Kurzgeschichte Archiv – LangweileDich.net https://www.langweiledich.net/tag/kurzgeschichte/ Langeweile ist doof! Unterhaltung und Inspiration gibt's hier. Sat, 29 Apr 2023 12:48:04 +0000 de hourly 1 https://www.langweiledich.net/wp-content/uploads/2019/02/cropped-LwDn19_icon-1-32x32.png Kurzgeschichte Archiv – LangweileDich.net https://www.langweiledich.net/tag/kurzgeschichte/ 32 32 small worlds: tiny sci-fi stories https://www.langweiledich.net/small-worlds-tiny-sci-fi-stories/ https://www.langweiledich.net/small-worlds-tiny-sci-fi-stories/#respond Sat, 29 Apr 2023 13:59:48 +0000 https://www.langweiledich.net/?p=161654 small worlds: tiny sci-fi stories small-worlds-tiny-sci-fi-stories

Der Twitter-Account Small Words (bzw. @smllwrlds) lädt jeden Tag (diesen Jahres) ein Plakatmotiv hoch, das uns eine superkurze Science-Fiction-Geschichte erzählt. Größtenteils sind da kleine, feine Comedy-Twists drin, manchmal aber auch an „Black Mirror“ erinnernde originelle Settings. Das Projekt läuft seit 1. Januar, hier ein paar Highlight-Motive aus den bisherigen Veröffentlichungen.

Quelle: „eay“

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Kurzgeschichte: Hans Peter https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-hans-peter/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-hans-peter/#comments Thu, 27 Sep 2018 09:55:06 +0000 https://www.langweiledich.net/?p=123508 Kurzgeschichte: Hans Peter hans-peter-kurzgeschichte

Donnerstag, ätz. Ich hasse Donnerstage. Klar, das arbeitsfreie Wochenende ist in absehbarer Ferne, aber genau deshalb spielen im Büro alle verrückt. Es ist halt der letzte „richtige“ Arbeitstag, an dem man abends möglichst viel wegschrubbt, damit man Freitag auch zeitig Feierabend machen kann. Analog zur Anzahl der Überstunden steigen auch die Anzahl hörbarer Frust-Seufzer, mit einem Knall aufgeschlagener Telefonhörer sowie die Frequenz der Papierstaue. Oder heißt es „Papierstaus“? Hm… Mal kurz nachgeschaut: Laut Duden geht beides. Diese Internetverbindung heutzutage ist schon ein Segen, das ging bei meinen Großeltern nicht so leicht und schnell.

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, bin ich doch recht beliebt im Büro. „Moin, Hans Peter!“ schallt es mir oftmals entgegen, wenn die Kollegen mein kleines Einzel-Büro betreten. Nicht selten gesellen sich auch gleich mehrere Personen zu mir und es wird ausgiebig über das letzte Wochenende, Meeting oder Fußballspiel geredet. An Geburts- und Feiertagen wird auch mal was Süßes bei mir abgestellt, aber aufgrund meiner Unverträglichkeit rühre ich das Zeug nicht an. Letztlich ist es aber auch nur das alltägliche Gehabe: Die Kollegen geben Input und ich Output. Das Übliche halt.

Im Arbeitsalltag muss man eben vor allem funktionieren. Erledigt man seine Aufträge korrekt und zeitig, sind alle glücklich und niemand nervt einen. Dann bin auch ich glücklich. Aber nicht immer funktioniert alles, wie es soll. Ach was – eigentlich so gut wie nie! Ich will da jetzt keinen schwarzen Peter rüberschieben, aber oftmals werde ich für Dinge verantwortlich gemacht, für die ich gar nichts kann. Dann bekomme ich den vollen Zorn von Leuten zu spüren, die eigentlich nur sauer auf ihr eigenes Unvermögen sind. „Hans Peter, was soll der Scheiß denn jetzt bitte?!“ hallt es mir vor allem Donnerstags ungerne mal entgegen. Manche fragen mich in diesen aufgehitzten Situationen auch „Was habe ich jetzt gemacht?“ oder „WIESO DAS DEEEENNN?!?“. Vermutlich werde gerade ich das gefragt, weil ich sehr gut im Abscannen solcher Dinge bin. Ich antworte stets ruhig und in kurzen wie klaren Sätzen, die eigentlich alle Informationen beinhalten, um ihre Situation zu beschreiben und meist auch lösen zu können. Aber oftmals ernte ich damit nur Kopfschütteln und der Stress scheint die Hilflosigkeit nur noch anzufachen. Statt meinen Ratschlägen nachzugehen, werden sie ignoriert und die gleichen Fehler erneut begangen. Ich bleibe aber ruhig und wiederhole mich schlicht, habe ich doch im Büro die mit Abstand meiste Erfahrung. Zwar bin ich rangtechnisch recht niedrig anzuordnen, aber ohne mich würde der Laden hier doch zum Stillstand erliegen! Ich bin am längsten Mitglied dieser Firma, selbst mein Vater hat hier bereits gearbeitet. Seit Jahren bin ich da, verpasse so gut wie nie einen Arbeitstag (höchstens mal, wenn der Routine-Check ansteht) und mein Dank dafür?! Ständig machen mir die Kollegen Druck und kurioserweise erhalte ich oftmals böse Worte und letztens bekam ich sogar einen Schlag ab, wenn ich mal nicht einfach nur die Arbeit von ihnen kopiere, sondern versuche, eigene Abänderungen und Leistungen zu erbringen. Wo ist ein Betriebsrat, wenn man ihn mal braucht? Oder die Arbeitsplatzversicherung? Techniker ist informiert…

Aber es ist auch nicht alles schlecht, nein, nein. Morgen ist immerhin endlich Freitag, darauf folgen Samstag und Sonntag – meine beiden Lieblingstage. Aber okay, von wem nicht?! Da habe ich meine Ruhe, muss nicht etliche Stunden am Tag mit den Bürokollegen abhängen und habe Zeit für mich. An Energie mangelt es mir eigentlich nie, aber hin und wieder muss auch ich wieder aufgefüllt werden. Und am Ende des Wochenendes vermisse ich sogar wieder ein wenig die Kollegen und freue mich bereits auf Montag. Wenn alle noch gutmütig und gut drauf sind und ein es wieder „Moin, Hans Peter!“ heißt.

Wobei, „Hans Peter“ – pfft! Das ist tatsächlich noch die eine Sache, die mich richtig stört. Ich heiße nicht „Hans Peter“. Mein bürgerlicher Name ist „HP LaserJet Enterprise 700 Color MFP M775z«. Zugegeben, etwas sperrig, aber kann man mich nicht einfach „HP“ nennen? Oder „Hewlett“? Und bei Problemen bitte einfach sachlich mit mir auseinandersetzen. Ich bin doch auch nur ein… Drucker.

P.S.: Bitte Toner wechseln.

Bild: Gades Photography

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15:10 https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-15-10/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-15-10/#comments Fri, 25 Dec 2015 14:10:47 +0000 https://www.langweiledich.net/?p=90376 15:10 15-10

„Ja, aber klar doch!“
„Sicher, dass du das schaffst?“
„Natürlich. Ihr seid doch meine Super-Buddies!“
„Hehe, okay. Danke schon einmal. So ein Umzug ist immer nervig, da sind wir froh über jede Hilfe…“
„Kein Ding, Bro. 15:10 Uhr, richtig? Bin dann da. Das wird easy, aber jetzt erstmal Kraft antrinken. Noch eine Runde Sambuca?! Geht auf mich!“

Meinem Kopf nach zu urteilen waren das mehr als eine Runde Sambuca gestern Abend. Das kann ich aber auch nur noch der leeren Flasche entnehmen, mit der ich fest umschlungen in meinen Bettlaken kuschel. Ansonsten ist der Abend blank wie ein schlechter Pokerspieler. Ich weiß einfach nichts mehr. Shit, hoffentlich habe ich die Flasche nicht im Club gekauft – die zocken einen immer ab mit ihren Wucherpreisen…

Dass mir so etwas noch einmal passieren würde. Blackout dank Überdosis Alkohol. Mit 33 Jahren. Vermutlich hat das Greisengleiche Alter damit zu tun. Mein Körper ist diese jugendliche Belastung nicht mehr gewohnt, vor allem nicht Leber und Kopf. Argh, diese Schmerzen. Der Wecker zeigt „10:15“ in roten Lettern. Wieso bin ich eigentlich schon wach?! Wobei, ich weiß ja nicht einmal mehr, wann ich ins Bett gegangen bin. Vielleicht habe ich ja voll lange geschlafen? Beim Hinsetzen auf die Bettkante argumentiert mein Kopf lautstark dagegen.


Nach etwa zwei Stunden weiterem Schlaf versuche ich beim Knistern einer auflösenden Kopfschmerz-Tablette den gestrigen Abend zu rekonstruieren. Mist, ich muss mal wieder neue Tabletten holen. Früher waren da doch 15 in der Packung – jetzt nur noch 10?! Vermutlich zum gleichen Preis. Wucher, genau wie bei der Flasche! Okay, ich schweife ab…

Erst waren wir bei Bernd und Jessi gestern, das weiß ich noch. So ein „ruhiger Abend“ mit etwas Wein und vielen guten Gesprächen. So der Plan. Aber ich schieß mich doch nicht bei Bernd und Jessi ab?! Die Tablette hat ausgeknistert und kippe die hellbläuliche Medizin in einem Zug runter. Das ergibt alles keinen Sinn. Ich entscheide mich vorerst abzulenken und schalte den Flugmodus meines Handys aus, um zu schauen, was in der Welt so passiert ist, als ich „weg“ war. Oh man, schon wieder 10-15 Tote bei einem Anschlag? Das sind alles solche Arschfotz – *PLING!*

Eine SMS von Karo? Von 01:51 Uhr.
„Hoffe, du bist gut heim gekommen. Cool, dass du noch mitgekommen bist! xxx“

Okay… Das erklärt schon einmal was. Bin ich scheinbar gegen 2 ins Bett gegangen. Dazu zwei verpasste Anrufe von Ingo. Vielleicht kann er mir mehr sagen? Ich rufe ihn zurück. Nichts. Nicht einmal ein Freizeichen, direkt zur Mailbox. Verdammt.
Ich beschließe, etwas frische Luft zu tanken. Immerhin ist Samstag und ich muss eh noch Einkaufen, um das Wochenende zu überleben. Schon alleine neue Kopfschmerztabletten. Nachdem ich kurz im Supermarkt war, gehe ich zur Apotheke. Da passiert mir etwas ganz Kurioses, das ich sofort mal twittern muss:

@LangweileDich – 13:50
Ich musste zwei Mal kurz hintereinander jeweils 15,10 Euro in Geschäften zahlen – Zufälle gibt’s!

Schon kurios, wie die Welt manchmal so spielt. Ich fahre noch in die Innenstadt, wenn ich schon einmal aus dem Haus bin. Vom 15er Bus steige ich in die Bahn-Linie 10 um. Ich scheine heute Glück zu haben, kaum Wartezeit und keine Verspätungen, sehr nice. Und dann dazu noch das goldige Kaiserwetter! Wobei das ja eigentlich verrückt ist. Wir haben Mitte Dezember und der Siri sagt mir, dass heute 15 bis 10 Grad Celsius werden. Weiße Weihnacht haben mal wieder nur die neureichen Koksnasen…

Plötzlich ein Erinnerungsfetzen! „Nase“ – da war doch was… Ich erinnere mich wage, wie Ingo in einem dunklen Laden mit flackerndem Licht an seine Nase gefasst hat. So ein bisschen wie Wickie früher in der Kindersendung. Hm, und was soll mir das jetzt sagen? Irgendwie weiß ich nur, dass er danach gegangen ist. Seltsam… Ich beschließe, weiter zu gehen. Immerhin muss ich zeitig wieder zurück. Spätestens um 15 Uhr sollte ich zuhause sein. Dann geht die Bundesliga los. Letzter Spieltag des Jahres! In der Stadt werde ich noch einmal daran erinnert, als vor mir Leute in Dortmund-Trikots laufen. Das skurrile daran ist, dass ein sehr kleiner Mann auf dem Trikot die Rückennummer 15 und dem Namen „Hummels“ trägt, während eine deutlich größere Frau die Nummer 10 und „Mhkitaryan“ an hat. Hoffentlich bringen beide heute eine gute Leistung. Also die Fußballspieler, was die beiden in ihrer Freizeit machen, möchte ich gar nicht wissen…

Mittlerweile ist es etwa halb Drei. Ich muss reinhauen, damit ich das noch schaffe. Schnell über den Marktplatz und hoffen, nicht von den Gottes-Schreiern angesprochen zu werden. Ihr dürft alle glauben, was ihr wollt, selbst, dass Schalke mal Meister wird – aber das ist nichts für mich, bitte lasst mich einfach in Ruhe. Doch der Straßenprediger sieht, wie ich angsterfüllt zu ihm blicke. Je größer ich meinen Bogen um ihn herum ziehe, desto schneller kommt er auf mich zu. Ein Lächeln im Gesicht und ein Buch in der Hand. Umgekehrt wäre mir lieber.

