Zwei Tage vor dem Siebenjährigen seines berühmt-berüchtigten TV-Auftritts erschien am 2. Oktober mit Papa ruft an (Partnerlink) der mittlerweile vierte Roman von Jung-Autor Bastian Bielendorfer. Das „Lehrerkind“ spricht im Interview mit mir über den Günther Jauch’schen Wendepunkt in seinem Leben, das neue Buch und – Überraschung – seine Eltern.
Maik: Gerade jährte sich zum siebten Mal der 4. Oktober 2010 – hast du gefeiert?
Bastian: Wow. Sieben Jahre? Da bist du besser informiert als ich. Das hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht mehr auf dem Plan. Aber klar, das Ereignis „Wer wird Millionär?“ wird immer etwas Besonderes in meinem Leben bleiben, es hat mein Leben nachhaltig verändert und ich wäre ohne diese Erfahrung niemals den Weg gegangen, den ich gegangen bin.
Inwiefern war dein damaliger Auftritt bei „Wer wird Millionär?“ DER Wendepunkt in deinem Leben (abseits der 32.000 Euro, die im Nachgang beinahe irrelevant erscheinen dürften…)?
Naja, es war letztlich die Gleisstellung meines heutigen Lebens. Mein Vater, von Berufung her Lehrer, war mein Telefonjoker, hat mir live vor 9 Millionen Zuschauern vorgeworfen, dass ich ein grenzdebiler Schiffschaukelbremser bin, ich habe Jauch von meinem Schicksal als Lehrerkind erzählt und danach die Chance bekommen, diese Erfahrungen aufschreiben zu dürfen. Das Buch wurde ein Bestseller, und heute bin ich hier und darf Interviews geben.
Bist du im Nachhinein froh, dass dein Vater den wohl grummeligsten Telefonjoker aller Zeiten abgegeben und so vielleicht das Interesse etlicher Verlage an deiner Idee geweckt hat?
Klar. Das war ja auch überhaupt nicht geplant. Ich wusste zwar, dass es schräg werden würde, wenn ich meinen Vater anrufe, dass es allerdings solche Auswirkungen auf mein ganzes Leben haben würde, damit hätte ich nie gerechnet.
Worin liegt der Unterschied, wenn Mutter oder Vater anruft? Wie unterschiedlich verlaufen die Gespräche je nach Person?
Mutter spricht viel, Vater atmet mehr in den Hörer. Beide haben ihre eigenen komischen Höhepunkte, wobei mein Vater eigentlich nur anruft, um Hilfe bei irgendeiner Katastrophe zu bekommen, die er verursacht hat. Im Buch kommt die Geschichte vor, wie mein Vater eine verschlossene Dose Ravioli in der Mikrowelle erwärmt hat. Ich war selbst überrascht, wie weit gefüllte Nudeln fliegen können.
Im Buch verstehen sich die beiden Frauen in deinem Leben ziemlich gut – auch weil sie gemeinsam über dich lachen. Wie ähnlich sind sich denn Frau und Mutter?
Naja, es gibt den alten Satz, dass man sich immer eine Frau sucht, die der eigenen Mutter nicht unähnlich ist. Das ist bei mir in Maßen wahrscheinlich auch so, jedenfalls was Durchsetzungsvermögen und Stärke der beiden bestimmenden Damen in meinem Leben so anbelangt. Außerdem sind sie beide der festen Überzeugung, am Ende immer Recht zu haben. Und leider stimmt das sogar.
Oder ist Frau Nadja etwa nur erfunden? Wie viel des Buchinhaltes beruht auf echten Personen und wahren Begebenheiten?
Alle Personen gibt es in echt. „Frau“ Nadja existiert, ist seit 14 Jahren Chefin meines Lebens und ein nicht enden wollender Quell von Komik. Letztens hat sie auf eine 3-tägige Reise zwei komplette Reisekoffer mitgenommen, damit sie auf alle Wetterlagen vorbereitet ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie sogar zwei Bleischürzen für den Fall dabei hatte, dass sie mal geröntgt werden muss.
Und selbst Ludger gibt es wirklich?
Ja, aber mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne verklagt zu werden :=)

Sprechen die Nachbarn deiner Eltern seit Veröffentlichung des Buches kein Wort mehr mit diesen? Und deine Cousine nicht mehr mit dir? Oder sind alle Menschen mit der Darstellung im Buch einverstanden?
Naja, ich habe oft so weit von der Wirklichkeit überzeichnet, dass sich nicht alle erkannt haben. Aber zumindest meine ehemaligen Lehrer waren eher geschmeichelt als beleidigt. Also außer meinem Sportlehrer, aber da war das auch nicht das Ziel. Immerhin hat der Ballonseidenbabo mich acht Jahre durchgehend gefoltert.
Zeigst du deine Manuskripte vorher deinen Eltern? Dürfen die Einspruch erheben / etwas daran ändern?
Ja, dürfen sie, auch wenn es oft völlig andere Dinge sind, als die, die ich für kritisch gehalten hätte. Beispielsweise war die einzige Beanstandung meines Vaters im neuen Buch, dass ich dort erzähle, wie er im Gymnasium einmal sitzen geblieben ist. Das ist mehr als 50 Jahre her und kratzt anscheinend immer noch an seiner Ehre.
Im Buch musst du deinem Vater erklären, wie man Windows installiert oder eben, wie man Ravioli in der Mikrowelle warm macht. Was ist denn das Wichtigste, das dir dein Vater erklärt / beigebracht hat?
Ich bin das, was ich bin, weil meine Eltern sind, wer sie sind. Sie haben meine Werte, meine Moral und mein Verständnis von Richtig und Falsch geformt. Und dafür bin ich ihnen dankbar.
Hast du Tipps für uns, wie man am besten mit Eltern-Anrufen umgeht?
Einen Anrufbeantworter kaufen, aber dann entgehen einem viele Lacher.
Vier Bücher gibt es bereits – was meinst du, wie lange das Thema „Lehrereltern“ noch trägt? Denkst du bereits an neue Bücher?
In meinem Liveprogramm „Das Leben ist kein Pausenhof“ machen meine Erfahrungen als Lehrerkind vielleicht noch 20 % der Show aus. So lange die Leute Spaß daran haben und meine Eltern einverstanden sind, erzähle ich von ihnen. Ansonsten hält aber auch mein Leben mit Nadja und meinem Mops Otto genug Komik bereit.
Ganz neu machst du jetzt auch Radiocomedy mit den „1LIVE HACKS“ – was ist anders auf diesem Kanal für dich und wie kam es dazu?
Ich hatte die Ehre das Comedyformat „Generation Gag“ bei 1Live moderieren zu dürfen und darf dieses Jahr auch bei der XXL Comedynacht in der Lanxess Arena vor 15.000 Leuten unter der Präsentation von 1Live auftreten, durch die gute Partnerschaft mit dem Sender kam es letztlich zu dieser gemeinsamen Idee, und ich freue mich wirklich, weil die Clips, die ich bisher geschrieben und aufgenommen habe, wirklich lustig geworden sind.
Findest du es nicht auch super, dass ich als BVB-Fan geschafft habe, in keiner Frage darauf herumzuhacken, dass du gebürtiger Gelsenkirchener bist?
Ich bin selbst BVB-Fan… aber pssst, lass das niemanden aus meiner Heimat hören.
Immer meine letzte Frage: Was machst du, wenn dir langweilig ist?
Schreiben. Mir ist allerdings nicht oft langweilig, weil ich das Glück habe, einen kreativen Job zu haben, in dem ich eigentlich immer etwas zu tun habe. Beispielsweise Interviews zu geben.
Danke für das Interview. Abschließend gibt es noch eine kleine Leseprobe, die im Rahmen eines Facebook-Livestreams von Bastian gelesen wurde (geht ab etwa 17:30 los):
Bilder: copyright Guido Engels.
Tolle Stopmotion-Arbeit von Peter Heacock und seinen Kollegen. Ich bin zwar in dieser ganzen Harry Potter-Materie nicht wirklich drin, aber wie sich hier nach und nach Hogwarts aus Buchseiten der Romanreihe zusammen setzt hat schon etwas!
]]>„We are huge fans JK Rowling. So much so, that we built Hogwarts from the pages of ‚Prisoner of Azkaban‘. Frame by frame, and over one month of work, we are proud to share our first short film with all of you.“
Dass so eine Folge Germany’s Next Topmodel jede Menge Drama enthält, dürfte uns allen so sehr klar sein, wie dass das hochfrequente Geschwafel von Heidi ganze Romanbände füllen kann. Wörtlich genommen haben das Gregor Weichbrodt und Grischa Stanjek von der HTW Berlin, die im Rahmen einer Projektarbeit im Fach Kommunikationsdesign unter der Betreuung von Christian Hanke einfach mal ein Buch aus der Sendung gemacht haben.
Genauer gesagt, aus dem letzten Finale. Aus der Sendung wurde jedes gesprochene Wort feinsilbig transkribiert um letztlich in Versform und ansprechender Formatierung einen Reclamheft-Abkömmling entstehen lassen. Dessen Cover-Artwork anscheinend stark von meinem Bali-Cover inspiriert wurde…








(via: iGNANT)
]]>29. Der Wettbewerb
Wie bei blinkenden Neonröhren geht mein Licht langsam wieder an. Alles ist so schummrig vor meinen Augen. Und mein Kopf schmerzt so sehr, da dürften beide Ratiopharm-Zwillinge auf einmal nicht gegen helfen.
