehr mit „künstlerischer Freiheit“ zu tun. Natürlich ist das nicht die Ursache an Diskriminierung zum Beispiel an den Schulen, aber es fördert auch nicht unbedingt ein friedliches und anständiges Zusammen sein.

Es gibt so viele Beispiele an „gewaltverherrlichenden“ Songtexten. Die Band Rammstein überschreitet gerne mal die Grenze des guten Geschmacks. Der Song „Ich tu dir weh“ geht für mich gar nicht (hier anhören). Oder für den Song von Chris Brown „Biggest Fan“ (anhören) ist das Wort „geschmacklos“ auch nur eine sehr harmloses Beschreibung.

Ich frage mich da manchmal, was sich diese Texter oder Musiker dabei denken, wenn sie diese Songs schreiben oder singen? Dass sich alle Mädchen gerne beleidigen lassen oder dass jeder mit einem anderen Glauben gerne angegriffen wird? Nein, das tun sie sicherlich nicht. Und deshalb ärgert mich diese Art von Songtexten auch so ungemein. Wie man sieht geht mir das Thema sehr nah und ich bin mir sicher, dass es einige gibt für die „künstlerische Freiheit“ wichtiger ist. Natürlich ist die Freiheit, seine Meinung zu äußern, sehr wichtig in unserer Demokratie aber ich habe diese Freiheit auch!

Junior-Bloggerin Livia (Website) aus München ist trotz ihrer jungen Jahre bereits eine alte Häsin hier. Als Erste Kolumnisten ist sie bereits seit September 2015 hier aktiv und schreibt monatlich über gesellschaftliche Dinge aus der Sicht einer modernen Jugendlichen.

3 Kommentare

  1. PHZW says:

    Hallo, vielen Dank für diesen Gastbeitrag, den ich als sehr korrekt empfinde. Eine Frage habe ich hier zur Unterscheidung zwischen dem zuerst angesprochen Lied und dem Song von Rammstein. Ersteres spricht klar verachtende Themen an, bei denen Leute ohne ihr Zutun als individuelle Person aufgrund von Klischees verurteilt werden. (Schaffung von Feinbildern und Hass gegenüber Personengruppen) Zusätzlich werden notorische Ereignisse die auf eben dem Phänomen basieren verharmlost. Das Rammstein Lied interpretiere ich eher als Song der BDSM als eine sexuelle Praxis besingt. Hierbei geht es um ein (zumeist) intimen zwischen zwei Menschen, die gleiche Phantasien haben und diese im Einvernehmen ausleben. Da fehlt die Komponente der Feinbildbildung und des Hasses. Das singende ICH des Rammstein-Liedes könnte ebenfalls eine Frau sein.

    Es wird von Angriffen und Beleidigung (meine Ergänzung: gegen den Willen) gesprochen, das würde hier fehlen.

  2. rhi says:

    Was sich die „Künstler“ dabei denken? Sie versuchen einfach Grenzen zu überschreiten, zu provozieren, das abartige darzustellen, um dadurch aufzufallen.
    Als krassestes Beispiel würde ich da eine kleine im toten Metall angesiedelte Band nennen, bei denen sich ein Mitglied erschossen hat und die das Auffindephoto als Cover des nächsten Albums benutzt hat…

    Es gehört wohl auch zur HipHop-Kultur und ist Kontext vieler Rap-Songs, den Anderen zu dissen, sich über ihn hinweg zu erheben und ihn zu diskriminieren – ob nun ernst oder ironisch gemeint. Dass sich da genau die besten Disses durchsetzen, ist für mich nur eine logische Konsequenz. Ob das nun für pubertierende Jungs geeignet ist, die es ihrem Vorbild auf dem Schulhof gleich tun, steht auf einem anderen Blatt.

    Ich habe mit 14 sicher auch diverses sehr grenzwertiges Zeug gehört – meiner Meinung nach aber immer den Schritt geschafft, dies als übertriebenen Schwachsinn abzutun und zu beschmunzeln, anstatt es ernst zu nehmen.

    Noch zu IchTuDirWeh: Soweit ich weiß, sagt man dem Rammstein-Sänger nach, psychische Probleme zu haben und diese in seinen Songtexten zu verarbeiten. Der Song kann genauso gut als Ausmalung eines leidenschaftlichen Racheaktes zur Selbstberuhigung sein – frei nach dem Motto „den könnte ich lynchen!“ (tut man natürlich nicht, man ist nur sauer).
    Ebenfalls könnte man ihn als Parodie auf diverse Horrorfilme verstehen, die eigentlich nur noch die Zerstörung des menschlichen Körpers zelebrieren.

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 25 in 2018 - Ein Ostwestfale im Rheinland

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