„Kann ich mit dir über Gott sprechen?“
„Nein, Atheist, Tschüss…“
„Aber hier – Buch 15, Psalm 10 – darin steht geschrieben, dass…“
„Dass mich das nicht interessiert, tut mir leid, bin im Stress und schau mal da, ein dreiköpfiger Affe!“
„WILLST DU DIE ZEICHEN NICHT SEHEN, mein Junge?!“

Ich gehe weiter. Was für ein Blödsinn das alles. Zeichen. Klar doch, Gott schickt mir Zeichen. Der hat bestimmt Wichtigeres zu tun. Sollte sich mal lieber um diesen schrecklichen Anschlag und die Bescheuerten kümmern, die das verursacht haben. Oder diese Pegida-Dödel. Oder dass Bayern mal verliert. Der Fußballgott ist der einzige, an den ich hin und wieder glaube… Während ich darüber nachdenke, sehe ich auf einem Fernseher im Einkaufszentrum eine News-Meldung zum Anschlag. Schon kurios, dass ich gerade daran denke und es gezeigt wird…

„Bestätigt: 15 Tote, darunter 10 Deutsche“

Komisch, vorhin waren es noch 10 bis 15, jetzt 10 „aus“ 15… Eigentlich die gleichen Zahlen, aber eine andere Bedeutung. Da fällt mir der Tweet wieder ein. Zwei Mal 15,10 Euro. Schon wieder diese Zahlen… Und dann die Trikots vorhin! Gibt’s ja nicht… Sind das etwa wirklich Zeichen? Ich beschließe, den Härtetest zu machen.

„Hey, Kollege – wie ist das eigentlich mit den Geboten und so?“
„Ahh, der Herr! Die zehn Gebote? Klar doch – Kapitel 10, Psalm 15 wäre da: ‚ Es ward geschrieben, dass…“
„Alles klar, reicht, danke.“

Es muss irgendwas mit diesen Zahlen auf sich haben. 15 und 10. Hm. Ich versuche noch einmal, bei Ingo anzurufen, aber erneut nur die Mailbox. Plötzlich schießt ein weiterer Gedanke in meinen Kopf. Die Erinnerung von vorhin hat sich erweitert – ich glaube, ich hab es! Ich diskutiere mit der Barfrau, will ein Tablett mit 15 Sambuca. Die Flasche ist fast leer, es reicht nur noch für zehn. Ich höre Ingo noch „Ist vielleicht besser so“ sagen und sehe, wie er verschmitzt mit dem Finger seinen Nasenrücken entlang streift. Ich schaue verärgert zur Bardame. „Dann nehme ich die eben auch mit!“ rufe ich ihr entgegen und schnappe mir die leere Sambuca-Flasche.

Ahhh. Hm, ja. So wirklich viel schlauer bin ich jetzt auch nicht. Aber Ingo. Das muss irgendwas mit Ingo zu tun haben. Ich rufe Karo an, vielleicht weiß die, was war.

„Hallo?“
„Hey Karo, ich bin gerade etwas. Irritiert…“
„Wer ist da?“
„Ich bin’s…“
„Achso, ja. Wieder unter den Lebenden?“
„Ja, geht so. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr viel von gestern…“
„Geht mir ähnlich, du warst aber auch spendabel mit dem Sambuca unterwegs, Junge…“
„Echt?“
Daher also das wenige Geld in der Geldbörse.
„Sag mal, was war eigentlich mit Ingo los?“
„Ach, der alte Spielverderber ist schon super früh gegangen. Aber irgendwie auch logisch, mit dem Umzug und alles…“
Umzug? Umzug. UMZUG! Shit! Das war es. Umzug und ich sollte helfen.
„Ja, verständlich, duichmussweg…“ säusel ich noch in den Hörer und hänge auf. Verdammt, ich hatte das komplett vergessen. Dass ich Idiot aber auch all die „Zeichen“ nicht gesehen habe. Natürlich, um 15:10 Uhr sollte ich da sein. Schaffe ich das noch? Es ist kurz vor Drei. Ich nehme die 10er Bahn und steige in den 15er Bus und plötzlich sehe ich überall die Zeichen. 15 Stufen runter vom Bahnsteig, zehn Hunde auf der Wiese vor dem Stadtpark, 15:10 Uhr an der Kirchturmuhr. Mist, jetzt komme ich auf jeden Fall zu spät. Aber akademische Viertelstunde und so, das passt noch. Ich renne die letzten Meter und komme verschnauft an der Wohnung von Ingo an.

Ich klingel, aber keine macht auf. Bin ich etwa der Erste? Sind etwa alle anderen unpünktlicher als ich? Ha, das wäre doch mal was! Aber es bringt nichts, es kommt keiner. Mein erneuter Versuch, Ingo telefonisch zu erreichen, scheitert mal wieder. Ich sitze etwa 10 bis 15 Minuten auf der Treppe vor dem Haus, eher ein Transporter auf die Straße einbiegt. Wunderbar, da sind sie doch, hat es mit dem Auto vermutlich einfach länger gedauert.

Verwundert tritt Ingo aus dem Fahrzeug.
„Na, kommt ihr auch noch mal?!“ rufe ich ihm scherzhaft mit einem Lächeln entgegen.
„Du bist ja ein Witzbold, ey… Soll das jetzt ernst gemeint sein?!“
„Wieso, ihr seid doch super spät…“
„Ja, unter anderem wegen dir. Wir hatten auf deine Hilfe gezählt und du lässt uns hängen. Hatte extra angerufen. Leider war dann mein Handy-Akku leer.“
„Wie meinst du…? Ähm, klar. Und ich bin doch hier. 15:10 Uhr hatten wir doch gesagt! Wieso auch immer du eine so komische Uhrzeit genannt hattest…“
„Habe ich nicht. Ganz einfach. Wir hatten 10:15 Uhr vereinbart. Eigentlich wollten wir 10 Uhr vereinbaren, aber du hast was von „akademische Viertelstunde zum Ausschlafen“ gefaselt…“
„Oh. Verdammt. Das tut mir leid.“
„Ist jetzt auch egal. Wir haben es auch so geschafft. So recht konnte ich da eh nicht dran glauben, als du das letzte Tablett Sambuca bestellt hast. Sind halt auch nicht mehr die Jüngsten, woll?“
„Wem sagst du das.“
„Magst du mir noch eben bei den letzten Sachen helfen?“
„Klar, was denn?“
„Die 15 Kilogramm-Hanteln müssten noch in den zehnten Stock in der neuen Wohnung. Und leider ist der Fahrstuhl kaputt.“

Strafe, wem Strafe gebührt.

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Meine Kurzgeschichte als Hörbuch https://www.langweiledich.net/meine-kurzgeschichte-als-hoerbuch/ https://www.langweiledich.net/meine-kurzgeschichte-als-hoerbuch/#comments Fri, 02 Oct 2015 09:45:36 +0000 https://www.langweiledich.net/?p=87532 Meine Kurzgeschichte als Hörbuch Die-Blutpension

Vor einer Weile habe ich eine Mail von Speakstaff erhalten, ob ich nicht einen meiner Texte vertonen lassen möchte. Das Angebot habe ich gerne wahrgenommen und mich nach langer Überlegung für eine alte Kurzgeschichte von mir entschieden: Die Blutpension. Einfach mal als Test, wie solche Kurzgeschichten in der Audiofassung rüber kommen. Sollte das bei euch gut ankommen, überlege ich, alte wie neue Geschichten einzusprechen und bebildert auf YouTube hochzuladen. Wäre das was für euch?

Die Blutpension – Audioversion

Dass nach dem letzten Wort „Stille“ direkt der Jingle dazwischen funkt ist natürlich etwas… ungünstig. Aber gut, ist eben irgendwie eine Werbegeschichte grad in die ich reingerutscht bin. Wie findet ihr die Variante? Könnt ihr euch andere Geschichten als „Hörbuchvariante / Hörspiel“ für YouTube vorstellen? Danke jedenfalls an Joachim für das kostenlose Einsprechen des Textes aus 2008 (mein Gott, ist das lang her…!).

Meine Kurzgeschichte als Hörbuch Speakstaff_Joachim
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Kurzgeschichte: Ein Kummermärchen https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-ein-kummermarchen/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-ein-kummermarchen/#respond Mon, 05 Jan 2009 10:41:25 +0000 http://www.LangweileDich.net/?p=3025 Schon wieder keine Gewürze. Es ist immer dasselbe. Ich könnte kotzen. Aber die Tüte, die dafür vorgesehen ist, ist schon voll. Mein Sitznachbar ist wohl einer der eher flugängstlichen Leute. Das kommt davon, wenn man über das Internet bestellt, und so drei Plätze erhält, die gefühlte fünf Flugzeuglängen auseinander liegen. Dazwischen, wie könnte es anders sein: Quengelnde Kinder, besoffene Flug-Schisser und dicke Frauen. Alles da, außer Gewürze für den Tomatensaft. Dabei müssten die sich doch bei so was auskennen. Wo das doch so ein Saftladen zu sein scheint.

Clint ist für die Reise zuständig, der korpulente Steffen für die Verpflegung und ich für die Tickets. Der Flug ist lausig, das nach dem Zoll übrig gebliebene Essen hier oben ungenießbar. Aber die Tickets in meiner Hand machen mir Hoffnung, dass dieser Trip doch noch auf eine schöne Weise unvergesslich werden könnte. Endspiel der Gruppe B – Spanien gegen Deutschland. Block an der Mittellinie, beste Sicht. Und das für läppische 83 Euro das Stück. Da hätte Ticket_Mieze_09 bestimmt mehr bei eBay rausholen können. Uns soll’s Recht sein. Als Student ein Ausflug nach Südafrika, um ein WM-Spiel sehen zu können, erscheint Privileg genug. Ich beschließe, ein wenig zu schlafen, bis der holprige Flug vorbei ist.


Gerade schießt Klose das 4:0 gegen Italien im Finale, als mich mein Sitznachbar weckt. „We are there, friend“ sagt es in gebrochenem Englisch. Ich bin froh, dass das aktuell das einzige gebrochene an ihm ist. Nachdem wir etwa eine Halbzeitlänge auf unsere Koffer warten mussten, hat natürlich der Shuttlebus zur Absteige – pardon, zum Hotel – ein Problem. Steffen kommt kauend vom Reiseleiter.
„Mhmthr-Schdhn.“
Clint gibt ihm eine Ohrfeige.
„Dass Du das Mistzeug überhaupt selber isst…“
„Man kann das auch nach einem Tag noch essen!“
rechtfertig Steffen sich. Seiner Meinung nach kann man immer alles noch essen.
„Ja, komm zu Potte, Fettie, was ist denn nun?“
„Motorschaden.“
Verdammt. Kann ja auch niemand ahnen, dass es in Südafrika im Juni warm sein könnte.
„Ja, und nun?“ frage ich den Reisebeauftragten Clint.
„Ganz einfach, ich sage nur zwei Wörter: Miet Wagen.“
„Ähm, das ist ein Wort.“
„Äh, ja.. ich war ja noch nicht fertig. Mietwagen UND Autovermietung!“
„Das wären dann aber drei Wörter…“ hört man Steffen dazwischengrummeln, dicht gefolgt von einer weiteren Ohrfeige.

Nach einer weiteren Halbzeitlänge wildem Gestikulieren können wir dem Mann am Vermietungsschalter klar machen, was wir wollen und er gibt uns einen modernen Neuwagen. Das würde ich sagen, wenn wir uns im Jahr 1976 befänden. Im australischen Outback. Immerhin kein Motorschaden. Auf zum Hotel – Pardon, zur Absteige.

In Johannesburg fahren die Leute wie die Berserker. Und das obwohl die Straßen extra für die WM von den Amerikanern und den Europäern modernisiert wurden. Die Franzosen haben sogar einige Kreisverkehre springen lassen. Aber in diese monströsen Kreisel traue ich mich kaum mehr rein, seitdem ich einmal vier Stunden in einer vierspurigen Ausgeburt der Froschschenkel-Hölle festsaß. Deshalb fährt Clint. Immerhin ist er ja auch der Reisebeauftragte. Und irgendwie ankommen tun wir ja anscheinend.

Das vermeidliche Rattenloch, in welches Clint uns hier einquartieren will, hat diese Bezeichnung wirklich nicht verdient. Auch Ratten haben Würde.
„Ist doch nur eine Nacht“ versucht Clint seinen Misserfolg zu rechtfertigen.

Na immerhin gibt es einen Fernseher. Leider keine europäischen Sender, aber ein Fernseher. Leider nur drei Sender, aber ein Fernseher. Leider ist keiner der Sender auf englisch, sondern alle auf Afrikaans, aber es ist ein Fernseher. Nach dem Essen im Rattenloch-Café begeben wir uns in unser Bett. Ja, ich benutze bewusst den Singular. Bett. Verdammter Clint.

Ein „Kikeriki“ später waren wir allesamt hellwach. Nicht, weil der Hahn so laut gekräht hat, sondern weil wir nicht wirklich schlafen konnten. Außerdem ist es bereits 13 Uhr, und der Hahnenruf erfolgte von blutigen Tierkämpfen im Hinterhof, wo vermeidliches Drogengeld verspielt wird. Aber genug der Touristenattraktionen, es wird Zeit für die wirkliche Kultur Südafrikas!