„Fuck“ röchelt es aus meinem Hals heraus und ich zucke zusammen. Zum einen, weil ich die Lautstärke und innere Anstrengung der Aussprache dieses Wortes unterschätzt habe, zum anderen, weil ich es nur so dahin raunzen kann. Hoffentlich nur die normale Katerheiserkeit, denke ich mir. Ich wundere mich mal wieder über den menschlichen Körper. Irgendwie habe ich es doch tatsächlich noch geschafft, die Haustür aufzuschließen, die Klamotten auszuziehen und das eigene Bett zu finden, um dort hinein zu fallen. Ich habe sogar mein Hemd auf einen Bügel gehängt. Eine Spur Stolz kommt hervor. Und das, obwohl ich vom letzten Abend ab Elf Uhr nicht mehr viel weiß. Warum musste ich auch so lange da bleiben und so viel trinken? Verdammt. Ich liege erst einmal eine halbe Stunde so da und dünste vor mich hin. Dann fühle ich mich zumindest in der Lage, den Fernseher einzuschalten. Eine Stunde später muss ich allerdings aufstehen, weil ich mal muss. Zuerst überlege ich, ob ich nicht in die leere Wasserflache neben meinem Bett machen soll, aber hinterher werde ich spontan noch zu einem Geschäft Nummer Zwei eingeladen. Außerdem ist das sogar unter meinem Niveau.
Drei Stunden später geht es mir schon ein bisschen besser und ich kann sogar etwas Nahrung zu mir nehmen. Zum Frühstück gibt es Cheeseburger aus der Mikrowelle. Da habe ich jetzt Bock drauf. Ist ja auch schon 15 Uhr durch, da darf man sowas. Die Heiserkeit ist leider definitiv nicht katerbedingt. Immer noch raunze ich aus dem letzten Loch. Im Internet lese ich, dass Honig gut für die Stimme ist. Habe leider keinen. Vielleicht tut‘s ja auch Marmelade? Ich nehme einen Löffel und lasse ihn langsam die Kehle runter gleiten. Schmeckt wenigstens. Nach zwei Duschen, dreimaligem Zähneputzen und einem Kopfbad im mit Wasser vollgelaufenen Waschbecken, fühle ich mich nur noch müde und kaputt. Ein Fortschritt. So langsam wird es jedoch ernst. Heute muss alles passen. Ich ziehe mein bestes Paar Socken an und kontrolliere es auf Löcher. Perfekt. Ich ziehe meine beste Boxershorts an und überprüfe sie vorsichtshalber auf Löcher. Perfekt. Ich ziehe ein enges schwarzes T-Shirt unten drunter und meine momentane Lieblingsjeans an. Das wird was, denke ich mir.
In der Bahn sehe ich Halbstarke, Tussis und junge Pärchen. Dazwischen ein paar normale Leute. Ob die wohl alle zum Wettbewerb fahren? Hoffentlich nicht. Das ist doch gar nicht deren Unterhaltungsniveau. An der nächsten Station steigen die Nachtschwärmergruppen glücklicherweise aus. Gehen bestimmt irgendwo Vortrinken, um dann irgendwo nach zu trinken. Eine Station weiter steigen auch nahezu alle normalen Leute aus. Püh, dann eben nicht. Ihr wisst ja nicht, was ihr verpasst. Vielleicht haben die sich auch nur vertan und sind eine Station zu früh ausgestiegen? Ich jedenfalls fahre den korrekten Weg und komme so gut an, das kann ich mir für meinen Auftritt nur wünschen. Im Theater ist es noch nicht wirklich voll. Das kann aber auch an der qualmfreien Luft liegen, die es leerer erscheinen lässt. Oder daran, dass ich eine Stunde überpünktlich bin. Zur Sicherheit. Karl ist sogar noch früher gekommen. Er sitzt bereits an der Bar und winkt mir zu.
„Abend, Karl.“
„Tach, Junge. Na, bereit für den großen Auftritt?“
„Aber sicher doch. Wird schon irgendwie alles klappen.“
„Da bin ich mir sicher. Gönn Dir erst mal ein Bier, gegen die Nervosität. Ich geb einen aus.“
„Oh, danke.“
So sitzen wir also da und trinken. Der Saal wird immer voller, bis er kurz vor dem ersten Auftritt ausverkauft scheint. Schon irgendwie seltsam, alle sehen so edel gekleidet aus und sitzen brav an ihren Tischen. Erwartungsvoll und Wein trinkend. Ein dürrer Schmalhans kommt in weißem Anzug und mit Mikrofon auf die Bühne. Das Publikum fängt an zu klatschen und ich stimme ein. Karl scheint sein Bier wichtiger zu sein.
„Guten Abend, meine Damen und Herren. Wir freuen uns, dass Sie sich heute für die richtige Abendgestaltung entschieden haben und sich unseren diesjährigen Comedy-Wettbewerb anschauen.“
Applaus. Dafür schon?
„Heute präsentieren wir Ihnen die besten Comedians aus Hannover und dem gesamten Umland. Sogar ein paar Kandidaten aus Berlin und Hamburg haben ihre Reise angetreten. Doch zuerst darf ich Ihnen unsere Jury vorstellen. Begrüßen Sie mit einem tosenden Applaus: In Hannover schlägt sein Herz – Oliver Pocher!“
Das Publikum johlt und klatscht, während Oliver Pocher die Bühne betritt und sich mehrfach theatralisch verneigt.
„Außerdem heute Abend mit von der Partie, die volle Wucht der komischen Wahrheit: Oliver Kalkofe!“
Was? Nicht, dass der mich wieder erkennt und bemerkt, dass ich nach seiner miesen Shrimp-Gift-Attacke dem Tod noch von der Brille gesprungen bin! Die Menge missachtet meine vorsichtig aufsteigende Angst und klatscht euphorisch.
„Und last but not least, der Schirmherr der Veranstaltung und langjähriger Unterhaltungschef des Theaters: Frank Deurberfique!“
Fuck. Ich belästige den dumm klatschenden Barkeeper und bestelle noch ein Bier.
„So, wie Sie sehen, haben wir eine namenhafte und kompetente Jury zusammen bekommen, die demonstriert, wie hoch das heutige Niveau anzusiedeln sein dürfte. Oli… also Pocher, was erwartest Du von der Veranstaltung heute?“
„Na, Spaß halt, ne? Vielleicht sieht man ja hier mal ein paar Leute, die wirklich was drauf haben, nicht wie bei RTL oder diesen ganzen Luftsendern…“
Oliver Kalkofe nickt ihm grinsend zu und sagt: „oder wie bei der ARD, donnerstags Abends, ne?“
Publikum klatscht, Schmalhans sabbert:
„Na, das fängt doch schon einmal gut an hier. Herr Deurberfique, nach den letztjährigen Events waren Sie ja quasi dazu gezwungen, eine Neuauflage zu liefern, oder?“
„Ja, durchaus. Die letzten Jahre sind immer so unterhaltsam und auf einem hohen Niveau abgelaufen, da hat es sich dieses Jahr von ganz alleine entwickelt. Ich möchte an dieser Stelle allen Sponsoren und…“
Bla-bla-bla. Das übliche formelle Herumgequatsche geht noch etwa zehn Minuten weiter. Dann sagt Moderator Schmalhans den ersten Kandidaten an. Nein, eine Kandidatin. Ich komme an fünfter Position. An einem der hinteren Tische sehe ich Jonas, Linda und Chris sitzen. Momentan habe ich keine Zeit für die, muss mich konzentrieren. Ich bestelle noch ein Bier. Die erste Kandidatin ist gut. Sogar sehr gut. Die Leute lachen und sie hat ein gutes Timing. Dazu noch gute Brüste, das dürfte bei dieser Jury durchaus Punkte geben. Tom bringt meine Brüste nicht so schön zur Geltung. Der zweite ist etwas schlechter, aber immer noch lustig. Wirklich harte Konkurrenz. Der schlaksige Thomas Hermanns Verschnitt im weißen Anzug fällt dagegen immer wieder deutlich ab. Vielleicht haben sie den extra engagiert, damit alle Auftritte zwischen seinen Moderationen noch besser wirken. Auch Nummer Drei ist lustig. Ich muss aufpassen, nicht zu laut zu lachen. Das erhöht nur unnötig den Lärmpegel und die Jury denkt hinterher, das kam super an. Leider kommt bislang fast alles super an. Selbst der Moderator. Vielleicht wurde zur Kompensierung des Rauchverbots jedem Zuschauer am Eingang LSD in die Hand gedrückt. Warum habe ich dann keins bekommen? Egal, gleich kommt der letzte Comedian vor mir an die Reihe. Den Anfang kann ich mir noch anschauen, dann muss ich hinter die Bühne. Doch was sehe ich da? Meine Kinnlade fällt auf Kniehöhe und ich glaube meinen verkaterten Augen kein Wort. Da kommt doch tatsächlich so ein Typ aus Berlin als nächster Künstler auf die Bühne und trägt Tom! Mein Hemd! Dieser Bastard! Das gibt es doch einfach nicht… Vor allem, der ist doch aus Berlin. Was will der hier? Und woher hat der das Hemd? Haben die in Berlin etwa auch Kaufhäuser? Verdammt. Der Tropfen schlägt dem Aufregungsfass den Boden aus und steint die Höhle. Jetzt weiß ich, wie Frauen sich fühlen, wenn zwei von ihnen die selbe Augenfarbe haben. Das. Geht. Nicht. Ich versuche wieder runter zu kommen. Ich darf mich nicht aufregen. Dazu habe ich keine Zeit, keine Ausdauer und vor allem keine Stimme. Ich überlege, ihn auszubuhen, aber das würde bestimmt auffallen. Ich hole Stift und Zettel hervor und versuche vielleicht kurzfristig noch etwas zu retten. Spontan sein, heißt es doch immer. Was aktuelles einbauen, heißt es doch immer. Lustig sein und alten Menschen einen Sitzplatz in der Bahn anbieten müssen, heißt es doch immer. Ich kritzle etwas herum und gehe hinter die Bühne. Ein paar Minuten habe ich noch. Ein paar Minuten, um eine Lösung zu finden. Vielleicht das Hemd ausziehen? Nein, das T-Shirt darunter ist unsagbar. Das habe ich nur angezogen, weil es so schön eng ist. Es ist ausgewaschen und hat ein hässliches Motiv. Ich habe keine Zeit mehr, mir etwas auszudenken, denn eine kleine Frau mit wichtig aussehendem Kopfhörer winkt mich zu sich.
