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Kurzgeschichte: Die Blutpension

Ich werde vom Telefonklingeln wach. Ein zerknitterter Blick auf die Digitaluhr auf dem hölzernen Nachttisch. 2:34 Uhr in der Nacht.
„Ja, Krumberg hier. Ja. Schon wieder? Okay, ich bin sofort da!“
Für Wach werden bleibt keine Zeit. Ich ziehe die notdürftigsten Klamotten an und gehe in die Küche. Es ist eiskalt. Der letzte verbliebene Schluck aus dem Weinglas von gestern Abend muss als Frühstück genügen. Trenchcoat über und raus zum Wagen. Brr, hier ist es ja noch kälter als in der Küche. Verdammt nun habe ich den Notizblock vergessen.
Der alte Ford springt nur schleppend an. Aber es sind ja nur noch zwei Wochen bis zu meiner Pensionierung.

Am Tatort angelangt sehe ich, wie meine Kollegen bereits das Gebiet absperren. Der morgendliche Nebel lässt das alte Fabrikgelände noch düsterer erscheinen als es eh schon ist.
„Ah, Kommissar Krumberg. Gut, dass Sie hier sind.“
„Ich könnte mir auch nichts Besseres vorstellen. Was gibt es genau?“
„Eine männliche und eine weibliche Leiche. Etwa Mitte 30 und laut medizinischem Erstbefund liegt der Todeszeitpunkt bei etwa Mitternacht. Das gleiche Muster, wie letzten Monat…“
„Sie meinen, wie die letzten Monate?“
„Äh, ja, genau Chef. Innere Verletzungen bis zur Verblutung.“
„Und die Bissspuren?“

„Ja, Chef. Sie schreiben ja gar nicht mit… Block schon wieder vergessen?“
Verdammt. Diesen Irren suchen wir nun schon seit knapp einem Jahr. 21 Opfer hat er bereits auf dem Gewissen. Allesamt nachts ermordet und mit Bissspuren im Nackenbereich aufgefunden. Der Spinner hält sich wohl für einen Vampir oder so einen Unsinn. Will uns was vormachen. Und bisher funktioniert es einwandfrei für ihn.
„Chef? Was sollen wir tun?“
„Das Übliche. Tatort abriegeln, die Spurensicherung drüber laufen lassen und die Leichen zur Obduktion. Dazu Anwohnerbefragungen. Und versuchen Sie die Medien abzuwimmeln. Die wollen uns doch nur weiter scheitern sehen.“
„Wird gemacht, Chef.“

Warum muss gerade jetzt, so kurz vor der Rente, so ein Fall kommen? Trotz intensivster Bemühungen und etlichen vermeintlichen Hinweisen aus der Bevölkerung tappen wir völlig im Dunkeln. Wir sind uns noch nicht einmal sicher, ob es sich um einen Täter oder eine Gruppe handelt. Nur die auftretenden Parallelen zwischen den Fällen lassen uns vermuten, dass es sich um eine Serientat handelt. Es gibt Einzelheiten, die sich immer und immer wiederholen, obwohl diese nicht an die Öffentlichkeit gelangt sein dürften. Und der Täter? Wie immer spurlos verschwunden. Wie immer hat er sich einen verlassenen Ort in der Einöde ausgesucht. Wie immer sind nicht mehr als zwei Menschen umgekommen, die in der Gesellschaft nicht gerade integriert zu sein schienen. Ich wette, dass auch die heutigen Opfer bloß arbeitslose Junkies sind, die keiner vermissen wird.

In der Nacht machen wir kaum Fortschritte. Die Anwohnerbefragung ist bei drei Häusern im Umkreis von zwei Kilometern schnell erfolgt. Natürlich ohne Befund. Die Spurensicherung hat lediglich vereinzelte Schuhabdrücke entdeckt, die allerdings auf die beiden Opfer schließen lässt. Außerhalb der Lagerhalle verlieren sie sich schnell. Auch die Hunde können wie immer nichts entdecken. Ich fahre heim, und versuche noch ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Am nächsten Morgen erhalte ich auf der Wache Bescheid, dass es sich bei den beiden nächtlichen Opfern um Supermarktangestellte handelt. So gut wie arbeitslos also, denke ich mir. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gefasst, werde ich auch schon an meine eigene Entlassung erinnert. Die Hauspost bringt mir eine Karte mit der Erinnerung an meine Pensionierungsfeier in zwei Wochen. Ich lege sie zur Seite und widme mich dem Tagesgeschäft.

Die Kollegen haben gute Arbeit geleistet. In den Medien wird immer noch nicht über den Mord berichtet. Aber hier heißt es eh nicht geheim halten, sondern eher, das Unvermeidliche zu verzögern. Denn irgendwann bekommen diese Medienhunde doch Wind von diesen Geschichten. Um ihnen zuvor zu kommen, beschließe ich, dem Supermarktleiter der beiden Toten einen Besuch abzustatten.