„Genug der Touristenattraktionen. Es wird Zeit für Fußball!“
Kaum hatte ich das gesagt, sitzen wir auch schon in unserer Mietklapperkiste. Clint navigiert zielsicher auf den Stadionparkplatz, während Steffen sich eine Strategie für die Spielverpflegung bereit legt. Wir werden nach unseren Tickets gefragt, ich werde von Clint, Steffen und sechs weiteren, in Uniformen gekleideten, Augenpaaren angeschaut, und lächle selbstsicher zurück, souverän in die Innentasche meiner Wildlederjacke greifend. Und da sind sie: Drei druckfrische Tickets.

Komischerweise sind die Studentenaugen die einzigen, die noch mit einem Lächeln unterwegs sind. Wie sich herausstellt, sind die Tickets den uniformierten Augen etwas ZU druckfrisch. Ticket_Mieze_09 hat wohl doch einen guten Schnitt gemacht. Sie hat mir Fälschungen angedreht.

Immerhin gibt es in der Arrestzelle einen Fernseher. Zwar nur ein Programm auf Afrikaans, aber es ist und bleibt ein Fernseher. Und wir können das Fußballspiel sehen. Ich fühle mich in meinen Traum im Flugzeug zurückversetzt. Diesmal schreckt mich der Torschrei drei Zellen weiter auf. Clint scheint auch Fernsehen zu schauen. Denn schon wieder sitzen ein Besoffener und eine dicke Frau zwischen uns.

Aber der Tomatensaft ist gut.

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Kurzgeschichte: Die Blutpension https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-die-blutpension/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-die-blutpension/#comments Mon, 15 Dec 2008 16:32:19 +0000 http://www.LangweileDich.net/?p=2888 Ich werde vom Telefonklingeln wach. Ein zerknitterter Blick auf die Digitaluhr auf dem hölzernen Nachttisch. 2:34 Uhr in der Nacht.
„Ja, Krumberg hier. Ja. Schon wieder? Okay, ich bin sofort da!“
Für Wach werden bleibt keine Zeit. Ich ziehe die notdürftigsten Klamotten an und gehe in die Küche. Es ist eiskalt. Der letzte verbliebene Schluck aus dem Weinglas von gestern Abend muss als Frühstück genügen. Trenchcoat über und raus zum Wagen. Brr, hier ist es ja noch kälter als in der Küche. Verdammt nun habe ich den Notizblock vergessen.
Der alte Ford springt nur schleppend an. Aber es sind ja nur noch zwei Wochen bis zu meiner Pensionierung.

Am Tatort angelangt sehe ich, wie meine Kollegen bereits das Gebiet absperren. Der morgendliche Nebel lässt das alte Fabrikgelände noch düsterer erscheinen als es eh schon ist.
„Ah, Kommissar Krumberg. Gut, dass Sie hier sind.“
„Ich könnte mir auch nichts Besseres vorstellen. Was gibt es genau?“
„Eine männliche und eine weibliche Leiche. Etwa Mitte 30 und laut medizinischem Erstbefund liegt der Todeszeitpunkt bei etwa Mitternacht. Das gleiche Muster, wie letzten Monat…“
„Sie meinen, wie die letzten Monate?“
„Äh, ja, genau Chef. Innere Verletzungen bis zur Verblutung.“
„Und die Bissspuren?“

„Ja, Chef. Sie schreiben ja gar nicht mit… Block schon wieder vergessen?“
Verdammt. Diesen Irren suchen wir nun schon seit knapp einem Jahr. 21 Opfer hat er bereits auf dem Gewissen. Allesamt nachts ermordet und mit Bissspuren im Nackenbereich aufgefunden. Der Spinner hält sich wohl für einen Vampir oder so einen Unsinn. Will uns was vormachen. Und bisher funktioniert es einwandfrei für ihn.
„Chef? Was sollen wir tun?“
„Das Übliche. Tatort abriegeln, die Spurensicherung drüber laufen lassen und die Leichen zur Obduktion. Dazu Anwohnerbefragungen. Und versuchen Sie die Medien abzuwimmeln. Die wollen uns doch nur weiter scheitern sehen.“
„Wird gemacht, Chef.“

Warum muss gerade jetzt, so kurz vor der Rente, so ein Fall kommen? Trotz intensivster Bemühungen und etlichen vermeintlichen Hinweisen aus der Bevölkerung tappen wir völlig im Dunkeln. Wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob es sich um einen Täter oder eine Gruppe handelt. Nur die auftretenden Parallelen zwischen den Fällen lassen uns vermuten, dass es sich um eine Serientat handelt. Es gibt Einzelheiten, die sich immer und immer wiederholen, obwohl diese nicht an die Öffentlichkeit gelangt sein dürften. Und der Täter? Wie immer spurlos verschwunden. Wie immer hat er sich einen verlassenen Ort in der Einöde ausgesucht. Wie immer sind nicht mehr als zwei Menschen umgekommen, die in der Gesellschaft nicht gerade integriert zu sein schienen. Ich wette, dass auch die heutigen Opfer bloß arbeitslose Junkies sind, die keiner vermissen wird.

In der Nacht machen wir kaum Fortschritte. Die Anwohnerbefragung ist bei drei Häusern im Umkreis von zwei Kilometern schnell erfolgt. Natürlich ohne Befund. Die Spurensicherung hat lediglich vereinzelte Schuhabdrücke entdeckt, die allerdings auf die beiden Opfer schließen lässt. Außerhalb der Lagerhalle verlieren sie sich schnell. Auch die Hunde können wie immer nichts entdecken. Ich fahre heim, und versuche noch ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Am nächsten Morgen erhalte ich auf der Wache Bescheid, dass es sich bei den beiden nächtlichen Opfern um Supermarktangestellte handelt. So gut wie arbeitslos also, denke ich mir. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gefasst, werde ich auch schon an meine eigene Entlassung erinnert. Die Hauspost bringt mir eine Karte mit der Erinnerung an meine Pensionierungsfeier in zwei Wochen. Ich lege sie zur Seite und widme mich dem Tagesgeschäft.

Die Kollegen haben gute Arbeit geleistet. In den Medien wird immer noch nicht über den Mord berichtet. Aber hier heißt es eh nicht geheim halten, sondern eher, das Unvermeidliche zu verzögern. Denn irgendwann bekommen diese Medienhunde doch Wind von diesen Geschichten. Um ihnen zuvor zu kommen, beschließe ich, dem Supermarktleiter der beiden Toten einen Besuch abzustatten.

„Guten Tag Herr Kommissar. Ich habe nur kurz Zeit für Sie, schießen Sie los…“
Herr Heistmann vom größten Supermarkt der Stadt scheint das Ableben seiner beiden Angestellten am Arsch vorbei zu gehen.
„Ihnen scheint der Verlust zweier Ihrer wertvollen Angestellten wohl nicht gerade schwer auf dem Herzen zu liegen?“
„Ach, die beiden Junkies gehen mir am Arsch vorbei. Davon gibt es doch tausende auf der Straße, die für mich arbeiten wollen.“
Wusste ich es doch. Junkies.
„Aha. Wo waren Sie denn gestern Nacht, so zwischen 23 und 1 Uhr?“
„Bei meiner Frau im Bett. Wo soll ich sonst gewesen sein?“
Mein Notizblick leistet mir wie immer gute Dienste. Die Frau haben wir bereits im Vorfeld befragt, und ihre Aussagen decken sich. Nach einem kurzen Gespräch kommt heraus, dass die beiden Verstorbenen erst seit kurzem bei Herrn Heistmann tätig waren. Aufgefallen seien sie ihm bislang nicht wirklich, also fallen die Informationen doch eher mager aus. Gerade bin ich im Begriff zu gehen, als Herr Heistmann mich noch einmal zu sich ruft.
„Herr Kommissar?“
„Ja, Herr Heistmann?“
„Könnten Sie mir einen Gefallen tun? Diese beiden Jungspunde haben in ihrer kurzen Zeit hier jede Menge Kleinkrams in ihren Schließfächern verstaut. Könnten Sie das Zeug gnädigerweise mitnehmen?“
„Natürlich.“
Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Auf die späten Tage werde ich wohl senil. Vielleicht finden wir hier etwas. Die Wohnungen der beiden hatten uns keinerlei Anzeichen auf eine drohende Ermordung gegeben. Wie bisher bei jedem der Serienfälle.

Aber heute haben wir Glück. In einem der beiden Schränke befindet sich neben Deodorant, Lippenstift und einem Euro, dreiundzwanzig Cent in Kleingeld auch ein beschrifteter Notizzettel. Auf diesem steht die Adresse der verlassenen Lagerhalle und das gestrige Datum. In Blut geschrieben.

Die Untersuchung des Labors ergibt, dass es sich zwar zweifellos um Blut handelt, allerdings ist es von keinem der Opfer, oder einer anderen uns bekannten Person. Es weist anscheinend einen Gen-Defekt auf. Zu viele Chromosomen oder so etwas, sagte mir die zuständige Wissenschaftlerin, aber ich habe es im Detail nicht verstanden. Handelt es sich hierbei um den Mörder?

Der kurze Erfolg einer gefundenen Spur verebbt schnell im alten Trott. Denn sie führt uns nur in eine Sackgasse. Auch zehn Tage nach dem Mord an den zwei Supermarktangestellten haben wir keinerlei neue Indizien. Erneut erhalte ich von der Hauspost eine Karte bezüglich meiner Pensionierungsfeier. „Letzte Erinnerung: Morgen, am 8. Februar, feiern wir Kommissar Krumbergs ehrenvollen Abschied aus dem Dienst“. Erinnert daran und an die Tatsache, diesen schlimmsten aller Fälle meiner Karriere nicht gelöst zu haben, werde ich zornig. Auf den Mörder, auf mich selbst, sogar auf die Kollegen. In absoluter Hilflosigkeit, versuche ich noch einmal alle den Fall betreffenden Details durchzugehen. Informationen im Computer, in der Bibliothek und dem Archiv geben keine neuen Erkenntnisse. Wie könnten sie auch? Haben wir sie doch etliche Male durchforstet. Auch die vielen gefüllten Seiten im Notizblock bleiben ohne Aufschluss.
Gerade will ich es schließen, als ich bemerke, dass hinter der vermeidlich letzten beschriebenen Seite noch etwas zu stehen scheint. In großen handgeschriebenen Lettern. In roten Lettern. Blutroten Lettern. Dort geschrieben steht das Datum von heute, und eine Adresse. Genau, wie bei dem im Supermarktspint gefundenen Zettel. Schweißperlen rinnen mir die Stirn herunter. Ist das nur ein schlechter Scherz der Kollegen? Oder… soll ich etwa das nächste Opfer sein? So kurz vor der Pensionierung? Wie ist dieser Verrückte überhaupt an mein Notizbuch gekommen? Ich trage es doch immer bei mir.

Nach dem ersten Schock wandelt sich meine Gemütslage. Immerhin ist das unser größter Trumpf, den wir in Händen halten! Ein Hinweis auf den nächsten Mordfall. Geplanten Mordfall. Mordversuch! Denn dabei wird es bleiben. Wie dumm muss dieser Irre denn sein, dem auszuführenden Kommissar mitten in seine Vorstellung einzuladen? Das wird ein Selbstläufer.

Routiniert alarmiere ich alle Kollegen samt Sondereinheit. Zuerst versuchen diese mir auszureden, überhaupt mitzukommen. Aber hinterher macht der Täter kehrt, wenn er mich nicht sieht, und wir stehen wieder am Anfang. Also gehe ich in der Nacht zur beschriebenen Adresse. Einer Mühle. Verlassen, wie sollte es anders sein. Ich bin am ganzen Körper verkabelt, und hinter mir stehen geschätzte 50 uniformierte und bewaffnete Männer.

Ich öffne die große schwere Eisentür am Eingang mit einem lauten Quietschen. Das Holz auf dem Boden knarrt bei jedem meiner schweren Schritte. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich ein Idiot bin. Immerhin stehe ich einen lächerlichen Tag vor meiner Rente mit einem Bein in einer gottverlassenen Mühle, und mit dem anderen im Grab. Wir waren zwar etliche Male durchgegangen, wie wir vorgehen, aber in diesem Moment war mir der mickrige Revolver in meiner Manteltasche doch etwas wenig Rückhalt.