„In einer Minute gehst Du drauf. Sasha moderiert Dich gleich an.“
Ich nicke. Schmalhans heißt also Sasha mit Vornamen. Ohne C. Hihi. Hört sich zumindest so an, als ob er ohne C geschrieben wird. Ein Frauenname, hihi. Aber ich habe keine Zeit für Wortwitze und lustiges Zeugs, ich muss mich konzentrieren. Ich bin Künstler. Ich bin Comedian. Ich bin gut. Ich bin lustig. Ich bin Deutschland. Ich bin. Ich bin dran. Mein Herz bleibt nahezu stehen, so angespannt bin ich.
„So, Leute. Jetzt geht es auch nahtlos weiter, mit unserem nächsten Künstler. Direkt hier aus Hannover und kurzfristig eingesprungen ist Joe K.!“
Mein Herz schlägt. Und die lustig aussehende Kopfhörerfrau auch. Ich werde förmlich auf die Bühne geschubst und das Publikum klatscht. Es fühlt sich gut an. Das schaffst Du, Sven.
„Abend. Mein Vorgänger hat mir netterweise sein Hemd geliehen. ‚Das bringt Glück‘ hat er gesagt. Schaden kann’s ja nicht, dachte ich mir. Aber sein Glücks-Tanga kneift schon ein bisschen.“
Das Publikum fängt an zu lachen und ich kreise mit zerknittertem Gesichtsausdruck meine Hüfte dazu. Fängt doch super an. Den schweren Einstieg habe ich schon einmal gemeistert. Ich fange mit meinem eigentlichen Programm an und rede über die aktuelle Fernsehlandschaft. Es läuft einfach klasse. Die Leute lachen, klatschen und alles ist gut. Dann wechsle ich das Thema:
„Und ihr kennt doch sicherlich auch dieses notwendige Übel für die einen und das höchste aller Gefühle für die Frauen: Einkaufen. Ich habe das Gefühl, beim Einkaufen besteht der größte Teil darin, irgendwo warten zu müssen. Warten auf die Bahn, Warten auf eine freie Umkleide, Warten an der Kasse. Vielleicht shoppen Frauen nur so verdammt lange, damit in Relation dazu die Wartezeit kürzer ausfällt? Dabei kommen doch da die schönsten Gespräche zum Vorschein. Letztens, und das ist wirklich wahr, stand ich in einer Warteschlange eines großen Kaufhauses. Ich dürfte der einzige Wartende unter 80 gewesen sein und da fangen zwei alte Damen an zu reden:
‚Haben Sie mitbekommen? In Düsseldorf am Flughafen, da gab es eine Bombe!‘
‚Was? Eine Bombe? Wie furchtbar…‘
‚Ja, genau, eine kleine Bombe und die haben den halben…‘“
Scheiße. Was mach ich da nur? Ich habe mich in all meiner Selbstsicherheit absolut verheddert. Soll ich mich jetzt verbessern? Oder den Witz einfach weiter erzählen…? Verdammt, ich mach lieber weiter. Was kam denn danach? Meinen Kopf durchschießen tausend Gedanken, aber keine Lösung. Ich merke, wie ich wie versteinert auf der Bühne stehe, mitten im Satz geht mir die Luft aus, wie einem Rentner, der sich aus Selbstschutz beim Entfernen eines Bienenstocks die Aldi-Tüte über den Kopf klebt. Ich fange an zu schwitzen. Die Leute schauen mich erwartungsvoll an. Verdammte qualmfreie Luft. So kann ich jedes Augenpaar sehen, wie es mich ansieht. So fordernd, so zweifelnd. Ich suche händeringend nach einer Nahtstelle zum Rest des Programms. Keine Panik, Sven. Keine Panik. Meine schweißnassen Hände durchsuchen meine Hosentaschen nach meinen Notizen. Verdammte Oberscheiße! Die habe ich anscheinend hinter der Bühne vergessen. Mein Herz würde wohl momentan aus dem Stand Mike Tyson k.o. schlagen.
„Ähm… joa. Und dann… Jedenfalls war ich dann auch in der Stadt…“
Mir fallen nur noch Brocken ein, die ich dahin stammle.
„So mit den schnellen Panikkäufern…“
Der Zusammenhang ist weg. Der mühsam gesponnene rote Faden hat sich durch meine lockere Selbstüberschätzung in Milchreis aufgelöst. Und ich hasse Milchreis. Die ersten Leute im Publikum schauen sich gegenseitig verwirrt an, während ich händeringend den Eingang des Sacks suche, den es zuzumachen gilt.
„Und wissen Sie, was mich erst Recht aufregt? Ähm… diese… diese Übersetzungen! Ja, die Übersetzungen…“
Das ist doch noch nicht mal in meinem Programm?! Was mache ich da nur…?
„Englische Serien werden ins Deutsche verhunzt. Da wird aus dem Videospiel ‚Guitar Hero‘ auf einmal ‚Gitarren Crack‘.“
Meine Stimme wird immer schneller, fängt beinahe an, sich zu überschlagen.
„Oder… äh… aus ‚Hot Wheels‘, alsodiesenkleinenAutosda, diesemSpielzeugfürKinder… Dawird ‚heißeReifen‘ draus. Und so…“
Keine Reaktion im Publikum. Mein Timing ist dahin. Mein Inhalt ist dahin. Mein Auftritt ist dahin.
„Danke schön.“
Ich gebe auf. Noch nicht einmal bei der Hälfte meines Programms angekommen, stecke ich das Mikrofon in seine haltende Vorrichtung und gehe von der Bühne. Ich durchquere den kleinen Backstage-Bereich schnurstracks in Richtung Bar. Auf dem Weg dahin merke ich die Blicke der Anderen. Die Künstler, der Moderator, Karl, ja selbst die sonst so lustig aussehende Kopfhörerfrau: Sie alle scheinen enttäuscht zu sein und blicken herab. Zu mir. Zu Recht. Ich gehe an die Bar und bestelle wehmütig ein Stück Zuneigung in Form eines doppelten Jägermeisters. Ich hebe das Glas und haue ihn ex runter. Mit dem Heruntergleiten meines Arms erscheint das alte faltige Gesicht meines Managers vor mir.
„Tja, Junge… Das war wohl nichts…“ sagt er und klopft mir auf die Schulter.
„Ja. Sorry, Karl. Dein Anteil am Preisgeld wird heute nicht viel einbringen, schätze ich.“
„Kein Problem. Kann ja mal passieren. Das passiert allen Mal. Das muss allen mal passieren! Je früher, desto besser.“
„Ach Quatsch.“
„Doch, doch. Jetzt weißt Du, dass Du nicht so selbstsicher an die Sache ran gehen darfst. Es ist halt harte Arbeit, Leute zum Lachen zu bringen und es wie Urlaub und Hobby aussehen zu lassen. Genehmige Dir erst mal noch nen Drink, schalte den Kopf ab und schau Dir den Rest des Programms an. Mund abwischen und weiter machen, Junge.“
Karl klopft noch einmal auf meine Schulter und deutet auf seine Zigarrenbox und dass er kurz raus geht. Kein Wunder, er will die Straße neu teeren, in die ich binnen weniger Minuten mehr Schlaglöcher gebombt habe, als das Gesicht von Thomas Doll hat. Ich bestelle mir noch einen Kurzen und trinke ihn. Beim Absetzen des Glases erscheinen meine Freunde vor mir. Linda stürmt auf mich zu und umarmt mich.
„Macht nichts, Sven.“
„Der Anfang war klasse!“ versucht Jonas mich aufzumuntern.
„86 Prozent aller Comedians haben hin und wieder einen Blackout. Und der Rest ist eh zu schlecht.“
Jaja. Die drei versuchen ja ihr Bestes. Aber irgendwie ist dieser Moment der Niederlage für mich auch ein Moment der Einsicht. Vielleicht muss das Kind erst einmal seine Flügel von der Sonne geschmolzen bekommen, um einzusehen, dass es nicht fliegen kann. Auf einmal sehe ich Nadja auf mich zustürmen. Sie umarmt mich und flüstert mir ins Ohr:
„Hey. Ich fand Dich toll!“
Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange und stellt sich zu meinen Freunden.
„Leute.. Ähm, das ist Nadja. Nadja, das sind meine Freunde, Jonas, Linda und Chris.“
Alle geben sich brav die Hand. Nadja erzählt ihnen, wie wir uns kennen gelernt haben und alle versuchen weiterhin, mir die Fröhlichkeit wieder zu geben, die ich ihnen eigentlich heute Abend geben sollte. Die Lacher bei den anderen Comedians wirken wie Häme gegen mich. Sie schmerzen viel mehr als die letztliche Verkündung der Platzierungen. Ich komme nicht auf die ersten fünf Plätze. Kein Wunder. Jeder, der heute auch nur sein Programm durchgezogen hat, dürfte heute besser gewesen sein als ich. Außer Moderator Schmalhans vielleicht. Karl ist relativ schnell gegangen, er musste noch irgendwas erledigen, hat er gesagt. Es ist ja auch schon spät. Wir wollen alle so langsam gehen.
„Mach Dir nichts draus, Sven,“ versucht Nadja weiterhin hartnäckig, mir die Laune zu verbessern. „Ich finde Dich lustig. Wir alle finden Dich lustig. Beim nächsten Mal wirst Du sie wegrocken!“
„Es wird kein nächstes Mal geben.“
Die Vier schauen mich verwundert an. Schon wieder diese fordernden Blicke.