„Guten Tag Herr Kommissar. Ich habe nur kurz Zeit für Sie, schießen Sie los…“
Herr Heistmann vom größten Supermarkt der Stadt scheint das Ableben seiner beiden Angestellten am Arsch vorbei zu gehen.
„Ihnen scheint der Verlust zweier Ihrer wertvollen Angestellten wohl nicht gerade schwer auf dem Herzen zu liegen?“
„Ach, die beiden Junkies gehen mir am Arsch vorbei. Davon gibt es doch tausende auf der Straße, die für mich arbeiten wollen.“
Wusste ich es doch. Junkies.
„Aha. Wo waren Sie denn gestern Nacht, so zwischen 23 und 1 Uhr?“
„Bei meiner Frau im Bett. Wo soll ich sonst gewesen sein?“
Mein Notizblick leistet mir wie immer gute Dienste. Die Frau haben wir bereits im Vorfeld befragt, und ihre Aussagen decken sich. Nach einem kurzen Gespräch kommt heraus, dass die beiden Verstorbenen erst seit kurzem bei Herrn Heistmann tätig waren. Aufgefallen seien sie ihm bislang nicht wirklich, also fallen die Informationen doch eher mager aus. Gerade bin ich im Begriff zu gehen, als Herr Heistmann mich noch einmal zu sich ruft.
„Herr Kommissar?“
„Ja, Herr Heistmann?“
„Könnten Sie mir einen Gefallen tun? Diese beiden Jungspunde haben in ihrer kurzen Zeit hier jede Menge Kleinkrams in ihren Schließfächern verstaut. Könnten Sie das Zeug gnädigerweise mitnehmen?“
„Natürlich.“
Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin. Auf die späten Tage werde ich wohl senil. Vielleicht finden wir hier etwas. Die Wohnungen der beiden hatten uns keinerlei Anzeichen auf eine drohende Ermordung gegeben. Wie bisher bei jedem der Serienfälle.

Aber heute haben wir Glück. In einem der beiden Schränke befindet sich neben Deodorant, Lippenstift und einem Euro, dreiundzwanzig Cent in Kleingeld auch ein beschrifteter Notizzettel. Auf diesem steht die Adresse der verlassenen Lagerhalle und das gestrige Datum. In Blut geschrieben.

Die Untersuchung des Labors ergibt, dass es sich zwar zweifellos um Blut handelt, allerdings ist es von keinem der Opfer, oder einer anderen uns bekannten Person. Es weist anscheinend einen Gen-Defekt auf. Zu viele Chromosomen oder so etwas, sagte mir die zuständige Wissenschaftlerin, aber ich habe es im Detail nicht verstanden. Handelt es sich hierbei um den Mörder?

Der kurze Erfolg einer gefundenen Spur verebbt schnell im alten Trott. Denn sie führt uns nur in eine Sackgasse. Auch zehn Tage nach dem Mord an den zwei Supermarktangestellten haben wir keinerlei neue Indizien. Erneut erhalte ich von der Hauspost eine Karte bezüglich meiner Pensionierungsfeier. „Letzte Erinnerung: Morgen, am 8. Februar, feiern wir Kommissar Krumbergs ehrenvollen Abschied aus dem Dienst“. Erinnert daran und an die Tatsache, diesen schlimmsten aller Fälle meiner Karriere nicht gelöst zu haben, werde ich zornig. Auf den Mörder, auf mich selbst, sogar auf die Kollegen. In absoluter Hilflosigkeit, versuche ich noch einmal alle den Fall betreffenden Details durchzugehen. Informationen im Computer, in der Bibliothek und dem Archiv geben keine neuen Erkenntnisse. Wie könnten sie auch? Haben wir sie doch etliche Male durchforstet. Auch die vielen gefüllten Seiten im Notizblock bleiben ohne Aufschluss.
Gerade will ich es schließen, als ich bemerke, dass hinter der vermeidlich letzten beschriebenen Seite noch etwas zu stehen scheint. In großen handgeschriebenen Lettern. In roten Lettern. Blutroten Lettern. Dort geschrieben steht das Datum von heute, und eine Adresse. Genau, wie bei dem im Supermarktspint gefundenen Zettel. Schweißperlen rinnen mir die Stirn herunter. Ist das nur ein schlechter Scherz der Kollegen? Oder… soll ich etwa das nächste Opfer sein? So kurz vor der Pensionierung? Wie ist dieser Verrückte überhaupt an mein Notizbuch gekommen? Ich trage es doch immer bei mir.