Ein Scheppern. Aus einem der hinteren Räume. Der Lichtstrahl meiner Taschenlampe zuckt durch den großen leeren Raum. Ich begebe mich langsam weiter. Erneut ein Scheppern. Das muss der Kerl sein. Meine Hände zittern. Mit ebenso zittriger Stimme versuche ich souverän zu rufen.
„Achtung, Polizei hier! Kommen Sie mir erhobenen Händen heraus!“
Aber nichts geschieht. Ich höre, wie es draußen zu regnen beginnt. An einigen Stellen im maroden Dach tropft es durch. Ich raffe mich erneut auf.
„Achtung, Polizei! Wenn Sie nicht mit erhobenen Händen langsam heraus kommen, werde ich Gewalt anwenden.“

Hinter mir höre ich einen Holzbalken knarren. Ich wende mich blitzartig herum. Waffe und Taschenlampe auf einen Lagerboden unter der Decke gerichtet. Aber nichts. Nur einzelne Regentropfen sind erkennbar. Ich überlege, ob ich dort oben nachschauen soll. Meine Beine werden immer schwerer, der Puls rast. Auf einmal ein erneutes Scheppern auf der anderen Seite des Raums. Ich drehe mich um und sehe eine schwarze Gestalt aus der Tür von den hinteren Räumen komme. Der Schuss aus meinem Revolver löst sich ohne Vorwarnung. Schnell und präzise. Nach kurzer Zeit habe ich die Lage realisiert.
„Kommissar, alles in Ordnung?“ höre ich einen Kollegen über Funk sagen.
„Ja, alles in Ordnung, Jimmy. Es war nur eine Katze.“

Nur gut, dass es nicht der vermeidliche Täter gewesen ist. Denn die Katze geht munter ihren Weg in die kalte Nacht. Getroffen habe ich sie nicht. Dieser kleine gelöste Moment lässt mich kurze Zeit unkonzentriert sein, ehe ich mich wieder dem Dachboden widmen will. Doch während ich mich umdrehe, fasst eine Hand um meinen Hals und bedeckt meinen Mund. Eine andere Hand entwaffnet mich, und drückt meinen Arm auf den Rücken. Wo ist dieser Kerl nur so schnell her gekommen? Schreien bringt nichts, denke ich mir, und gebe mich seiner hin. Ich merke, wie dieses Scheusal mir in den Nacken beißt. Es fühlt sich kalt an. Abscheulich und kalt. Mir schwinden die Kräfte.

Ich höre noch leise, wie der Knopf in meinem Ohr den Funkspruch „Puh, wir dachten schon, Dir wäre was passiert“ übermittelt und sinke auf den verstaubten Holzboden. Gerade noch auf den Knien haltend, lässt mich der Täter los und huscht nahezu lautlos wieder gen Dachboden. Kurz bevor ich ganz zu Boden gehe, sehe ich noch einmal zu ihm hoch. Das letzte, was meine Augen von dieser Welt sehen, sind die rot funkelnden Augen dieses Wesens in der Dunkelheit. Ich spüre, wie Regentropfen langsam von meiner Wange auf den Boden tropfen. Nur das leise Plätschern des Regens und ein entferntes Miauen einer Katze sind noch zu hören.

Stille.

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Kurzgeschichte: Der Augenblick des Augenblicks https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-der-augenblick-des-augenblicks/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-der-augenblick-des-augenblicks/#comments Mon, 25 Aug 2008 06:10:23 +0000 https://www.langweiledich.net/2008/geschichten/kurzgeschichte-der-augenblick-des-augenblicks Der Augenblick des Augenblicks

Ich hasse Sonntage. Klar, sie sind eigentlich toll, weil niemand muss arbeiten, zur Schule gehen und alle haben ganz viel Zeit zum Schlafen und für weitere wichtige Dinge. Nur einer muss arbeiten. Der Priester. Und die musikalischste Seniorin, die in der Gemeinde auffindbar ist und zudem noch aus eigenen Kräften die Orgel erreichen kann. Wobei: Wirklich Arbeit kann man das wohl auch nicht nennen.

Was so schlimm daran ist, dass der Priester Sonntags arbeiten muss? Immerhin bekommt er Wochenend-Zuschlag, fährt relativ sicher in den Himmel auf und darf ein weißes Stück Papier am Kragen tragen. Ganz einfach: Ich muss zur Kirche gehen und ihm bei der Arbeit zuschauen. Sonntags. Um 9 Uhr.

„Sven Luttgers.“

Und ich hasse die Kirche. Die Hälfte der Leute sitzt gezwungenermaßen in den engen und unbequemen Eichenbänken, oder heuchelt vor, gläubig zu sein, nur um das eigene Gewissen von weiteren Jahren Fegefeuer zu befreien. Unbequeme Bänke sind doch eigentlich eine Ausgeburt des Teufels, damit man nicht einschlafen kann. Das schlimmste sind allerdings die Leute, die aus voller Überzeugung und Gottesliebe jeden Gott-Verdammten Sonntag 3.600 Sekunden ihrer teils wertvollen Lebenszeit verschwenden.

„Clara Winz.“


Und die merken das ja noch nicht einmal. Denken, es wäre das schönste, Sonntags um sieben Uhr aufzustehen, sich und die Gehilfe heraus zu putzen und einen halben Tagesmarsch zum Erreichen der knapp 200 Meter entfernten Kirche zurück zu legen. Egal, deren Problem. Was ich hier mache? Auch einfach: Meine Mutter zwingt mich. Heute musste ich sogar einen Anzug anziehen. Dass ich das in meinem Alter überhaupt noch mit mir machen lasse. Aber sie hat mit Taschengeldentzug gedroht – was bleibt mir also anderes übrig?

„Richard Strauss.“

Immer wieder diese Stille. Das hasse ich auch. Der Pfarrer sagt einen Satz, er hallt nach, und alle sind still. Letzte Woche habe ich mit Tobias gewettet, er würde sich nicht trauen, ein Plakat mit der Aufschrift „SATAN“ hoch zu halten und dabei selbiges in eine der großen Schweigepausen zu brüllen. Er hat sich nicht getraut. Feigling!

„Tim Siebert.“

„Satan!“ denke ich laut in mich hinein. Warum sollte ich es auch jetzt schreien? Ich habe ja gar kein Plakat parat. Wie jeden Sonntag inspiziere ich all die Trottel, die gekommen sind. In der Regel sind das immer die gleichen. Die gleichen Leute, die gleichen Lieder, der gleiche Pastor und die gleichen Messdiener. Wobei… Heute sind es glaube ich andere.

„Lisa Göbel.“

Ob die wohl gecastet werden? Und ein dicker Senioren-Tanzlehrer aus dem Osten bringt ihnen bei, in Zweierreihen auf die Bühne Gottes zu gehen, ohne die Kerze fallen zu lassen? Wenn dem so sein sollte, wurde diese Woche schlecht gecastet. Nur eine der jungen Damen sieht hübsch aus.
„Jennifer Schate.“

Ich mustere sie von oben nach unten und wieder zurück. Was hatte ich auch anderes zu tun?! Brünette, schöne lange Haare, zum Zopf gebunden, große Rehaugen und wollüstige Lippen. So sieht meine Traumfrau aus. Und die Messdienerin war nah dran. Ein wohlgeformter Körper und ein hübsches Lächeln. Lächeln? Sie lächelt doch nicht etwa zu mir, oder? Ich schaue mich verwundert um. Niemand anderes da. Also niemand im zeugungsfähigen Alter. Den Blick, den sie mir zuwirft möchte ich am liebsten in meine Erinnerungskiste unter dem Bett verstauen. Ich schmelze dahin…

„Lukas Reinhard.“

Psscht! Immer dieses Reingerede, wenn sich zwei junge Menschen kennen lernen wollen. Kein „Geht raus und paaret euch“ parat? Ihr Augenblick wird immer tiefer und direkter. Ich wähne mich in Gedanken, diesen Blick jeden Morgen für den Rest meines und vielleicht auch ihres Lebens zu sehen.

„Lukas Reinhard!“

Mein Unterbewusstsein sagt mir, dass auch andere Menschen zu mir schauen, aber das ist egal. Den leichten Stups gegen die Schulter von meinem Vater sehe ich als anerkennende Geste an, ein so heißes Weib gerissen zu haben. Oh ja, das ist sie. Heiß, wie ein Osterfeuer. Mindestens.

„Lukas Reinhard?!?!“

Auf einmal schüttelt es mich aus allen Hochzeitsträumen. Besser gesagt, meine Mutter schüttelt mich. Ich begreife die Situation und stehe scharmerrötet auf. Langsam schreite ich durch meine Reihe, über den Mittelgang, auf die kleine Bühne und hocke mit vor den Vertreter Gottes auf Erden. Er gibt mir Brot, das nicht wie Brot und Wein, der nicht wie Wein schmeckt. Ich schaue zur heißen Messdienerin, aber sie erwidert den Augenblick nicht. Wie peinlich. Die eigene Konfirmation verpennt. Wie konnte es schlimmer kommen, als sich vor dem Mädchen überhaupt so zu blamieren? Langsam gehe ich wieder zurück in meine Reihe. Es ist totenstill. Der Pastor setzt zum nächsten Namen an.

„SATAN!“

hallt es aus der hinteren Reihe. Tobias hält ein riesiges Plakat hoch und grinst mir verschmitzt zu. Sofort eilen zwei Gorillas von Securities zu ihm und schleifen ihn heraus. Okay, etwas übertrieben, aber die Orgelfrau hätte mir persönlich wohl Angst gemacht.

„Daniela Habeck.“

Das war’s. Ich bin nicht mehr an der Tagesordnung. Genau, wie Satan. Und dazu schulde ich Tobias nun zwei Euro.

Verdammte Kirche. Verdammte Sonntage. Verdammte Weiber.

Amen.

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Kurzgeschichte: Drei Haare und ein Kater https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-drei-haare-und-ein-kater/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-drei-haare-und-ein-kater/#comments Thu, 03 Jan 2008 08:56:53 +0000 https://www.langweiledich.net/2008/geschichten/kurzgeschichte-drei-haare-und-ein-kater „Ich hab’ drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär! Du hast drei Haare auf den Zähnen, bist `ne Frau!“ Das T-Shirt mit dieser Aufschrift hätte ich wohl besser nicht angezogen. An unserem Jahrestag als Liebespaar. Aber so etwas wird einem ja auch erst immer gesagt, wenn man sich schon für seine Kleidung entschieden hat. „Heute ist Valentinstag!“, „Schatz, heute ist mein Geburtstag!“, oder „Sie können die Braut jetzt küssen“. Immer bin ich falsch angezogen.

Der Grund, warum Jasmin allerdings weggelaufen ist, war nicht das Shirt, sondern viel eher mein mit Unterstützung eines Glasbataillons Krombacher heraus Gebrülltes, was der T-Shirt-Aufschrift erschreckend nahe kam. War halt nur die zweite Hälfte davon. Acht Mal. Hintereinander. Mit wahrscheinlich eher feuchter und übel riechender Aussprache mitten in ihr Gesicht. Oh, ihr schönes Gesicht – wie ich es vermisse. Also sonst war es schön. Zu dem Zeitpunkt nicht wirklich.

Wir hatten in unserem langen Liebesleben noch nie über Haare gestritten. In den ganzen… Hm, gut, dass sie nun nicht da ist, und mitbekommt, dass ich schon wieder vergessen habe, wie lange wir schon zusammen sind. Ach ja, 1 Jahr, ziemlich genau! Wir haben uns über Blicke zu anderen Frauen, Blicke zu anderen Männern – übrigens allesamt meine Blicke – das Herausbringen des Mülls und Gott und die Welt gestritten. Letzteres war eine Sendung im Westdeutschen Rundfunk. Aber noch nie, noch nie in all den Jahren, haben wir über Haare gestritten. Ähm, in dem Jahr. Okay, einmal waren wir kurz davor. Ich kritisierte ihren immer spärlicher werdenden Umgang mit dem Lady Shaver. Sie hatte zuletzt nur noch morgens und abends rasiert. Wo kommen wir denn da hin? Haare gehören nicht auf Frauenbeine. Die gehören auf Köpfe, Hunde, oder in „Ober, da ist was in meiner Suppe“-Witze.

Wobei, wenn ich so recht darüber nachdenke, streiten wir aktuell gar nicht über Haare. Das ist doch nur ein lustiger, oder sagen wir lieber, lustig gemeinter, T-Shirt Aufdruck. Außerdem streiten wir auch gar nicht. Sie ist ja einfach abgehauen, und hat mich alleine in dieser abgefuckten Bar gelassen. Kein Wunder, dass sie hier eigentlich nicht hin wollte. Aber hier sind halt meine ganzen Freunde. Und die muntern mich nun auf. Johnny, Jim und Jägermeister. Dass die alle mit ‚J’ anfangen, wie lustig. Dass ich so etwas lustig finde, wie armselig. Aber nach einigen feucht-fröhlichen Runden, beginnt das Leben sich wieder von tiefschwarz in ein dunkles grau zu erhellen.

Ein paar Jugendliche fragen, ob ich beim Kickern den vierten Mann spielen könnte, und ich willige mit einem „Jawohl, bringet mir das Spielgerät“ ein. Nach einem glorreichen sechs-zu-zwei-Erfolg mit 5 Toren von mir, setzen wir uns an einen freien Tisch und es gesellen sich meine J-Freunde hinzu. Wir reden über Ladies, Sport, Frauen, Fußball und die Weiber. Hin und wieder versucht einer der jungen Männer, sich an eine Kellnerin, oder einen weiblichen Gast heranzumachen, aber immer kommen nur Abfuhren heraus. Schade eigentlich. So schlecht sehen die Jungs doch gar nicht aus. Für diesen Blick würde ich von meiner Jasmin nun aber gehörig einen auf den Hinterkopf bekommen. Aber sie ist ja nicht da. Genau – sie ist nicht da.