„Meine Mutter hatte Recht. Was habe ich mir überhaupt gedacht? Einfach so auf eine Bühne steigen, ein paar Witzchen erzählen, und alles kommt von alleine? Nein. Das Leben ist keine Comedy-Veranstaltung und Komiker kein Beruf. Das war’s, ich höre auf.“
Noch bevor es überhaupt begonnen hat. Meine Freunde wollen es mir ausreden, ich soll nochmal darüber schlafen, es mir noch einmal überlegen. Ich sei doch so gut und könnte es wirklich schaffen. Aber mich hat jegliche Hoffnung verlassen. Ich bin auf dem harten Boden der Realität angekommen. Vielleicht sollte ich es mir noch einmal mit der eigenen Pizzeria oder dem Umzugsflaschenzugverleihsystem überlegen. Aber eines ist sicher: Sven Bukholz wird kein Comedian.
[Denkt dran, das Buch als Taschenbuch oder eBook zu kaufen: Auf Bali geht um Vier die Sonne unter]
28. Nadja
Nadja ist klasse. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und reden Stunden lang miteinander. Dass ich eigentlich Kontakte im Comedy-Business knüpfen wollte, ist mir egal. Dieser eine Kontakt ist mehr, als ich mir für den Abend erträumt hatte. Zwischendurch muss Nadja leider immer wieder los, ihrem Job nachgehen als… Nun ja, was ist sie eigentlich?
„Ich bin eine Servicekraft für gesellschaftlich gehobene Feiern.“
„Und was macht man da so, außer hilflose Männer aus dem Badezimmer zu erretten?“
Sie sagt mir, man mache Alles und Nichts. Die Gäste werden mit Speis und Trank bedient, bei Fragen steht man zur Verfügung und allgemein soll man für Sauberkeit und gepflegte Atmosphäre sorgen.
„Wie eine Ehefrau, nur schick angezogen“ sagt sie und zeigt auf ihr Abendkleid. Oh ja, schick ist sie. Sogar angezogen. In unseren Gesprächspausen in denen sie arbeitet lasse ich mich von ihren Kolleginnen bedienen. Der Gastgeber lässt sich nicht lumpen, feinster Champagner und frisch gemixte Cocktails von mehreren im Haus verteilten Barkeepern sind zu haben. Ich probiere jeden einmal aus. Also Cocktail. Schon alleine um Mut zu finden, mit so einer schönen Frau wie Nadja überhaupt ein Gespräch zu führen. Weil mir die Pausendauer etwas zu lang wird, gehe ich sie suchen. Leider sehen von Weitem aufgrund der einheitlichen Garderobe und der hochgesteckten blonden Haare viele Service-Damen aus wie sie. Und ein Service-Herr. Doch auf der geräumigen Terrasse des Anwesens mache ich sie dann doch noch aus.
„Hallo, könnte ich Dir kurz eine Frage stellen?“
Sie schaut mich mit ihren wunderschönen Augen an und verdreht sie kurz.
„Hier nicht Duzen, Du weißt schon…“
„Oh… äh. Klar. Entschuldigen Sie, könnte ich Ihnen kurz eine Frage stellen?“
„Aber natürlich. Wie kann ich Ihnen denn behilflich sein?“
Ich schlucke kurz in mich hinein und wünschte, ich hätte doch noch einen Cocktail mehr genommen.
„Haben… Sie eigentlich einen Freund.. oder so?“
Sie schaut etwas verschüchtert umher und blickt sich auf der Terrasse um. Keine hohen Tiere anwesend, wie es scheint.
„Ähm, nein. Nein, habe ich nicht.“
Mein Mund verformt sich wie von selbst zu einem Grinsen, welches eigentlich aufgrund von Überbreite gesondert markiert gehört. Mit einem Schild, oder einer Fahne, oder so. Aber das sähe sicherlich furchtbar aus. Ein leises dahin geflüstertes „schön“ folgt von mir. Sie schaut erneut umher. Wie süß sie doch ist, wenn sie verunsichert ist.
„Und, wie ist das bei Ihnen?“
Oh, Gegeninteresse. Klasse. Ich versuche mein Grinsen wieder in eine halbwegs menschliche und ernste Fassung zu schrauben, aber die Zange will nicht greifen.
„Ich habe auch keinen Freund.“
„Gestern traf ich Frau Deurberfik,
Mit einem Stein voll im Genick,
Ich sag: Du bist nicht derbe dick.
Und weil’s erscheint ungelogen,
ward schon bald ihr Mann betrogen,
von mir – Was für ein derber Fick.“
Ein lautes Lachen erfüllt das Wohnzimmer. Es ist mein Lachen, während ich vom Wohnzimmertisch herunter zu springen gedenke. Bei der Landung dürfte es Punktabzug geben, obwohl ich versuche, den Telemark noch durch eine demonstrative Handgeste zu retten. Der alte Mann kommt zu mir rüber, greift mich am Arm und zieht mich aus dem Zimmer Richtung Ausgang. Boah, in dem Alter möchte ich auch noch so stark sein.
„Ich spinne wohl.. Nein, Sie spinnen! Sie können doch nicht so über meine Frau sprechen. Eine Frechheit! So, Junger Mann. Das war es heute für Sie.“
Er geleitet mich netterweise zur Tür und will mich raus schmeißen.
„Aber… meine Jacke! Sie wollen doch nicht, dass ich den Kältetod sterbe? Oder? Den Kältetod?“
Verärgert lässt der alte Mann mich kurz zur Garderobe und beobachtet mich dabei, wie ich meine Jacke suche.
„Hm… zu blau. Isse das? Ne, das ist ja ne Frauenjacke. Hihi, ich und ne Frauenjacke, nenenene. Nenenenene. Nicht ich. Nenenene. Die ist zu schwarz. Oder war meine schwarz?“
Vier Minuten später habe ich meine Jacke gefunden. War doch die blaue. Ich gehe ins Treppenhaus und verabschiede mich.
„Danke, war toll!“
Die Tür knallt zu. Nette Party. Ich hadere etwas mit meinem Reißverschluss, doch nach einiger Zeit schaffe ich es und mache mich auf den Weg, die Stufen hinab zu gehen. Nach etwa zweieinhalb Stockwerken geht das Licht aus. Ich stehe mitten im Dunklen. Und auf einem Zwischenstockwerk ohne Schalter. Ich taste mich langsam und lautstark die Stufen einzeln hinunter. Um den Lichtschalter zu finden, benutze ich erneut mein Handy. Es leuchtet mir den Weg zu einem Schalter, über dem Licht steht. Meines Promille-Wertes zumindest Plusminus Eins bewusst schaue ich noch einmal prüfend hin und ja: Da steht definini… denifi… auf jeden Fall steht da Licht. In großen fetten Buchstaben. Etwas schwer zu lesen, weil es so verschnörkelt ist, aber da steht Licht. Ich drücke auf den Schalter aber nichts passiert. Hm, nicht richtig erwischt? Ich drücke so richtig dolle feste auf den Schalter. Aber kein Licht erscheint. Im Gegenteil, mein Handy geht wieder in den beleuchtungslosen Zustand über. Wild drücke ich mehrmals auf den Schalter und siehe da: Es ist hell geworden. Okay, hell ist vielleicht übertrieben, aber zumindest heller. Direkt neben mir ist auf Kopfhöhe eine Fläche erleuchtet in Größe einer Sichtscheibe in einer Eingangstür. Und Plötzlich wird es noch heller. Und lauter. Aus der auf einmal erschienenen offenen Tür neben mir kommt ein Typ im Nachtpyjama auf mich zu gerannt.
„Sagen Sie, spinnen Sie eigentlich? Was soll der Scheiß?“
„Was? Wissen Sie nicht, dass hier Dresscode ist?“
„Wollen Sie mich verar..? Ich.. Sie können doch nicht einfach mitten in der Nacht bei mir Sturm klingeln! Eine grenzenlose Frechheit ist das.“
„Aber, aber… ich habe doch gar nicht geklingelt bei Ihnen. Sie haben wohl getrunken, Mann ohne Anzug…“
„Ich, getrunken? Das sagen Sie? Sie kommen bestimmt da oben von dieser Clown-Party, was? Machen Sie, dass sie weg kommen!“
„Aber es ist so dunkel…“
Der Mann schlägt auf einen anderen Schalter und das Treppenhaus ist erhellt. Ah, die mit diesem kleinen leuchtenden roten Punkt. Den wollte ich eh als zweites ausprobieren…
„So, jetzt verpiss Dich, oder ich hol die Bullen!“
Trotz mehrerer Long Islands ist meine Blase relativ leer. Ich hatte ja auch die als Dunkelkammer getarnte Toilette besucht. Daher kann ich seiner Bitte nicht nachkommen und gehe einfach. Kaum bin ich unten angekommen, geht das Licht wieder aus. Dieses Mal in meinem Kopf.
[Denkt dran, das Buch als Taschenbuch oder eBook zu kaufen: Auf Bali geht um Vier die Sonne unter. Schon bald auch vergünstigt hier zu haben]
Wie ihr wisst, gibt es meinen Roman Auf Bali geht um Vier die Sonner unter bereits im Handel (print & eBook). Allerdings habe ich einige Exemplare zu mir schicken lassen, um den teuren Druck und Versand zu umgehen.
Daher hier das ultimative Angebot für die zehn Schnellsten: Schickt mir eine Mail, dass ihr das Buch haben wollt, und nach Abwicklung der Zahlung bekommt ihr es für 12€ (anstelle der 13,90€ + Versand) zugeschickt! Deal? Deal.