Nach dem ersten Schock wandelt sich meine Gemütslage. Immerhin ist das unser größter Trumpf, den wir in Händen halten! Ein Hinweis auf den nächsten Mordfall. Geplanten Mordfall. Mordversuch! Denn dabei wird es bleiben. Wie dumm muss dieser Irre denn sein, dem auszuführenden Kommissar mitten in seine Vorstellung einzuladen? Das wird ein Selbstläufer.

Routiniert alarmiere ich alle Kollegen samt Sondereinheit. Zuerst versuchen diese mir auszureden, überhaupt mitzukommen. Aber hinterher macht der Täter kehrt, wenn er mich nicht sieht, und wir stehen wieder am Anfang. Also gehe ich in der Nacht zur beschriebenen Adresse. Einer Mühle. Verlassen, wie sollte es anders sein. Ich bin am ganzen Körper verkabelt, und hinter mir stehen geschätzte 50 uniformierte und bewaffnete Männer.

Ich öffne die große schwere Eisentür am Eingang mit einem lauten Quietschen. Das Holz auf dem Boden knarrt bei jedem meiner schweren Schritte. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich ein Idiot bin. Immerhin stehe ich einen lächerlichen Tag vor meiner Rente mit einem Bein in einer gottverlassenen Mühle, und mit dem anderen im Grab. Wir waren zwar etliche Male durchgegangen, wie wir vorgehen, aber in diesem Moment war mir der mickrige Revolver in meiner Manteltasche doch etwas wenig Rückhalt.

Ein Scheppern. Aus einem der hinteren Räume. Der Lichtstrahl meiner Taschenlampe zuckt durch den großen leeren Raum. Ich begebe mich langsam weiter. Erneut ein Scheppern. Das muss der Kerl sein. Meine Hände zittern. Mit ebenso zittriger Stimme versuche ich souverän zu rufen.
„Achtung, Polizei hier! Kommen Sie mir erhobenen Händen heraus!“
Aber nichts geschieht. Ich höre, wie es draußen zu regnen beginnt. An einigen Stellen im maroden Dach tropft es durch. Ich raffe mich erneut auf.
„Achtung, Polizei! Wenn Sie nicht mit erhobenen Händen langsam heraus kommen, werde ich Gewalt anwenden.“

Hinter mir höre ich einen Holzbalken knarren. Ich wende mich blitzartig herum. Waffe und Taschenlampe auf einen Lagerboden unter der Decke gerichtet. Aber nichts. Nur einzelne Regentropfen sind erkennbar. Ich überlege, ob ich dort oben nachschauen soll. Meine Beine werden immer schwerer, der Puls rast. Auf einmal ein erneutes Scheppern auf der anderen Seite des Raums. Ich drehe mich um und sehe eine schwarze Gestalt aus der Tür von den hinteren Räumen komme. Der Schuss aus meinem Revolver löst sich ohne Vorwarnung. Schnell und präzise. Nach kurzer Zeit habe ich die Lage realisiert.
„Kommissar, alles in Ordnung?“ höre ich einen Kollegen über Funk sagen.
„Ja, alles in Ordnung, Jimmy. Es war nur eine Katze.“

Nur gut, dass es nicht der vermeidliche Täter gewesen ist. Denn die Katze geht munter ihren Weg in die kalte Nacht. Getroffen habe ich sie nicht. Dieser kleine gelöste Moment lässt mich kurze Zeit unkonzentriert sein, ehe ich mich wieder dem Dachboden widmen will. Doch während ich mich umdrehe, fasst eine Hand um meinen Hals und bedeckt meinen Mund. Eine andere Hand entwaffnet mich, und drückt meinen Arm auf den Rücken. Wo ist dieser Kerl nur so schnell her gekommen? Schreien bringt nichts, denke ich mir, und gebe mich seiner hin. Ich merke, wie dieses Scheusal mir in den Nacken beißt. Es fühlt sich kalt an. Abscheulich und kalt. Mir schwinden die Kräfte.

Ich höre noch leise, wie der Knopf in meinem Ohr den Funkspruch „Puh, wir dachten schon, Dir wäre was passiert“ übermittelt und sinke auf den verstaubten Holzboden. Gerade noch auf den Knien haltend, lässt mich der Täter los und huscht nahezu lautlos wieder gen Dachboden. Kurz bevor ich ganz zu Boden gehe, sehe ich noch einmal zu ihm hoch. Das letzte, was meine Augen von dieser Welt sehen, sind die rot funkelnden Augen dieses Wesens in der Dunkelheit. Ich spüre, wie Regentropfen langsam von meiner Wange auf den Boden tropfen. Nur das leise Plätschern des Regens und ein entferntes Miauen einer Katze sind noch zu hören.

Stille.

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