„Die ist doch gar nicht da!“ ruft mir eine kleine rote Gestalt mit Dreizack auf meiner rechten Schulter zu. „Doch, doch, die ist immer da!“ schreit mir ein in weiß gekleidetes Etwas von der anderen Seite ins Ohr. Aber die rote ist viel gefährlicher mit ihrer Waffe in der Hand, also glaube ich ihr. Außerdem wollen die Jungs schon die ganze Zeit, dass ich ihnen zeige, wie man Frauen beeindruckt und so zum Ziel kommt. Ich begutachte also konzentriert den Raum. Viele gut aussehende Frauen, meist allerdings zu jung, oder anscheinend in männlicher Begleitung. Aber eine Frau scheint gelangweilt allein an einem Tisch zu sitzen. Schöne blonde lange Haare, ein wunderschönes Gesicht. Es nicht zu versuchen wäre ein Verbrechen an das männliche Geschlecht. Die Jungs am Tisch pflichten mir mit Schulterklopfern bei und ich stehe langsam auf um gezielt auf das angepeilte Weibchen zu pirschen.

„Eine so hübsche Frau sollte nicht traurig dreinblicken“ sage ich, während ich mich auf den Stuhl gegenüber setze. „Äh. Bitte was?“ entgegnet mir die Schönheit. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich mich kurz dazu geselle? Ich habe von dort drüben mit meinen Freunden bemerkt, dass Sie geknickt zu sein scheinen, und dachte mir, ich frag mal, ob alles in Ordnung ist?“. „Nein, nichts ist in Ordnung!“ entgegnet sie. Und das schien es wirklich nicht zu sein. Sie erzählte mir von ihrem letzten Freund, der ein ziemliches Arschloch gewesen sein muss, und dass sie einen wirklich schlimmen Abend erlebt hat. Ich versuche sie aufzumuntern, und bestelle uns ein paar Drinks. Nach einiger Zeit beruhigt sie sich, und wir können normal reden. Es macht wirklich Spaß, mal wieder mit einer Frau zu reden, die nicht einfach so wegläuft. Und dazu noch mit einer so hübschen.

Nach einem obligatorischen Toilettengang schlendere ich kurz zur Bar, um noch eine weitere Runde Cocktails zu ordern, als ich auf einmal aufwache. Ich liege in meinem Bett, und schaue verwundert auf die Uhr. 13:34. Mein Kopf brummt. Das zum Thema „Ich hab’ drei Haare auf der Brust und bin ein Bär“. Den Schädel hab ich jedenfalls wie einer. Ich drehe mich zur anderen Seite um den Kopf in eine möglicherweise erträgliche Position zu wenden. Doch was sehe ich da? Eine Frau! Der kurze spontane Anflug von Stolz weicht sofort dem Gefühl des Selbsthasses. Und der Furcht. Hatte ich doch eine wildfremde Frau abgeschleppt, und meine Freundin betrogen. Und das am Jahrestag! Wenn sie das heraus bekommt, bin ich tot. Oder noch viel schlimmer: Sie verlässt mich endgültig. Aaaargh, diese Kopfschmerzen. Wie kommt das? Ich war doch gerade noch quicklebendig in der Bar, und auf einmal bin ich in meinem Bett. Scheiß Filmriss.

Ich stehe auf und gehe in die Küche, um mir eine Tablette einer bekannten Pillendreher-Firma einzuschmeißen, die angeblich gegen alles hilft, aber nur bei Kopfschmerzen ihr Versprechen hält. Immer wieder bin ich darüber verwundert, wie der Kopf es schafft, im Vollsuff noch die Tür aufzuschließen, die Klamotten abzulegen, und alle Lichter aus zu machen, wo das Licht in der Birne schon länger aus zu sein scheint. Noch während die Tablette im Leitungswasser bruzzelt, fang ich an, von der flüssigen Hoffnung auf Ruhe zu trinken. Ich bin fertig und lasse das Glas langsam herunter. Und lasse es fallen. Es zerspringt in tausende von Stücken, aber das ist mir egal. Es ist still. Dann raffe ich mich auf: „Was machst DU denn hier?“.

Die Frau, die plötzlich im Türrahmen lehnt, kommt langsam in den Raum und sagt mit ruhiger Stimme: „Ich verzeihe Dir“. Ich bin verwirrt und glücklich zugleich. Denn es ist Jasmin, die diese Worte ausspricht. Meine Jasmin. Und nein, die Frau, die ich gestern kennen gelernt habe, hieß nicht auch zufälligerweise Jasmin. Das glaube ich zumindest. Hatte ich sie überhaupt nach ihren Namen gefragt? Egal. Jetzt ist alles egal. Ich setze mich auf die Couch im Wohnzimmer. Nach wenigen Minuten kommt Jasmin mit einer frischen Tasse Kaffee dazu „Und, wie geht’s dem Kopf?“. „Ach, hör mir auf. Ich weiß gar nicht, wo der her kommt…“ entgegne ich ihr. Sie lächelt verschmitzt und beginnt eine kleine Geschichte zu erzählen:

“Ich muss Dir noch mal sagen, dass ich gestern sehr sauer auf Dich war. Immerhin haben wir unseren zweiten Hochzeitstag gefeiert.“ Mist, war es doch schon der zweite, denke ich mir. Sie fährt fort. „Dass Du den vergisst ist mir ja schon gleichgültig geworden. Aber ich erinnere Dich mehrfach dran, und Du kommst mit so einem Spaß-Shirt an! Ich hätte Dich köpfen können.“ Genau so fühlt es sich grad an. „Und als Du dann meintest, mich in diesen Schuppen von Bar schleppen zu müssen, um mich da voll zu spucken, während Du mir ‚Du hast drei Haare auf der Brust und bist ein Bär!’ entgegenbrüllst, hörte der Spaß auf. Ich bin aufgestanden und habe mich an einen der hinteren Tische gesetzt. Und geweint. Ich war untröstlich. Ich habe Dich weiter beobachtet, und gesehen, wie Du Dir einen Schnaps nach dem anderen bestellt hast. Bis der Barkeeper Dich weggeschickt hat. Du bist gegen den Kickertisch gerempelt und konntest eine dicke, alte Frau dazu überreden, gegen Dich zu spielen. Du hast fünf Mal in das eigene Tor getroffen und bist wütend davon geschlendert. Dann setzt Du Dich an einen einsamen Tisch und redest scheinbar mit Dir selbst. Ich war schon kurz davor, zu Dir rüber zu kommen, weil ich es nicht mit ansehen konnte. Doch dann sehe ich, wie Du schamlos versucht hast, eine der Kellnerinnen immer wieder anzumachen. Beim vierten Mal gibt sie Dir eine Backpfeife und Du sinkst wieder in Deinen Stuhl zurück.

Dann schienst Du geschlafen zu haben. Allerdings wurdest Du von der Köchin aufgeweckt, als diese die Schürze ihrer Kollegin in einem Schrank hinten gesucht hat. Die Kollegin stand in ihrem roten T-Shirt mit einer Gabel herumfuchtelnd hinter Dir und rief zu der Köchin „Die ist doch gar nicht da!“. Diese schrie in ihrer weißen Schürze zurück „Doch, doch, die ist immer da! Im Schrank, wo sie hingehört.“

Du wirktest etwas verstört, wolltest aufstehen und bist beinahe auf den Nachbarstisch gefallen. Die dort sitzende ältere Dame hat Dich von ihr weggeschubst, und Du bist genau auf mich zu gefallen und kurz vor meinem Tisch gelandet. Während Du Dich versuchst aufzurappeln, lallst Du mir irgendwas entgegen, wie ‚Du’sch a heisch’sch Stck!’. Ich antworte mit ‚Äh, bitte was?’ und Du setzt Dich direkt neben mir. ‚Al-a-alley okay?’ – ‚Nein, nichts ist in Ordnung!’. Als ich das gesagt hatte, warst Du auch schon wieder eingeschlafen. Ich habe uns ein Taxi bestellt, und uns nach Hause gebracht. Im Taxi hast Du im Schlaf gesprochen, wie leid es Dir tut, und dass ich nicht gehen soll. Das war soo süß, da konnte ich Dir nicht mehr sauer sein.“

Jasmin trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee und schaut mich verträumt an. „Dieser Kater ist auch Bestrafung genug, sag ich Dir.“ Sie grinst. „Na, wenigstens habe ich nichts peinliches angestellt“ sage ich mit einem Augenzwinkern, ihr mit den Fingern durch das schöne blonde Haar fahrend. Jasmins Grinsen wird noch breiter. „Na dann solltest Du die nächsten Tage nicht mit den Nachbarn reden. Die haben sich nämlich gewundert, als ein Halbnackter versucht hat, ihre Tür aufzuschließen.“

Ich versinke in Scham und im Schoss meiner Freundin. Meiner Jasmin. Meiner Bärin.

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Kurzgeschichte: Den Faden verloren https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-den-faden-verloren/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-den-faden-verloren/#respond Tue, 20 Nov 2007 11:19:39 +0000 http://www.langeweile.us/2007/geschichten/kurzgeschichte-den-faden-verloren Michael spürt es. Er spürt die warme Sonne auf seinem Gesicht. Er hört die Vögel leise im Hintergrund vor sich hin zwitschern. Nicht lästig, sondern einfach nur als Zeichen des Frühlings. Nicht nur, dass es Michaels Lieblingsjahreszeit ist, nein, es ist zudem noch einer der besten Frühlinge seines Lebens. Dank pre-generationaler CO2-Ausstoßungen kann er sich heute auf sonnige 26 Grad freuen. Und das im März. Dazu kommt ein geordnetes Leben mit jeder Menge Spaß in der Freizeit und guten Karriereaussichten. Erst gestern wurde Michael zum Vize-Abteilungsleiter einer Supermarktfiliale ernannt. Für viele sicherlich kein angestrebtes Berufsziel, aber für ihn das höchster aller Jobgefühle. Solange Spaß mit Lohn einhergeht, ist es der perfekte Job.

Und das allerbeste: Es ist Sonntag. Nicht ein „Ich muss um fünf Uhr raus, um meinem Bruder beim Umzug zu helfen“-Sonntag, sondern ein richtiger. Sorgenfreies Ausschlafen und ein laaanges Frühstück stehen unter anderem auf dem Plan. Michael öffnet langsam die Augen, nimmt den Stift vom IKEA-Nachttisch und macht auf einer kleinen List einen Haken hinter dem Wort „Ausschlafen“. Ja, das muss er schon zugeben. Michael ist verkopft. Verkopft, was ein Wort, aber es passt bei ihm wohl wie die Faust zu Goethe.


Ein paar beherzte Mausklicke, und die am vorigen Abend geordnete Playlist spielt morgendlich auffrischenden Misch-Masch-Mix aus den in der gesamten Wohnung verteilten Boxen. Aufbackbrötchen in den Ofen, Tisch gedeckt, Sonntagszeitung reingeholt, Tisch abgedeckt, Tisch auf den Balkon getragen, Tisch gedeckt. Alles läuft nach Plan. Der Sportteil ist mit Berichten über den gestrigen BVB-Sieg gegen Schalke gefüllt, der Wirtschaftsteil spricht von Aufschwung in Deutschland, und Garfield ist in guter Tagesform. Pling. Die Brötchen sind fertig.

12 Uhr. Die Zeitung in der linken Hand, das geschmierte Brötchen in der rechten. So muss es sein. Doch gerade, als Michael genüsslich in eben diese Zweibelmett-Brötchen-Hälfte beißen will, bemerkt er etwas Eigenartiges. Einen Bindfaden. Direkt um seinen rechten Zeigefinger. Dass er ihm erst jetzt aufgefallen ist… Seltsam. Wie ist er da hingekommen, und was soll das? Eine sorgsam gefertigte Schleife rundet das rätselhafte Gesamtbild ab.

Eins ist klar: Der Faden soll ihn an irgend etwas erinnern. Etwas so wichtiges, dass er seinen obligatorischen Planungsgängen nicht genug vertraut hat. Aber was kann das sein? Michael checkt die für den Tag angefertigte Liste. Ausschlafen, laaanges Frühstück, Musik hören, Spazieren gehen, Baden, bla-blubb. Nur unwichtiges Wochenend-Zeugs. Wenn analog versagt, hilft nur noch Technik. Aber sowohl das Handy, als auch der Computer geben keine sachdienlichen Hinweise.

Jahrestag? Valentinstag? Nein, Michael ist Single. Muttertag, Weltmännertag, oder Welttoilettentag? Nein, die vergisst er nicht. Zumindest die letzten beiden. Geburtstag? Ja, Geburtstag. Das wird es sein. Schnell im StudiVZ eingeloggt. Aber auch hier nichts. Nur in der Gruppe „Ich studiere Supermarktleiter“ gibt es neue Einträge. So langsam wird Michael hibbelig. Den gestrigen Abend kann er aufgrund Unterstützung der norddeutschen Brauerei-Industrie nicht mehr gänzlich rekonstruieren. Aber mit wem er weg war, daran kann er sich noch erinnern. Grob zumindest. Luke war dabei. Genau, Luke. Sein Retter.