Zum Foto: Das ist übrigens die erste im wahrsten Sinne des Wortes gebundene Variante des Buches von 2009. :)
]]>27. Bali
Woran merkt man, dass man es geschafft hat? Wenn einem Oliver Kalkofe bei der letzten Garnele des Buffets mit einem verschmitzten und anerkennenden Lächeln den Vortritt lässt. Ich nehme das Angebot dankend an. Wahrscheinlich hätte auf Kalkofe’s Schlachtplatte mitsamt schiefen Turm von Mini-Pizza eh nichts mehr gepasst. Und wenn man bereits geschätzte 189 andere Garnelen gegessen hat, vergeht einem bestimmt eh der Appetit darauf und man wechselt die Disziplin. Aber egal, er, Oliver Kalkofe, mit einer Markenbekanntheit von 74 Prozent in Deutschland lässt mir, Sven Bukholz mit einer Markenbekanntheit von 35 Prozent beim abendlichen Jägermeister, den letzten Meeresschwanz. Jetzt bin ich wer. Und jetzt, wo ich jemand bin, muss ich mich den anderen Jemanden nur noch vorstellen. Kontakte knüpfen, Vitamin B, „Du, ich kenn da wen“, und so weiter sind doch die Basiszutaten für einen gelungenen Karrierestart.
Das Problem ist, dass mich hier wahrscheinlich kein Schwein kennt. Oli hat bestimmt auch nur gedacht, ich sei ein Kollege, weil ich überhaupt anwesend bin. Oliver Kalkofe hat sicherlich Nichts dagegen, wenn ich ihn in Gedanken duze. Ehrlich gesagt weiß ich ja noch nicht einmal recht, von wem diese Party überhaupt ist. Karl hat mir nur kurzfristig eine SMS geschickt mit der Adresse, der Uhrzeit, einem Dresscode und den Worten „wichtig: geh da hin!“. Zum Glück hatte ich noch meinen alten Anzug im Schrank, ansonsten hätte Oli mir die letzte Garnele sicherlich nicht zugestanden. Wenigstens gibt es endlich etwas zu Essen. Den gesamten Tag hunger ich mich von einem Termin zum anderen. Dazwischen keine Zeit, was zu kaufen und überall gibt es nur dieses Zeug für den kleinen Hunger. Und das Problem ist, viele Snacks für den kleinen Hunger ergeben niemals zusammen vertilgt einen Snack für den mittleren Hunger. Vom großem mal ganz zu schweigen. Ich decke mich mit kleinen Lachs-Häppchen und Mini-Frikadellen ein. Dabei fühle ich mich doch etwas seltsam. Immerhin ist es ungewohnt, gegen 16 Uhr bereits im Anzug ein warm-kaltes Buffet zu plündern. Und drei Begrüßungssekte intus zu haben. Hat mich ja gewundert, von der netten Begrüßungstante auf ihrem Begrüßungstablett gleich drei Begrüßungsdrinks angeboten zu bekommen, aber hier wird nicht gekleckert, hier wird klotzen gelassen.
„Fertig. Abwischen!“ schreie ich flüsternd in den Raum hinein. Als Antwort erhalte ich aber nur meinen eigenen Hall. Glücklicherweise hat der Innenarchitekt daran gedacht, das Toilettenpapier in griffnähe bereit zu halten. So lässt sich wenigstens das Wichtigste schon einmal regeln. Das Papier muss aus Eichhörnchenfell oder so sein, so weich ist es. Aber nur kurz lasse ich mich davon beeinflussen und fokussiere mich lieber auf das vor mir liegende Problem. Mein Handy zeigt 16:14 Uhr an. Am helllichtem Tag gehen um 16:14 Uhr automatisch die scheiß Rollladen runter. Das gibt es doch nicht. Oder hat sich irgend so ein Kasper wie Frank Elstner oder so einen Gag ausgedacht und überall hängen versteckte Nachtsichtkameras, die meine Verzweiflung in Nahaufnahme drauf haben? Ich nehme meinen Finger vorsichtshalber aus der Nase. Noch auf dem Weg zur neuen Denkpose habe ich den Einfall: Mein Handy, natürlich! Ich entriegle die Tastensperre und wähle irgendeine Taste. Das Display leuchtet weiß auf und es gibt wenigstens etwas Licht. Zumindest genug Licht, um die Hand vor Augen zu sehen. Und das Klopapier besteht definitiv nicht aus Tierfell. Vorsichtig mit beiden Händen tastend und dem Handy im Mund eingeklemmt mache ich mich auf den Weg über den beheizten Marmorboden. Plötzlich geht das Licht im Zimmer an, gefolgt von einem Versuch von Außen, die Tür zu öffnen.
„Oh, Tschuldigung, ich wusste nicht, dass Jemand drin ist“ höre ich eine weibliche Stimme und das Licht geht wieder aus.
„Mmmhmhggg mmhm mhhooo“ versuche ich die vermeidliche Rettung zur Rückkehr zu bewegen. Ich nehme das Handy aus dem Mund und rufe noch einmal:
„Nein, warte! Bitte mach das Licht wieder an!“
Und ich habe Glück. Sie hat mich gehört. Das Licht geht wieder an und ich bin nun nicht nur um einige Mini-Frikadellen und eine vergiftete Garnele erleichtert. Wie es sich gehört, wasche ich noch schnell meine Hände und schnell über das etwas vollgesabberte Stück Lebensretter, welches sich Handy schimpft. Ideal zum Musik hören, Karten spielen oder als Taschenlampe in düsteren VIP-Höhlen. Wann habe ich mit dem Ding eigentlich das letzte Mal telefoniert? Bevor ich mit den Gedanken zu sehr abschweife, mache ich mich schleunigst auf, meine andere Lebensretterin noch zu erwischen. Etwas klobig schließe ich die Tür auf.
„Tut mir leid, ich dachte, ich hätte versehentlich das Licht aus gemacht. Daher habe ich den Schalter noch einmal betätigt. Ich wollte Sie nicht im Dunkeln lassen…“ rechtfertigt sich eine blonde Schönheit mit einem bezaubernden Lächeln. Die Worte, die sie sagt, nehme ich gar nicht richtig wahr. Ich hänge so an ihren vollen Lippen, dass sie auch eine schwedische Aufbauanleitung für die Kloschüssel „Kötzebrö“ vorlesen könnte. Ich würde gefesselt zuhören. Naja, zumindest zusehen.
„Kann ich jetzt rein?“
„Ähm, klar… Natürlich, gerne.“
Mein Highlight des Tages zieht an mir vorbei. Mit ihr weht ein leichter sommerlicher Duft. Während die Tür sich langsam schließt, werfe ich noch schnell ein „und danke nochmal“ hindurch. Gefangen von ihrer Ausstrahlung verharre ich vor dem Eingang. Ein Mann im Anzug kommt zu mir herüber und tippt mich an.
„Ja, tut mir leid, ich geh‘ ja schon zur Seite…“
„Nein, entschuldigen Sie. Das meine ich nicht. Sie haben da unten noch etwas…“ sagt er es, mit einem seiner behandschuhten Fingern auf meinen Schritt deutend. Ist der neue Aggregatszustand meines Geschlechtsteils etwa schon derart offensichtlich? Aus meinen Träumen gerissen schaue ich nach unten. Bei all den Ausleuchtungsproblemen habe ich doch glatt den Reisverschluss vergessen. Zipp.
„Oh, wie unangenehm. Danke sehr.“
Na hoffentlich hat das meine hübsche Toiletten-Nachfolgerin nicht bemerkt. Als die Tür erneut aufgeht, versuche ich krampfhaft, die letzte Schamesröte aus meinem Gesicht zu drücken. Und das mit Erfolg. Es ist nur noch krampfhafte Drückensröte zu sehen. Sie tritt heraus, stellt sich mir gegenüber und fragt mich:
„Ich hoffe, es war alles nach Ihren Wünschen?“
„Ähm ja… Aber Sie waren doch gerade auf der Toilette. Sollte ich nicht eher Ihnen diese Frage stellen? Wenn es diese Frage überhaupt geben sollte…“
Sie deutet mit ihrem Finger auf ein kleines Namensschildchen an ihrer Brust. Natürlich, die Brust. Dass ich da noch gar nicht hingeschaut habe. Sieht aber mehr als stattlich aus. Passt von den Proportionen her einfach perfekt zum Rest. Erneut versuche ich, möglichst wenig gedanklich abzuschweifen.
„Ah, Sie sind also Frau… Nadja Meyerfeld. Freut mich, Sie kennen zu lernen.“
„Ebenso. Und ich arbeite hier als Servicekraft.“
Ah, das erklärt auch, weshalb sie so gut riecht. Und, weshalb sie nach ihrem Toilettenbesuch kurz aufgeräumt hat.
„Ähm, als ich dort vorhin sesshaft war, ist plötzlich die Jalousie herunter gekommen. Soll das so sein?“
„Oh, sie saßen dann doch nicht etwa im Dunkeln?“ kann sich meine Schönheit ein Lachen nicht verkneifen. Na läuft doch.
„Doch… Aber ist ja nicht so schlimm. Sie haben mich ja errettet.“
Wir blicken uns gegenseitig in die Augen. Sie hat unbeschreiblich schöne Augen. So groß. So grau. So irgendwie auch grün. Klar, jeder Mensch hat schöne Augen, weil Augen nun einmal krass aussehen. Aber diese sind besonders schön. So tief. Ich könnte mich darin verlieren…
„Verstehen Sie, was ich meine?“
Oh, sie hat gesprochen.
„Das ist, um Energie zu sparen. Da ist irgendwie technisch eingestellt, dass die Jalousien automatisch herunter gefahren werden, wenn geografischer Sonnenuntergang ist.“
„Sonnenuntergang? Und das um 16:14 Uhr? Es war doch noch total hell. Sonst hätte ich doch auch nicht das Licht ausgelassen…“
„Wohl den Schalter nicht gefunden, oder?“ sagt Nadja mit einem Grinsen im Gesicht. Sie dreht sich zur Seite und drückt zwei Mal auf den Lichtschalter neben der Tür.
„Ja gut… das auch. Hatte es halt eilig, wollte nicht zu spät kommen. Sie wissen schon, ich hasse Unpünktlichkeit.“
„Eine gute Eigenschaft.“
„Aber bei aller technischen Euphorie: Wieso um alles in der Welt werden dann nachmittags bereits die Schotten dicht gemacht? Dadurch wird doch eher mehr Strom verbraucht, wie man sieht. Und es verletzen sich überall auf der Welt Menschen, die im Dunkeln gegen Schränke laufen.“
„Das ist halt irgendwie geografisch bedingt. Sobald der Sonnenuntergang kalendarisch beginnt. Oder so.“
„Ja wohl eher ‚oder so‘. Jetzt gerade geht doch höchsten die Sonne über Bali unter. Aber doch nicht hier in Hannover.“
„Auf Bali geht um vier die Sonne unter?“
„Naja, jetzt halt. Unser vier ist ja deren… keine Ahnung. Sonnenuntergang oder so.“
„Sie haben ja eine Fantasie…“
„Wenn ich verärgert bin, werde ich kreativ. Wenn das nur immer so wäre. Sie können übrigens Sven zu mir sagen.“
„Oh, tut mir leid. Aber es ist vorgeschrieben, dass wir während des Dienstes bei der Höflichkeitsform gegenüber unseren Gästen verbleiben…“
„Okay… Dann verbleiben wir vorerst dabei. Aber lassen Sie uns doch nicht hier verbleiben. Wollen wir uns an einen der Stehtische stellen? Sie können mir ja beratend zur Seite stehen…“
„Gerne.“
[Denkt dran, das Buch als Taschenbuch oder eBook zu kaufen: Auf Bali geht um Vier die Sonne unter. Schon bald auch vergünstigt hier zu haben]
26. Das Fünf-Tage-Buch
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Das Kapitel ist mittlerweile nicht mehr hier einsehbar. Das Buch wurde veröffentlicht. Weitere Informationen zu Auf Bali geht um Vier die Sonne unter.
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Da ist es. Mein Buch. Auf Bali geht um Vier die Sonne unter wurde von mir im ePubli-Verlag „erschienen“ und ist ab sofort als Taschenbuch (13,90 €) und eBook (7,99 €) käuflich zu erwerben.
Gibt es auch bei Amazon (schon bald auch mit Probeleseeinblick). Zusätzlich müsste es jeden Augeblick bei iTunes und im Kindle-Store verfügbar sein, sowie bei Google Books im Register. Das volle Programm also. Ach ja, im Offline-Buchhandel auch unter der ISBN 978-3844211313 zu bestellen. Bei Amazon kostet der Versand etwas weniger. Ich selbst „verdiene“ pro Buch übrigens einen Euro.
Zum Druck: Habe einige Exemplare auf Lager drucken lassen. Die müssten nach Bestellung auch recht fix verschickt werden. Danach werde ich wohl auf On-Demand-Druck umstellen, so dass der Versand etwa eine Woche dauern dürfte. Überlege aber, einige zu mir zu bestellen und sie dann privat zu verschicken. Die gibt es dann über den Blog und deutlich günstiger.
Hatte das Projekt ja schon mal hier erwähnt. Einige Kapitel sind auch noch zum Probelesen hier online, das erste sowie die neuesten werden auch online bleiben.
Bin auf euer Feedback gespannt!
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25. Die Urpizza
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24. Die große Samstagabend-Show
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23. Der kleine Sven
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Das Kapitel ist mittlerweile nicht mehr hier einsehbar. Das Buch wurde veröffentlicht. Weitere Informationen zu Auf Bali geht um Vier die Sonne unter. Ich gehe jetzt in meine Küche…
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22. Eiswürfelwettschmelzen
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21. Die Taufe
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20. Das Debüt
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19. Holy Hot Holly
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18. Nachbarschaftsparty
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17. Scheiß Baumarkt
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16. Die Farbe Lila
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15. Klein Finchen und der Schnee
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14. Klein Finchen und der Besuch bei eBay
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13. Den Blaubeerbraten gerochen
Am nächsten Morgen werde ich ausnahmsweise pünktlich wach. Heute muss ich endlich was gebacken bekommen, und damit meine ich keine Muffins. „Hmmm, Muffins“ denke ich mir, und beschließe nachher noch kurz beim Muffinmann vorbei zu gehen. Auf Druck der paar Kommilitonen, die mich noch kennen und – viel schlimmer – meiner paar Eltern, die mich noch kennen, gehe ich heute doch tatsächlich mal wieder in die Uni.
„Nimm das ernster, oder wir drehen Dir den Geldhahn ab!“ hatten die mir angedroht. Und dieses Mal war kein lachender Unterton dabei. Ich muss ja nur noch ein paar Scheine machen, das kriege ich schon irgendwie nebenher hin. Jedenfalls packe ich meine Klamotten und verlasse das Haus. Draußen schaue ich kurz auf die Uhr an der Haltestelle: Absolutes Prachttiming. So pünktlich war ich lange nicht mehr. Da kann ich den Muffinmann-Besuch auch ruhig vor die Vorlesung verlegen. Liegt ja eh quasi auf dem Weg. Ich steige also nicht in die Bahn, sondern gehe zu Fuß in Richtung Backwarenfachgeschäft. Dort angekommen muss ich aber feststellen, dass geschlossen ist. Die machen erst um 11 auf. Kein Wunder, dass mir das vorher noch nie aufgefallen ist. Und natürlich habe ich gerade jetzt absoluten Appetit auf einen Muffin.
Ich steige in die Bahn und fahre Richtung Universität. Ich steige allerdings ein paar Stationen vorher aus. Denn ich kenne dort einen Bäcker, der auf jeden Fall auf hat. Dort angekommen schlage ich erleichtert die Eingangstür auf und mir schwingt sofort ein Duft frischer Backwaren entgegen. Lecker! Ich glaube, jedes noch so beschissene Brot schmeckt gut, wenn es warm ist. Oder riecht zumindest, als ob es schmecken würde. Als ich sehe, dass auch andere Menschen um diese Zeit hier etwas bestellen wollen, ist mein Gewissen erleichtert, aber meine Geduld weiter strapaziert. Ich möchte einen Muffin – jetzt! Endlich bin ich an der Reihe und zeige wie ein kleines Kind voller Freude und mit leuchtenden Augen auf einen großen saftigen Blaubeermuffin. Groß und saftig ist dann aber auch der Preis. Aber Liebe geht halt durch den Magen und macht blind. Ich lege den Betrag auf den Tisch und beiße genüsslich beim Hinausgehen in mein neu erworbenes Stück Himmel. Hmmmm.
Mit 50 Minuten Verspätung erreiche ich den Hörsaal. Ich setze mich in eine der hinteren Reihe und lege meine Jacke ab. Um zumindest Ehrgeiz vorzutäuschen schlage ich meinen Block auf und lege einen Stift darauf. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich ja auch eine Anekdote für mein Programm? Aber nein:
„Gut, das war’s für Heute. Wir machen mal etwas früher Schluss.“
Ich jedenfalls packe meine Sachen wieder zusammen und verlasse den Raum mit einer Mischung aus Ärger und dem Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben. Mit dem Studentenstrom schwimme ich in Richtung Bahnstation. Natürlich fährt vor meiner Nase eine Bahn weg, die in meine Richtung verläuft. Aber da wir außerplanmäßig früh Schluss gemacht haben, ist es wenigstens nicht so überfüllt wie sonst. Ach Mist, hätte ich doch nur meine Kopfhörer dabei. Naja, so muss ich mich wohl an den Gesprächen Anderer unterhalten. Biochemie? Nein, danke. Ich gehe ein paar Schritte weiter und höre Frauen über neue BRONX Schuhe reden. Aber Damenschuhe? Ein Blick auf die Frauen, die darüber reden zeigt mir, dass das Thema für mich auch nicht interessant ist. Ein paar Schritte weiter höre ich etwas über Fußball. Es geht doch.
„Aber ich sag Dir, Schalke wird dieses Jahr Meister!“
Ich gehe wieder zurück zu der Frauengruppe mit dem Thema Damenschuhe. Irgendwie ist das Thema doch interessant und so kann ich die letzten Minuten tot schlagen, bis meine Bahn kommt. Nach drei endlos lang erscheinenden Minuten kommt diese endlich. Erleichtert steige ich ein und setze mich. Ein paar Meter weiter wird ein Handy eingeschaltet und Musik erklingt. Natürlich. Irgendwie ziehe ich den Mist wohl magisch an. Die Boygroup-Klänge scheinen den Damen wohl zu leise zu sein, denn die Musik wird immer lauter. Kein Wunder, denn alle anderen Leute reden ja auf einmal lauter, eine Frechheit. Da muss man dagegen halten. Einige Takte später halte ich es nicht mehr aus und gehe zu ihnen rüber.
„Ähm, Entschuldigung? Könntet ihr das bitte leiser machen?“
Die drei 15-Jährigen billig angezogenen Früchtchen in Körpern von 12-Jährigen Schlampen schauen mich verwundert an.
„Ey, Alter. Dann hör‘ halt nicht hin!“ piepst mir eine von ihnen schreiend ins Gesicht und fängt an zu Lachen. Die anderen kreischen mit und ich setze mich wieder. Das Lachen war wohl so laut, dass die Musik schlechter zu hören ist, denn sie wird noch einmal um einen Deut erhöht. Wären die doch bloß nicht weiblich. Dann würde es was setzen. Erst wenn man etwas verliert, weiß man, was man an Gesprächen über Damenschuhe hatte. Endlich wird meine Station angesagt. Ich stehe auf und gehe zu dem Ausgang, der direkt bei den störenden Mädchen und ihrer Popmusik liegt. Gleich hält die Bahn. Ich fasse an eine der Haltestangen und presse meinen Bauch zusammen. Kurz halte ich die Luft an und – ja… lasse tierisch laut einen fahren. So, dass es aber auch alle trotz der lauten Musik mitbekommen. Direkt in die Gesichter der drei Musikerinnen.
„Bah! Ey, Du alte Sau!“ sagt die Rudelsführerin, sich das zu knappe Top irgendwie über die Nase haltend.