Ironisch, dass Michael sich nahezu alle Telefonnummern nach zweimaligem Hören problemlos merken kann, aber ein Bindfaden ihm den Sonntag zerschießt. „Ah, ein Amt“. Das hätte Michael wohl vor sich hingemurmelt, wenn er nicht gerade Luke anrufen würde. „Arg, diese verschissene Tokio-Hotel-Kacke“ hört er sich selbst schreien. Und die Nachbarn sicherlich auch. Denn Luke ist jung und hipp. Okay, er ist 43. Aber im Geiste maximal 42. Und in Sachen Handys auf der intellektuellen Höhe eines Vorschulkindes. Das Blind und Taub sein muss. Denn „Through the Monsoon“ schallt als Hintergrundmusik des Wählvorgangs in Michaels linkes Ohr. Offiziell soll das Lied nur abschreckend für One-Night-Stands und Eltern wirken, aber Michael hat letzten Mittwoch bei Luke einen Tokio Hotel Kalender von 2010 gefunden. Zwei-Tausend-Zehn! Bis dahin ist die Band doch eh aufgeteilt, weil der eine kleine ‚ne Solokarriere versucht, der andere sich ‚nen Tripper fängt und die Frontfrau schwanger wird.

„hmmm? Luke hier…“. Na endlich. „Mensch Luke, wie geh..“ – „Ich bin leider nicht da, aber wenn…“ Düht. Verdammt. Dass er aber auch immer wieder auf diesen „Haha, ich bin gar nicht da, aber tu so, als ob ich da wäre“-Mailbox-Ansagen reinfallen muss. Aber so gut, wie er Luke kennt, ist dieser noch am pennen, und will einfach nur nicht dran gehen. Ein erneuter Gang durch den Monsoon und siehe da: „Jahaaa, Micha! Was ist denn?“ raunzt ein verschlafend klingender Junggeselle aus dem Hörer. „Gut, dass ich Dich erwische. Du, sag mal, ist heute irgendwas Wichtiges?“. „Was Wichtiges? Klar Mann!“. Puh. Wie immer. Der verpeilte Luke soll Michaels Rettung sein. „Heute ist doch Sonntag. Das bedeutet Schlafen bis um 9. Dann heimlich aus dem Schlafzimmer der Perle abhauen, und zu Hause Schlafen bis 16. Und Du Sack musst mich stören.“ Und weg war er. Sowohl der einleuchtende Hinweis, als auch Luke aus dem Reich der Telekom.

Aber es waren doch noch andere Leute da. Gerade, als Michael angestrengt nachdenkt, wen sie des Nachts noch in die Arme gefallen sind, klingelt es diesmal bei ihm. Und zwar an der Tür. Ein kurzer Schalterdruck, ein kurzes Surren, ein langer Zeitraum und ein noch länger anhaltendes Ächzen beschreiben den Weg des UPS-Mannes wohl treffend. „Michael Brink?“ schnaufte es gerade noch hervor. „Ja, genau, der bin ich“. „Mensch, …hehh… in den fünften… hech.. .Stock… fühh… Und das an so einem Tag…“. „Ja, das tut mir leid.“ Aber ist halt Dein Job, Du verdammter postpubertärer-Postbote. Hihi, post-pubertär. „Ähm, wieso gerade an diesem Tag? Ist heute etwas Wichtiges?“. „Naja, schönes Wetter. Wollte noch zum Baggersee…“. „Achso. Naja, danke. Tschüss“ schafft es der Schall gerade noch von Michaels Mund zum Post-Ohr, während die Tür wieder ins Schloss fällt. Warum sollte auch gerade Dietmar von und zu Paketfettie ihm das sagen können…?

Vielleicht hat ja das Paket Antworten. Nein. Das Paket kommt von Michaels Mutter. Und in ihm ist eine Bibel. Ja, eine Bibel. Darin stehen bestimmt keine Antworten. Das Telefon hat Michael immer noch fest im Griff. Wie war noch gleich die Nummer von der Auskunft, die auf wirklich alles eine Antwort hat? Ach ja.. Fußballspieleranzahl, Alter der Oma, keine Ahnung. 11 Spieler, Michaels Oma ist 92 und die Null. „Ah, ein Amt“ ist, was Michael sagen würde, wenn nicht sofort ohne vorheriges ‚Tuuten’ ein Band angesprungen wäre. „Hallo Du kleine Sau. Du wirst sofort mit der nächsten freien Studentin des Mädcheninternats verbunden. Oder willst Du mit Rektorin Mandy sprechen? Dann drücke die 3.“ Hm, eine Rektorin ist auch irgendwie falsch, denkt sich Michael und legt wieder auf.

Der Hörer wird durch die Fernbedienung ausgetauscht, und schnell erscheint ProSieben auf der Flimmerfläche. ‚Ah, heute ist Simpsons-Marathon,’ denkt sich Michael und weist sich daraufhin, dass dies wohl kaum der Grund für sein mehr als rätselhaften Fingerschmuck sein kann. 3 Stunden und sechs knallgelbe Folgen aus Springfield später überlegt sich Michael in die Bar von gestern Abend zu gehen, um Nachforschungen an zu stellen.

In der S-Bahn denkt Michael weiter darüber nach, was das ganze zu bedeuten hat. Normalerweise würde er nun in der Badewanne liegen und auf die selbst gemachte Pizza im Backofen warten. Und was macht er? Er sitzt zwischen einem Punk, der wohl sein erstes Geld seit Wochen lieber in eine Dusche, als in ein Fahrticket hätte investieren sollen, und einer Mutter, die ihr quengelndes Baby nicht wirklich unter Kontrolle hat, weil sie sich auf den halb aufgegessenen Döner konzentrieren muss. Nach 4 Stationen und gefühlten achtundvierzig-einhalb Minuten Schweiß-Knoblauch-Geruch ist Michael da. Einige Meter zu Fuß und er erreicht die HörBar. Wie fast jeden Samstag nimmt der Abend hier seinen Lauf. Die Musik ist gut, die Atmosphäre chillig und die Getränke bis 24 Uhr günstig. Danach sind sie meist eh in einem der zahlreichen Clubs der Stadt und zappeln angetrunken zu den gängigsten Liedern der Nachkriegszeit.

Die Kellnerin kommt auf Michael zu und begrüßt ihn mit einem Lächeln. „Hallo Michael. Na, schon wieder fit von gestern?“ fragt sie, dabei mit dem Arm auf einen freien Stuhl an der Bar deutend. Michael nimmt Platz und antwortet: „Hallo Maren. Ja, bin wieder recht fit. Ich wusste gar nicht, dass Du auch sonntags arbeitest?!“ „Ich musste heute für Mandy einspringen, die plötzlich krank geworden ist.“ Nach einem Willkommens-Bier muss Michael seine Lieblingsbedienung nach dem gestrigen Abend fragen. Aber alles war wie immer. Und Maren hat nichts Ungewöhnliches an Michaels Finger bemerkt, als sie die Bar verlassen haben. „Komisch. Ich komm einfach nicht drauf, woran mich der Faden erinnern soll.“ – „Schon an Jahrestag, Geburtstag oder so gedacht?“ – „Natürlich…“ „Tut mir leid, dann kann ich Dir auch nicht weiter helfen. Aber vielleicht kann man Dir in einer der Clubs, in denen ihr später noch ward einen Hinweis geben“ sagt Maren und spült weiter Weizengläser aus.

Nachdem Michael bezahlt hat, geht er aus der Bar, und fährt mit der letzten S-Bahn der Nacht in den einzigen Club, an den er sich noch erinnert, gestern auch darin gewesen zu sein. Doch auch dort kann man ihm nicht weiterhelfen. Zuhause würde er nun in Ruhe einen guten Film schauen. Und nun sitzt er neben „Onkel Heinz“, der im Nachtclub seiner Wahl sozusagen zur Einrichtung gehört. Sie tratschen über alte Zeiten, treffen weitere bekannte und unbekannte Gesichter. Schnell lernt Michael eine nette Dame kennen, und nach einigen Drinks werden die Nummern ausgetauscht. So langsam denkt er schon gar nicht mehr, was er an einem normalen Sonntag zu Hause machen würde. Es ist auch so ein angenehmer Abend geworden. Auf dem Weg zur Taxi-Sammelstelle öffnet er die Schleife am des Bindfadens an seinem Finger und schmeißt ihn in eine Mülltonne.

„Ah, – hicks – ein Amt“ sabbelt Michael vor sich her, als er am Standesamt der Stadt vorbeischlendert. Ein Taxi, in welches er sich hineinfallen lassen kann, ist schnell gefunden. Mit leichten Verständigungsproblemen kann er dem netten, aber der deutschen Sprache eher mäßig mächtigem, Fahrer dann doch noch erklären, wo er eigentlich hin will, und macht sich bereit für geschätzte 10 Minuten Schlaf. Doch dann hört Michael einen Ruf aus Lenkradrichtung: „Sie nicht junge Mann von gestern Abend?“ „Ähm… Kein Plan, Mann,“ erwidert Michael. „Doch, doch, Sie kommen bekannt vor. War gestern Abend mit junge Frau und andere junge Mann hier. Die anderen beiden eher ausgestiegen sind und Frau Ihnen Band um Finger gemacht.“

Plötzlich war Michael wieder hellwach. Immer noch betrunken, aber wach. „Der Faden. Ja, genau, ein Faden! Wissen Sie, was der zu bedeuten hat?“ platzt es aus ihm heraus. „Hat Dame gesagt, Sie sollen an etwas erinnert werden. An Versprechen, Sonntag nicht lahm, wie jede Woche zu verbringen, sondern zu leben, und etwas ungeplantes und spontanes zu machen.“

Da war sie, die Erleuchtung. Das hätte Michael gedacht. Wäre er nicht bereits eingeschlafen. Am nächsten Morgen klingelt sein Wecker, und er macht sich bereit für die Arbeit. Nach dem Duschen und dem Essen geht er seines Weges. Ohne Faden am Finger, und ohne Abhaken an seiner Liste. Verkopft und Michael? Das passt wie Faust zu Schiller…

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Kurzgeschichte: Die Reise (I) https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-die-reise/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-die-reise/#comments Sun, 01 Jul 2007 08:00:07 +0000 http://www.langeweile.us/2007/geschichten/kurzgeschichte-die-reise Es ist sicherlich schon zwei Minuten über die reguläre Spielzeit und es steht immer noch 1:1 im Derby des Jahres. Plötzlich liegt der Ball genau vor meinen Füßen. Ich lasse elegant den letzten Verteidiger mit einer Körpertäuschung stehen und renne aufs Tor zu. Der Torhüter steht ein paar Meter zu weit vorne. Das könnte doch was werden. Angesetzt zum Lupfer… Und ja, der könnte passen! Langsam senkt er sich in den Winkel, und – OHRENBETÄUBENDER LÄRM!

Schockiert springe ich regelrecht auf und stoße mit dem Kopf an mein Bücherregal. Ich wusste, ich hätte es nicht genau über das Bett schrauben sollen. Noch etwas unorientiert fingere ich nach meinem Handy, welches auf dem Nachttisch fröhlich vor sich hin blinkt. Und noch viel schlimmer, es vibriert. Und dass „Highway to hell“ als Klingelton scheiße ist, habe spätestens jetzt auch ich gemerkt.

„ähm… ja?“
„Mensch Steffe, wo bleibse denn?“
„Wie, wo bleib’ ich?“
„Ja, stehn hier am Bahnsteig und der Zuch kommt gleisch… Urlaub is Urlaub. Hau ma rein!“
„Jaja, Urlaub ist Urlaub. Besuchen doch nur Ingo in Dortmund. Wieviel…. Oh, schon 9 durch, fuck!“
„Jahaa. Fuck im Quadrat sach isch Dir!“
„Ja.. äh.. versuch so schnell es geht zu kommen, ansonsten fahrt ihr schon mal, nehm dann ’ne Bahn später.“
„Aber was ist mit dem Bier?“
„Ach jaaa… das sollte ich auch noch mitbringen… Ähm, holt was am Bahnhof, geht auf meine Rechnung. Bringe dann Nachschub mit.“
„OK, dann is ja jut. Bis denne!“

Mist. Verdammt. Da sieht man mal wieder, wie abhängig man von so kleinen wertlosen Digitalspielereien ist. Kaum will das Handy einmal nicht morgens klingeln, verpasst man einen wichtigen, sprich privaten, Termin. Und dann ist es wieder hinterrücks teuflisch und klingelt einen bewusst ironisch mitten in die Fresse. Eineinhalb Stunden zu spät.

Jetzt kann man’s auch nicht mehr ändern. Rein in die Klamotten, PC bleibt aus und Duschen ist nicht drin. Nur schnell Waschen und Haare machen. Rasierer, Sachen zum Wechseln und das nötigste Kleinzeugs in den Rucksack, ne Banane als Frühstück in die Hand und raus aus der Tür. Wieder rein in die Tür, Fenster in der Küche zumachen, Schlüssel und Handy vom Nachttisch nehmen, und wieder raus aus der Tür. Im Treppenhaus merken, die Banane wieder abgelegt und vergessen zu haben. Scheiß drauf!

Immerhin das: Die Straßenbahn ist pünktlich! Naja, das heißt, eigentlich wie immer zwei Minuten zu spät, aber für mich, der ja rund eine Stunde plus zwei Minuten zu spät ist, genau richtig. Rein in die Bahn und erstmal irgendwo auf einen freien Platz geschmissen. Noch mal schnell alles checken. Zwei gleiche Schuhe, zwei gleiche Socken, eine Hose an. Wow, Steffen, hast ja doch noch alles gut hinbekommen. Komischerweise glotzt dennoch so ein komisches Kind von der Sitzbank gegenüber zu mir rüber und grinst sich einen.

„Na, kleine. Was kicherste denn so?“
„Du bist komisch!“
„Jaha.. spricht sich mein irrwitziger Humor schon bis in die Kindergärten rum?!“
„Hihi. Nein, aber der große Fleck da ist lustig!“

Oh Nein! Hose an: Ja. Vorher gecheckt, ob es nicht die nur noch zu Streich- und Arbeitszwecken zu nutzende Altjeans ist, mit der ich mich anno 2001 bei einer Familienfeier auf die Blaubeertorte gesetzt habe: Dööööht. Natürlich nicht. Verdammt, da muss ich jetzt wohl durch. An der Haltestation Hauptbahnhof angekommen, kann ich mir beim rausgehen allerdings nicht den Kommentar „Den Weihnachtsmann gibt es gar nicht!“ in Richtung des kleinen Mädchens verkneifen.

Meine letzte Hoffnung, den primär eingeplanten Zug Richtung Dortmund noch zu erwischen, zerschlug sich in dem Moment, in dem ich auf die Fahrzeitentafel blickte. Keine Verspätungen. Das kann ja wohl nicht sein. Der Zug war somit pünktlich. Pünktlich angekommen, und pünktlich losgefahren.

„Eine Durchsage: Steffen Burghaus hat momentan eine kleine Verzögerung. Aufgrund technischer Billiggeräte und duseliger Kicher-Kinder, wird er den Endpunkt Hauptbahnhof mit etwa 2 Minuten Verspätung erreichen. Keine Bange, ihre Anschlusszüge werden sie alle verpassen!“

Toller Mist. Einmal in meinem Leben ist ne Bahn pünktlich, und dann bin ich es mal einmal nicht. Egal, nun habe ich wenigstens Zeit noch mal auf’s Klo zu gehen. Neben diverser Notdürfte verrichte ich spontan noch einen Hosenwechsel, womit mein Kontingent für die kommenden fünf Tage Dortmund-Aufenthalt aufgebraucht wären. Dann noch schnell einen giftigen Blick der Klofrau eingeheimst, aber selbst WENN ich nicht nur einen Fünfzig-Euro Schein in der Tasche hätte, täte es bei ihr nicht klingeln.

Die sonst lästigen gelben Abfahrtanzeigen haben sich natürlich spontan rar gemacht, so dass ich zehn Minuten durch die Halle irre, um endlich eine zu finden. 45 Minuten. Eine Fußballhalbzeit. Drei Steinofenpizza-Garzeiten, zwölf Kippen. Dann kommt mein B-Zug. Und was soll ich bitte in der Zeit anstellen? Mein Magen wusste eine Antwort. Wie ein erwachsener Mann es nun einmal macht, gehe ich natürlich nicht zu McDonalds, um mir um 10 Uhr morgens einen Burger reinzuzimmern. Genau, ich gehe zu Burger King, um mir um zehn Uhr morgens zwei Burger reinzuzimmern. Dazu ein Milch-Shake Banana Split – hach, die Welt ist wieder in Ordnung.

Als der Zug einrollt, stehe ich in erster Reihe am Bahnsteig, etwas eingeschüchtert, durch ein Kartenspielgrüppchen, bestehend aus geschätzten acht Frauen, nahezu dreistelliges Durchschnittsalter. Da eine von ihnen leider das „Die Tür hält genau vor mir“-Los gewonnen hat, versuche ich erst gar nicht hektisch in den Wagen zu kommen, sondern renne hektisch zu einer anderen Tür.

Im Waggon ist schnell ein Platz gefunden. Noch schnell ein prüfender Blick. Ha, keine Reservierung! Mit Tisch, mit Fenster, mit Armlehne, mit allem drum und dran. Erleichtert lasse ich mich in den Sitz fallen und sehe den armen hektischen Nachkömmlingen zu, wie sie sich zwanghaft einen Platz suchen. Dazu die Ohrstöpsel meines MP3-Players rein…

„Oh lord, won’t you buy me, a Merce…“

…und wieder raus. Eine ältere Dame stubst mich mehrfach mit ihren knöchrigen Fingern in die Seite.

„Junger Mann?!“
„Hää?“
„Das ist unser Platz, auf dem Sie da sitzen!“
„Bitte wie meinen?“
„Den haben wir reserviert!“
„Aber ich hatte doch extra geguckt…“
„Ja, manchmal schalten sie die später erst ein…“

Tatsache! Auf einmal blinkt über meinem Kopf ein klares „Hannover Hbf – Bielefeld Hbf“. Mist… in der Zeit hätte ich locker woanders nen Platz gefunden, nun scheint alles voll. Und der Zug fängt an zu rollen. Schnell alles zusammengepackt und in den Nachbarwaggon. Auch hier scheint alles voll zu sein. Nein! Hinten links ist anscheinend noch ein Platz frei. Aufgrund der etwas überschlanken Person auf dem Nachbarsitz schien dieser zuerst besetzt zu sein. Auf der Reservierungsanzeige ist „Hannover Hbf – Dortmund Hbf“ zu sehen. Aber der Zug ist ja schon in Bewegung, und weit und breit niemand zu sehen, der den Platz in Anspruch nimmt. Und nach einigen Minuten sehe ich mich in meiner Entscheidung, den Platz zu besetzen, mehr als bestätigt, denn die Reservierungslampe erlischt.

„…des Bence?! My friends all drive Por…“

Erneut werde ich aus dem kurzen Musikintermezzo geprügelt.

„Nein, ich möchte nichts trinken, danke.“
„Ähm, das ist mein Platz, auf dem Sie da sitzen.“

Sabbelt es und hält demonstrierend eine Platzkarte in die Luft.

„Aber, das Licht ist bereits aus,…“
„15 Minuten!“
„Was, 15 Minuten?“
„So lange hat man noch ein Anrecht darauf. 10:49 Abfahrt, 11:04 erlischt es…“

Und wir haben 11:03 Uhr. Bingo. Erneut sammel ich meine Sachen und stehe auf. Ich versuche erst gar nicht im nächsten Waggon unter zu kommen, sondern hocke mich im Zwischenbereich vor den Toiletten hin. Gar nicht mal soo unbequem.

30 Minuten und fünf Sitzpositionswechsel später, denke ich weitaus anders darüber. Es macht schon was aus, die drei Euronen Gebühr für eine Sitzplatzkarte zu blechen. Das weiß man erst nach einem solchen Trip zu schätzen. Wundert mich, dass nicht auch hier jemand kam, und meinte, der Platz würde ihm gehören, und auf ein über meinen Kopf leuchtendes Schild, oder seinen eingeritzten Namen deuten. Aber das blieb mir immerhin erspart.

Nicht so leider der Dortmunder Bahnhof. Ich dachte ja, der Ruhrpott sei hässlich, aber der Bahnhof…?! Egal, meine Freunde jedenfalls hatten ihren Spaß. Die saßen auf einer der unzahlreichen Bänke, besaßen anscheinend mehr leere, als volle Flaschen Bier in ihrem Kasten und waren happy mich zu sehen.

„Mensch, Steffe, da biste ja auch noch!“
„Tja, kann euch ja nicht hängen lassen. Nett, dass ihr hier gewartet habt.“
„Kein Ding. Du bist doch eh der einzige, der nen Plan hat, wie’s nun zum Hotel geht. Außerdem ging das Bier ja auf Deine Kosten.“
„Hehe, kein Ding. Was macht’n das?“
„28 Euro.“
„WAAS? Achtundzwanzig Euro für nen Kasten Bier?“
„Ist halt teuer am Bahnhof. Ist doch kein Ding, haste gesagt…“
„Sind 28 Dinger… aber egal, Urlaub ist Urlaub.“

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Kurzgeschichte: Sieben Uhr https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-sieben-uhr/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-sieben-uhr/#respond Mon, 28 May 2007 07:22:58 +0000 http://www.langeweile.us/2007/geschichten/kurzgeschichte-sieben-uhr Kurzgeschichte: Sieben Uhr siebenuhr

Wach? Wach. Ja… Wach. Nicht nur so ein bisschen wach, sondern mal so richtig wach. „Warum nur?“ fragte sich Thorsten, seine Augen waren dabei aufgeschlossener, als Kader Loth für eine TV-Kamera. Warum war eigentlich mehr als klar: Das Piepen. Nun ja, eigentlich würde er das Piepen wie üblich überhören. Aber heute gab es den unpassenden Zufall, dass unpassender Weise eine vor allem Thorsten nicht passende Baustelle direkt vor seinem Fenster auf der Straße vor sich hin lärmte. Normalerweise bekommt er auch das in den Griff, aber heute ging es nicht. Ein Auto ist anscheinend voll in eins der vielen gelben Baustellen-Vehikel gerast. In so eine Planierraupe, oder was auch immer. War ja auch eigentlich egal, der plötzliche Knall war eher das Problem. Thorsten empfand seinen Gemütszustand als kurz, aber prägnant hellwach. Erst letzte Woche hatte er herausgefunden, dass ‚prägnant’ nicht für schwanger steht, und versucht es seitdem regelmäßig einzusetzen. Und in diesem kurzen Zeitfenster der Hellwachigkeit trat es ein: Das Piepen. Mitten in den Raum. Mitten in sein Ohr. In den Kopf, und da wollte es anscheinend auch bleiben.

Selbst, wenn jemand die Quelle des Geräusches ausstellen sollte, glaubte Thorsten fest zu wissen, dass es bleiben würde. Es lief auch immerhin schon etwa 90 Sekunden lang. Immer wieder eine schrille Aneinanderreihung hoher Pieptöne. Wie das ein Wecker nun mal so macht. Leider war es nicht Thorstens Wecker. Es war, wie so oft, der Wecker seines Mitbewohners. Lukas hatte ein Faible für lange Reaktionszeiten. Und dafür, sein Zimmer immer abzuschließen. Und Thorsten so dem Piepen gnadenlos auszuliefern. Im Sport war Lukas eh schon immer eine Null, aber auch in den alltäglichen Dingen ging er die Sachen eher smooth an. An sich keine schlechte Eigenschaft, aber bei klingelnden Sachen hört der Spaß dann auf.

Es gab an sich drei Möglichkeiten, dachte sich Thorsten. Erstens: Lukas war mal wieder ordentlich feiern und hat sich dermaßen tot-gesoffen, dass er sogar eine 48-Mann Marschkapelle auf seinem Bett mit Ignorierung strafen würde. Zweitens: Lukas ist mal wieder ordentlich feiern, und der Zeitpunkt des tot-gesoffen im Bett liegen folgt später, oder der ‚Vorgang’ läuft zwar momentan, allerdings in einer anderen WG. Die dritte Möglichkeit wäre, dass die serbische Energy-Drink-Mafia Lukas einen Besuch abgestattet hat, und ihm aufgrund seiner milliardenschweren Unterstützung amerikanischer Großunternehmen die Ohren und das Gemächt abgeschnitten hat. Okay, das Gemächt hätte mit dem Piepen nichts zu tun, aber Thorsten stand sich diesen Bonus ein, immerhin wird er nun schon seit mindestens 180 Sekunden gequält. Der Gedanke gefiel ihm sogar so sehr, dass er bereits überlegte, mit welchem Messer aus der spärlich ausgestatteten Küche er der serbischen Mafia zu Hilfe kommen kann, sobald Lukas nach Hause kommt.

Egal warum das Piepen auch da ist, es ist nun mal da. Und was viel schlimmer ist: Der Tag noch lange nicht. Thorstens Wecker zeigt ein fröhlich blinkendes Paar von Punkten inmitten einer 7 und zwei Nullen. 07:00 Uhr. In Worten: Sieben (!) Uhr. Mit rechthaberischer Miene beäugt Thorsten, dass seine Alarmfunktion bewusst ausgestellt war. Denn es war Samstag. Wohl der letzte freie Samstag der nächsten Wochen. Zumindest für Thorsten. Sieben Uhr, wie unmenschlich. Das bedeuteten bislang satte 5 Stunden Schlaf. Da wären locker noch mal 5 Stunden drin gewesen…

„Schlaf ein – Is’ Nacht!“ sagte sich Thorsten immer wieder selber. Aber auch diese Parolen, und etliche andere noch so kindische Methoden brachten ihn nicht dazu, auch nur annähernd zu schlafen. Er starrte nun zentral auf sein voll lizenziertes Fifa-WM 2006 Kissen, welches neben seinem Hauptkissen lag. 100% Polyester, bei 30 Grad waschen… Die restlichen Symbole sagten Thorsten nichts, aber waren wohl auch nicht so wichtig, da sie allesamt durchgestrichen waren.

Wach. Da kommt er nun auch nicht mehr raus. Wach aber müde. Scheiße aber auch. Egal, nun müsste er das Beste daraus machen. Immerhin hat er Zeit dadurch gewonnen. Zeit ist Geld, Geld ist Ruhm und Beliebtheit, also eigentlich gar nicht so schlecht, um 7 Uhr nachts wach zu sein. Und dazu nicht betrunken.