„Na, dann riech halt nicht hin!“ sage ich und steige triumphierend an der Station aus. Noch bevor die Tür schließt höre ich eine der Anderen rufen:
„Sind das Blaubeeren?“
Zufrieden gehe ich zu mir nach oben und gönne mir eine Pizza zum Mittagessen. Nachmittags ruft meine Mutter an. Natürlich gerade absolut unpassend. Also für mich. Denn wochentags ist es immer scheiße. Am Wochenende bin ich wenigstens oft außer Haus und verpasse ihre Anrufe. Aber seit sie ihre Rufnummerneinblendung deaktiviert haben, gehe ich natürlich immer ans Telefon, wenn es klingelt.
„Ich wollte nur mal kontrollieren, ob Du heute in der Uni warst?!“
„Aber sicher war ich das, Mutter.“
„Na, dann ist ja gut.“
Na, gut, dass Du es kontrolliert hast. Um eine Sache kann ich mich allerdings nicht so leicht drücken, wie um die Kommunikationsversuche meiner Eltern: Gruppenarbeit. Schreckliche Sache. In einem Seminar muss ich zusammen mit drei anderen Studentinnen eine Ausarbeitung machen. Und das eigentliche Problem daran ist, dass alle Anderen in der Gruppe nun einmal weiblich sind. Und das bedeutet, dass sie strebsam und um Pünktlichkeit bemüht sind. Das geht dann doch gegen meine Auffassung von Arbeitsweisen. Morgen steht ein Gruppentreffen an, und ich habe noch nicht einmal angefangen bislang. Ich schlage also eines der Bücher auf und eröffne eine neue Word-Datei auf meinem Computer. „Ausarbeitung-Sven_06_07_2009.docx“. Der Großteil wäre geschafft. Fleißig fange ich an, drauf los zu schreiben. Wirklich wissenschaftlich fundiert ist das Ganze bislang nicht, eher auf Quantität abzielend. Eine Weile später schaue ich beinahe instinktiv auf die Uhr: 18:02 Uhr. Simpsons kommen. Und da tritt für mich Arbeitsregel Nummer Eins in Kraft: Lege die Arbeit bis zum nächsten Tag nieder, wenn es Draußen dunkel wird, oder die Simpsons laufen. Je nachdem, was eher eintritt. Und solche Regeln darf man nicht brechen. Da geht es um Prinzipien. Ich schließe das Buch und alle Dateien am Computer und schalte pflichtbewusst den Fernseher an.
Nach zwei knallgelben Episoden gehe ich hoch zu den Wachtlers. Ein kostenloses Essen schlägt man als Student selten aus, zumal es sich wahrscheinlich nicht um tiefgekühlte Cordon Bleus oder Pizza handeln dürfte. Das zeigt ja schon der Eingang. Eine dunkelrote Fußmatte mit dem Namen „WACHTLER“ in großen goldenen Lettern. Dass sie überhaupt eine Fußmatte besitzen hätte gereicht, um mich zu beeindrucken. Ich klingle und schon hört man das kleine Biest von Hund kläffend zur Tür gerannt kommen. Anscheinend haben die Wachtlers einen Holzboden, denn man hört das Kratzen der kleinen Hundekrallen auf dem Boden. Zudem scheint es wohl glatt zu sein, denn mit einem kleinen dumpf klingenden Wumms fliegt Fini aber mal fein gegen die Tür. Ein weiterer Grund, den ich meinen Eltern vorhalten kann, dass ich bei mir nie wische. Die Tür geht auf und Frau Wachtler begrüßt mich, den Köter tätschelnd im Arm haltend.
„Abend, Sven. Schön, dass Du es einrichten konntest. Wir können uns doch Duzen, oder?“
„Aber sicher doch.“
Ich gehe rein und ziehe meine Schuhe aus. Wow, dass hier oben überhaupt noch eine Wohnung war, wusste ich nicht einmal, aber, dass es gleich eine so große und moderne ist, verblüfft mich umso mehr. Überall stehen alt aussehende Holzmöbel rum und Gemälde hängen an der Wand. Keine Papierfetzen hinter Glas, sondern richtige Leinwände mit aufwendig verzierten Rahmen. Frau Wachtel führt mich in ihr Esszimmer. Esszimmer – das habe ich auch. Nur, dass es gleichzeitig mein Schlaf- und Arbeitszimmer ist. Hier sitzt bereits Herr Wachtel und zündet sich eine Zigarre an.
„Hallo Sven. Auch eine?“
„Hallo…. ähm.“
Ach verdammt. War ja klar, dass ich mir die Vornamen nicht merken kann.
„Nein, danke. Das ist nichts für mich.“
Ich setze mich an den großen Tisch, der eher einer Tafel entspricht und wohl in keinen meiner Räume hineinpassen würde. Und natürlich steht im Wohnzimmer ein Karmin, der wärmend vor sich hin lodert. Die haben mich doch bestimmt nur für den sozialen Abwärtsvergleich eingeladen.
„Wow, Sie haben aber eine schöne Wohnung. Ich wusste gar nicht, dass in diesem Haus noch so eine ist…“
„Bleiben wir doch beim ‚Du‘“ sagt die Frau ohne Vornamen und schenkt mir etwas Wein ein.
„Aber Du hast Recht, die ist erst recht neu. Die Gegend passt für uns perfekt und wir haben die Renovierung getragen. Das waren zuvor zwei Mietwohnungen.“
Ah, daher der verfickte Lärm fast das komplette letze Jahr über. Na super, und nun habe ich auch noch den Zeitpunkt verpasst, zu sagen, dass ich keinen Wein mag. Aber egal, für diesen einen Abend wird das schon hinhauen. Ich bin ja eh in einer halben Stunde wieder raus hier.
„Ich hoffe, Sie mögen Rinderbraten?“
Okay, vielleicht in einer Stunde.
Das Essen jedenfalls mundet sehr und hilft, den Wein hinunter zu spülen. Fini hat doch tatsächlich auch etwas von dem Braten in ihr Schälchen bekommen. Na das wird sie bei mir nicht kriegen, das steht fest. Liane und Gregor, die glücklicherweise zwischendurch ihre Namen genannt haben, fliegen für ein paar Tage nach Argentinien. Eigentlich sollte Gregors Schwester auf die kleine Fini aufpassen, aber die ist kurzfristig verhindert. Und da auch alle anderen Optionen irgendwie nicht in Frage gekommen sind, haben sie sich einfach an den nächstbesten, sprich nächstgelegenen gewendet: Mich. Sie erzählen mir, was das kleine Fellknäuel zu Essen bekommt, was er darf und was er nicht darf, und, dass er natürlich absolut stubenrein ist. Zudem soll ich vier Mal mit ihm am Tag raus. Einmal auf jeden Fall vor 8 Uhr. Na, das hat sich dann wohl erledigt.
„Sie hatten gestern etwas von Bezahlung erwähnt?“
„Oh, ja natürlich. Wir würden selbstverständlich alle Unkosten tragen. Und wir wären bereit, Ihnen als Dankeschön ein kleines Taschengeld zu gewähren.“
Na super. Ein kleines Taschengeld. Mein Opa hat mir auch immer ein „kleines Taschengeld“ fürs Rasen Mähen gegeben, was für zwei Lutscher und ein Eis drauf gegangen ist.
„Wie wäre es mit 500 Euro?“
Ich muss kurz durchatmen. Sofort rasen Videospiele, DVD-Filme und Mettbrötchen durch meinen Kopf.
„Klar, das klingt fair.“
Mit einem Handschlag wird das Geschäft besiegelt und ich trinke einen kräftigen Schluck Wein. Auf einmal schmeckt der gar nicht mal so übel. Liane reicht mir einen Plan, auf dem alle wichtigen Sachen noch einmal drauf stehen. Zudem reicht sie mir Visitenkarten von den beiden.
„Falls mal irgend etwas Unvorhergesehenes passiert.“
Wir sitzen noch eine Weile am Tisch und reden über Dies und Das. Als Gast und Hundelebensretter möchte man ja nicht undankbar erscheinen. Ich lasse mir die Reste vom Braten einpacken und gehe.
Zwei Stockwerke tiefer angelangt, lege ich meinen Rinderbraten an Aluminiumfolie in den Kühlschrank und mache mich auf den Weg ins Internet. Dort angelangt lege ich Hand an mein neuestes Projekt. Und damit meine ich nichts Schmutziges. Naja, vielleicht ein bisschen. Denn diese ganzen Rückweisungen bei Wikipedia war ich leid. Und daher habe ich mich dazu entschlossen, der Welt meine Eindrücke vom Leben direkter einzuflößen. Ich, Sven Bukholz, bin im Web 2.0 angekommen. Denn ich habe einen Blog!
Fortan sollen sämtlich Informationen über meine Leibspeisen, gute Musik und alles Wichtige über mich dort erscheinen. So kann ich außerdem einzelne Witze und Geschichten für mein Programm testen. Heute Morgen habe ich bereits ein paar Parts von meinem ersten kleinen Auftritt in Frankfurt übertragen und so starte ich mit meinem ersten Beitrag und „The Mettrix“ ist online. Ein Danke geht an das Recht der Redefreiheit, denn hier kann mir HelloKitty59 Nichts mehr weglöschen, hier bin ich der Herr im virtuellen Bloghaus. Um die Welt auf den neuen Spielplatz meiner Identität aufmerksam zu machen, schreibe ich wild werbend in alle möglichen Chatrooms die Domain rein. Zwischen all dem jugendlichen Slang und den vielen anscheinend türkisch schreibenden Kindern da drin erscheint www.the-mettrix.eu noch am normalsten. Eine Stunde und 52 Chaträume, in denen ich nun nicht mehr erwünscht bin, später habe ich immerhin 103 Besucher auf meiner Seite gehabt. Das fängt doch schon einmal gut an. Ich beschließe den Tag mit einer letzten Recherchearbeit zu beenden und schalte den Fernseher ein.