Also stieg Thorsten mehr oder weniger elegant aus dem Bett, stieß mit einem Zeh gekonnt den Power-Schalter seines Rechners und mit einem anderen ungekonnt ein Bein seines Tisches an und schlich gen Fenster. Erst einmal gucken, was ihm da unten dieses Vorstadium der Apokalypse verschafft hat. Wie er es geahnt hatte. Ein Auto. Quasi mitten in der Baustelle. Nicht eine Planierraupe, sondern ein guter alter Bagger hatte sich dem kaum mehr erkenntlichen Kleinwagen in den Weg gestellt. „War bestimmt wieder so’n Besoffener,“ murmelte Thorsten vor sich hin. Er schloss das Fenster, bemerkte aber, dass das Piepen dadurch nur noch penetranter wirkte, und öffnete es daher ganz. Dass Lukas aber auch immer so ein fernöstliches Zeugs im Internet kaufen muss. Mit superlanger Laufzeit. Na toll.

Kaum ist der PC hochgefahren, heißt es Mails checken, Nachrichten checken, Toilette checken. Hm, Mails waren keine da. Und das anscheinend bei allen acht Adressen, die Thorsten besaß. Noch nicht einmal Spam. Selbst Spam schläft um Sieben Uhr noch. Auch in Sachen Nachrichten gab es nichts Neues, seitdem Thorsten das letzte Mal online war. Selbstmordattentäter, George W. Bush, Knut und Uli Hoeness. Alle waren sie so schlau, um diese unmenschliche Zeit zu schlafen. Und auch die Toilette schien auf den ersten Blick unverändert. Selten war Thorsten ohne Eile und in solch wachem Zustand auf dem Klo. Ihm war noch nie aufgefallen, dass die Kacheln auf dem Boden andere waren, als die an der Wand.

Im Fernsehen lief nur Mist, Wiederholungen von Mist, oder Nachrichten, die Thorsten ja schon alle kannte. Kurzerhand entschied er sich runter zum Bäcker zu gehen. „Zwei Brötchen und ein Kaffee bitte.“ – „Ach, ein Kaffee zum wach werden, soll es wohl sein?“ sagte die Verkäuferin. Da hatte dieses überwache und überfreundliche Ding Recht. Wirklich Sinn machte das ja nun nicht, ein Kaffee, wo Thorsten doch eigentlich schlafen will. Sein Kopf scheint demnach schon kapituliert zu haben. Die Verkäuferin machte ihm jedoch Angst. Ist ja auch einer von diesen Cyborgs… Muss sie einfach sein. Ein Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Cyborg. Wie sollte sie sonst derart kluge Schlüsse um diese Zeit schließen können. Unmenschlich halt.

Auf den Straßen war absolut nichts los. Von den drei Arbeitern unten mal abgesehen war keine Menschenseele anwesend. Oh doch, einer war da noch. Anscheinend wirklich betrunken hockte der Fahrer des gecrashten Kleinwagens über seinem eigenen Erbrochenen in der Nähe eines zuvor farbenfrohen Gebüsches. Doch als Thorsten genauer hinschaut, reagiert er etwas geschockt, überlegt einen Moment und schreitet zu dem jungen Mann.

„Du bist so ein Vollpfosten!“ schrie Thorsten so laut es geht heraus, und schleuderte dem Mann die Brötchentüte gegen den Kopf. „Autsch! Was soll denn das?!“ sagte dieser. „Mensch Lukas. Was machst Du denn hier? Fährst zwei Meter vor der eigenen Wohnung in ‚ne Baustelle! Wo warste denn?“. Lukas guckte etwas bedröppelt drein, und versuchte Thorstens Gesicht angestrengt zu fokussieren. „Naja, ich war im Zuki…“. Thorsten entgegnete verwirrt: „Aber das ist doch nur eine Straße weiter. Zu Fuß etwa 4 Minuten!“. „Jaa… wollt halt mit der Karre Eindruck machen…“ versuchte sich Lukas zu rechtfertigen. „Mit nem 92-er Kleinwagen? Na das haste ja geschafft. Nen großen Eindruck. Mitten im Bagger.“

Nachdem die Polizei da, und alles abgeregelt war, begaben sich die beiden wieder zur Wohnung. Lukas schoss die Schuhe in eine Ecke des Flurs, ließ die Jacke auf den Boden fallen, ging in sein Zimmer, und schaffte es im Fallen auf sein Bett gekonnt den Wecker auszuschalten. Der zerschellte auf dem Fußboden in mehrere Teile und schien vorerst keine Mitbewohner mehr zu nerven.

Thorsten stellte Lukas’ Schuhe in das Regal und hob die Jacke auf. Dabei fiel klimpernd etwas aus einer der Taschen. Da lag er. Einfach so und blinkte Thorsten hämisch ins Gesicht. Der Schlüssel zu Lukas’ Zimmer.
Es war aufgeschlossen. Die ganze Zeit. Auch um Sieben Uhr.

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Ich nehme mit dieser Geschichte beim Kurzgeschichtenwettbewerb „sieben“ teil. Drückt mir die Daumen, mit etwas Glück wird sie veröffentlicht. ;)

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Kurzgeschichte: „Einkaufen“ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-einkaufen/ https://www.langweiledich.net/kurzgeschichte-einkaufen/#comments Mon, 21 May 2007 07:00:53 +0000 http://www.langeweile.us/2007/geschichten/kurzgeschichte-einkaufen Kurzgeschichte: "Einkaufen" einnkaufen_kurzgeschichte_bild Frank war etwas genervt. Einkaufen stand an. Nicht, dass er schon genug mit Fernseh-Gucken und Playstation-Spielen hat, nein, nun soll er für seine Liebste auch noch die 82 Stufen hinuntersteigen und durch den verregneten Novembertag rennen, um unwichtige Sachen zu besorgen. An der passenderweise roten Fußgängerampel kramt er den extra für ihn angefertigten Zettel aus der Hosentasche. Milch, Brot, Käse, Wasser, Mehl, Äpfel,Tampons, .. Nichts wichtiges dabei, wie er es geahnt hatte. Die letzten beiden Punkte waren verschwommen und nicht lesbar. Könnte am Regen liegen. Gut so, dann ist es weniger zu schleppen nachher.

Nach unendlich erscheinenden 42 Sekunden schaltete die Ampel auf Grün. Hätte Frank doch nicht so eingängig den Zettel studiert und die erste Passierphase dem Wortlaut nach passend verpasst… Schnell vorbei an weiteren frierenden und schlecht gelaunten Menschen, die sicher auch alle Tampons und Milch kaufen müssen. Sie alle tun Frank leid. Genau, wie er sich selber. Nur ein kleiner Junge tat ihm noch mehr leid… Der hatte keine von ihm selbst ausgewählte Freundin, die ihn losschickte, sondern eine von seinem Vater ausgewählte Mutter, die ihn sinnlos mitschleift. Warum holt sie ihre Tampons nicht alleine? Wird sich wohl auch der kleine Bengel denken, als er wütend in eine der zahlreichen Pfützen springt und somit Flecken auf den Mantel der vermeidlichen Mutter, und ein Lächeln auf Franks Gesicht zaubert.

Im Laden war die Hölle los. „Haben die Leute nichts besseres zu tun, als genau dann einkaufen zu gehen, wenn ich es muss?“ dachte Frank sich. Anscheinend nicht. Alle Kassen waren geöffnet, aber die Leute schlängelten sich dennoch. Lange Reihen gequälter Mitvierziger-Gesichter. Könnte auch ein Vorverkauf eines Tokio Hotel Konzertes sein. All die Menschen, die für andere, meist kleinere, Menschen durch den Monsun Regen müssen, um für diese irgendwas zu holen, was man eigentlich nicht braucht. Wie bei Frank. Tampons, Milch, Äpfel… und bestimmt erst recht die zwei verschmierten Sachen.

So schnell es ging sucht sich Frank alle Sachen zusammen, die er besorgen soll. Markennamen und Preise sind dem Faktor Greifbarkeit eindeutig untergeordnet. Kurz bevor er in eine der Damenregalreihen abbiegt, überlegt Frank, ob er sich Gedanken über die Tampons machen soll, verwirft dies aber sofort, als er das große Schild mit der Schrift „Sonderangebot“ erblickt. Fünf Packungen zum Preis von Vieren. Klasse! So muss er bestimmt eine Zeit lang nicht los, und männerverspottendes Einkaufsgut besorgen. Rein damit in den Einkaufswagen. Die zwei verschmierten Zeilen auf der Einkaufsliste versteht Frank als gottgegebene Joker. Universell nach Gunst des Einkaufsleiters interpretier- und einsetzbar. Da die Leiterin aber nicht da ist, darf der ausführende Sklave die Entscheidung treffen. Also schnell ein Sport-Magazin, eine Tiefkühlpizza und ein saftiges Steak geholt und gekonnt über die Tampons frapiert, um diese zu verdecken. Muss ja nicht jeder sehen, zumal es aussieht, als leide seine Freundin an inneren Blutungen. Pizza und Steak sah Frank als Unterprodukte des Punktes Essen an, und somit als einen verbrauchten Joker.

So, alles aufgetragene im Wagen, ab zur Kasse. „Oh nein!“, denkt sich Frank, als er in der vermeidlich kürzesten Reihe seinen nervigen Nachbarn Tobias aus dem zweiten Stock sieht. Spontan auf die längste Schlange umgeschwenkt. Aber die scheint auf einmal deutlich flotter voran zu gehen, als die anderen. Man steht auch einfach immer an der falschen Schlange! Nach kurzer Zeit steht Frank auf einmal neben Tobias. „Ach, schau an, der Frank! Na, haste auch mal Freigang?“ lässt sich Tobias nicht lang auf eine Konversation einladen. „Hi. Ähm, ja. Muss was für die Wärterin besorgen..“ entgegnet Frank ohne seine Genervtheit zu verbergen. Dabei fängt er an, seine Artikel nach und nach auf das Band zu stapeln. Da es nicht wirklich voran geht ist sein Einkaufsgut mittlerweile weitaus höher, als lang angeordnet.

„Wow. Habt ihr ne Kuh geschlachtet, die euch die Küche zublutet, oder warum das Tampon-Geschwader da?!?“ bricht es kichernd aus Tobias raus. „Ja, genau Tobias. Für das Schwein hatten Sandras Vorräte noch gereicht, aber für die Kuh brauchten wir Nachschub,“ sagt Frank, weiter Sachen auf das Band legend. „Hach, Du bist so witzig Frank! Du, sag mal, was hältst Du denn davon, wenn ihr heute Abe…“ – „Du, sorry Tobias. Aber bei mir hier geht’s weiter, bin jetzt dran. Sprechen ein anderes Mal.“ Gerade noch geschafft. Das wäre wieder so ein verlorener Abend gewesen. Mit Schreinerlehrling Tobias und seiner dicken Freundin die ganze Zeit Verliebt-In-Berlin-DVDs schauen oder anderes unmenschliches Zeug machen. Wirklich voran ging es jetzt bei Franks Schlange natürlich nicht. Die Rentnerin vor ihm versuchte zwanghaft mittels 2-Cent-Stücken den verlangten Preis von 1,53 EUR für ihren stündlichen Großeinkauf zusammen zu kratzen.

Als Frank endlich an der Reihe ist, tut ihm die Kassiererin, die gerade seinen Stapel mühsam abbaut, noch mehr leid, als er sich selbst. Immerhin muss sie den ganzen Tag lang schlechtgelaunte und bemitleidenswerte Personen erleiden, wie er es einer ist, und dabei zumindest versuchen freundlich zu sein und glücklich zu wirken. Den Versuch schien Frau P. nicht wirklich starten zu wollen. Dennoch scheint sie wohl die einzige noch bemitleidenswertere Person, als Frank selber, zu sein. Ach nein! Da war ja noch der kleine Junge von vorhin. Genau den erblickt Frank nämlich beim Blick zur Bäckerei. Da steht er. Der kleine, ach so bemitleidenswerte Junge. Und dreht sich zu Frank. In der Hand ein Eis, und im Gesicht ein Grinsen und anscheinend noch ein komplettes Eis. Jetzt hat es selbst der gut. Verdammt.

Egal. Endlich raus aus dem Laden. Frank schaffte die Ampel gleich bei der ersten Grünphase und torkelte aufgrund des Gewichtsunterschieds der beiden Tragetaschen, wie ein Besoffener durch’s Treppenhaus. Im zweiten Stock war er besonders leise, damit Tobias oder seine dicke Freundin ihn nicht bemerken. Oben angekommen klingelt Frank schnell, weil er keine Lust hat, nach dem Schlüssel zu fingern. Als die Tür aufgeht, ist Frank mehr als erleichtert, nicht nur um die zwei Tragetaschen, die er im Flur abstellen kann. Schnell ein Kuss für Sandra und ab auf die Couch, wieder wichtiges machen, wie Fernseh-Schauen.

Aber Sandra hatte da wohl etwas gegen: „Schaahaatz? Kannst Du die Tüten bitte schonmal in die Küche bringen? Ich mach mich schnell noch frisch, denn es ist Besuch da! Tobias und seine Freundin sind hochgekommen. Supi, gell?!“ Nein. Nicht supi. Absolut nicht supi! Toll, wie kann dieser Tag noch schlimmer werden? „Ach, Schatz?! Was ist das denn?!? Du solltest doch andere Tampons holen! Hab ich Dir doch extra auf die Liste unten geschrieben! Geh nochmal los, die anderen holen!“

Klasse. Noch einmal ein kleiner Junge sein. Am besten mit Eis. Das wär’s!

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