12. Fast Food-Bürokratie
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Das Kapitel ist mittlerweile nicht mehr hier einsehbar. Das Buch wurde veröffentlicht. Weitere Informationen zu Auf Bali geht um Vier die Sonne unter.
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11. Der erste Auftritt
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10. Eier – Wir brauchen Eier!
„Ich nehm ne Schinken mit Peperoni. Aber in scharf!“
Heute Abend steht endlich mal wieder Fußball an. Champions-League-Finale, Bier, Pizza. Ein reiner Männerabend halt. Und an diesem Abend sind wir mal einmal ein bisschen Frau, wenn es um Fußball geht. Beide Teams haben bislang eine sehr gelungene Saison gespielt und wir wollen einfach nur ein attraktives Spiel sehen. Soll der bessere gewinnen. Dass ich das einmal denken würde, wenn es nicht gerade um Poker oder ein Brettspiel geht. Wobei, bei Letzteren wird doch eh nur beschissen. Heute sind wir jedenfalls bei Matze untergekommen. Matze wohnt in einer Zweier-WG, was soweit nicht erwähnenswert ist. Aber die beiden sind quasi Untermieter von einem Mieter, der wiederum mit seinem Mitbewohner eine Etage weiter oben wohnt. Immer noch nicht wirklich erwähnenswert. Das Kuriose ist aber, dass sich beide Parteien den selben Zugang zum Treppenhaus und somit auch den Flur teilen. Für mich als Gast war das zunächst etwas verwirrend. Hatte ich gerade noch mit dem Studenten Matthias in der Küche über Sportwagen, Techno und richtige Musik gesprochen, geht dieser aufs Klo und auf einmal grüßt mich ein Mitte-40-Jähriger Kosovo-Albaner mit Halbglatze.
„Oh, das ist unser Vermieter. Der muss hier immer durch.“
Achso. Selbstredend. Wer kennt das nicht? Außerdem sieht natürlich die Tür, die zur Wohnung der Mieter geht nicht wirklich anders aus als jede andere x-beliebige Tür in Deutschland. Da öffnet man auf der Suche nach dem Bad oder rein aus Erkundungstrieb einfach mal die Tür und sieht Jemanden beim Hose wechseln, den man dabei ganz bestimmt nicht sehen möchte.
„Leute, die Wohnung war halt echt günstig, passt von der Lage und die Vermieter machen keinen Stress.“
„Na außer, dass sie täglich durch Deine Bude stampfen…“
„Jaja, aber das ist ja nicht mehr lange.“
„Hast Du etwa endlich eine Wohnung in Frankfurt bekommen? Oder benötigst Du noch ein paar Tipps zur Wohnungssuche? Ich kann Dir ansonsten noch eine was empfehlen!"
„Vielen Dank, aber ich habe was gefunden. Ziehe nächsten Samstag um. Könnt ihr mir helfen?“
Chris, Jonas und ich schauen uns gegenseitig an und nicken mit den Köpfen.
„Klar, machen wir.“
„Wunderbar, dann also Samstag Morgen um Fünf hier!“
Alle stoßen mit ihren Bierflaschen an, nur ich verharre einen kurzen Augenblick.
„Es gibt morgens auch ein Fünf Uhr?“
„Okay, okay. Sagen wir halb sechs.“
„Na klasse, auf die halbe Stunde scheiße ich…“
Ich stoße ebenfalls an und denke schon mit Grauen an die bevorstehende Nachtschicht. Dazu wohnt Matze natürlich wie jeder Student im obersten Stockwerk des Hauses. Und das verfickte Haus muss natürlich sechs Stockwerke besitzen. Dazu selbstverständlich auch noch ein Altbau sein, wie es sich für alte Häuser gehört. Und was haben alte Häuser auch? Richtig: Keinen Fahrstuhl. Das kann ja ein Spaß werden.
„Das wird bestimmt ein Riesenspaß! Mit euch rumhängen, eben nach Frankfurt fahren. Dann seht ihr auch gleich die neue Wohnung. Könnt ja eine Nacht da pennen, wenn ihr wollt. Platz ist genug da.“
„Das hört sich gut an. Bin dabei. Und ich könnte euch, wenn ihr wollt, mal meine ersten Versuche als Comedian vortragen. Hab da mal ein Bisschen was zusammen getragen.“
„Na das hört sich doch nach einem gelungenen Plan fürs Wochenende an.“
Und heiter klingen die Bierflaschen. Und kurz darauf auch schon die Türklingel.
Es klopft an der Tür und ich wunder mich, ob der schlecht deutsch sprechende Pizzajunge den Weg nach unten nicht finden konnte. Aber nein, die Tür öffnet und der Vermieter lugt durch den Spalt.
„Hi. Ähm, hast Du Eier da? Mir fehlen nämlich zwei Stück…“
„Sorry, habe keine über.“
„Ok, schade. Schönen Abend noch.“
Die Tür schließt und wir schauen uns verwundert an. Wir können uns alle ein Grinsen nicht verkneifen. Jonas fängt an zu lachen und sagt:
“Solche Fragen sind bei Zahlen unter vier wohl zu vermeiden.”
“Warum unter vier? Unter drei jawohl…”
“Drei wäre doch auch geil. Schön zum Rumprahlen.”
“Ich hab’ mal im TV von einem gehört, der hatte drei. Eins haben sie ihm dann raus operiert…”
“Warum das? Der hätte doch eine ganz große Nummer im Porno-Business werden können!”
“Stimmt, mit der Gabe, braucht der es noch nicht mal können, der wird automatisch engagiert.”
“Yep, bräuchte nur noch ´nen coolen Namen…”
Und so sitzen vier junge Männer in einem Raum und denken über den passendsten Namen für einen Pornodarsteller nach.
„Der Eiermann?“
„iRod?“
„Ei mal Ei macht drei, fidibidibup…“
Tragischer Weise ist das Fußballspiel bislang nicht von dem erhofften Unterhaltungswert geprägt, so dass das Wortspiel eine gute Viertelstunde so weiter geht. Bis:
“Hihi. Tripple-Eggs!”
„Und wir haben einen Sieger.“
Ich strecke triumphierend eine Faust in die Luft und wirble mit ihr umher. Als intellektuelle Männer unserer Zeit erkennen die Anderen, wenn Jemand die Messlatte unüberspringbar hoch gelegt hat. Hihi, Messlatte.
„Und wenn drei solcher ‚besonderen‘ Männer mit zwei Frauen auf einem Billardtisch rummachen würden, könnten wir den Film ‚9 Balls – 6 Holes‘ nennen.“
„War ja klar, dass da noch was kommt.“
„Hihi, ‚kommt‘…“
Wir essen unsere Pizzen auf und schauen weiter das Spiel. Ein magerer Sieg nach einem Krampfspiel für den glücklicheren Sieger. Das hatten wir uns auf dem Niveau aber anders vorgestellt. Wenigstens konnte ich in meinem mitgebrachten Block mal wieder ein paar Anekdoten, Kommentare und Witze kritzeln. So bin ich für Frankfurt gewappnet.
Um für meinen ersten inoffiziellen Standup-Auftritt nicht nur inhaltlich sondern auch outfitlich gewappnet zu sein, beschließe ich mich, meinen monatelang geplanten T-Shirt-Kauf nicht länger vor mir her zu schieben. Bewaffnet mit meiner Gutschrift von meiner kurzen Affäre mit Tom mache ich mich am nächsten Tag auf in das Kleidungsfachgeschäft meines ehemaligen Vertrauens. Mittlerweile wurde das Sortiment komplett auf Sommer- / Herbstmode umgeändert. Ich mache einen großen Bogen um die Regale der Firma leger wear und stehe vor den reduzierten Designer-Shirts. Die sehen gar nicht mal so schlecht aus und sind von 40 auf 20 Euro runter gesetzt. Ich greife mir ein gut aussehendes Motiv der Größe M und halte es mir an die Brust. Naja, müsste passen. Aber müsste passen reicht mir nicht mehr. Ich streife das Shirt über und bin schon ein bisschen enttäuscht, als ich merke, dass es passt. Der ganze Aufwand umsonst. Da mir das Motiv so sehr gefällt, nehme ich mir noch zwei weitere Shirts in anderen Farben mit. So erspare ich mir weiteres Anprobieren. Das nenne ich doch einen wahren Männerkauf. Mit dem Ziel, drei Shirts zu kaufen bin ich hier hin gelaufen und nach zwei Minuten habe ich es fast erfüllt. Nur die Schlange an der Kasse möchte mir eine Rekordzeit verbieten. Nicht nur, dass lediglich eine der drei Kassen offen ist – was mir immerhin die Entscheidung der vermeidlich richtigen Schlange erleichtert – nein, das Durchschnittsalter meiner Mitwartenden dürfte klar über dem durchschnittlichen IQ liegen. Dabei sehen die eigentlich alle recht klug aus. Und natürlich muss eine der alten Damen auch noch anfangen, mit der Verkäuferin zu quatschen. Und ausnahmsweise scheint es sich dabei auch noch um eine der wenigen freundlichen Verkäuferin zu handeln, denn sie steigt auch noch drauf ein.
„Haben Sie das mit Düsseldorf gehört, junge Dame?“
„Nein, wieso?“
„Da haben sie heute Morgen den Bahnhof gesperrt…“
„Och, wieso denn das?“
„Aber nur den halben Bahnhof…“
„Wieso den halben Bahnhof? Was war denn da?“
„Ne Bombe. Da hat Jemand ne Bombe hingelegt. Eine kleine Bombe. Ist aber alles wieder frei. War nur heute Morgen.“
„Soso, na das ist ja interessant.“
Soso, na das ist einen Scheiß! Ich steh hier bereits länger, als ich für die komplette Hinfahrt und den Einkauf gebraucht habe und diese freundliche, aufmerksame, dumme Verkäuferin pausiert ihre Arbeit um mit einer Frau zu plauschen, die den Düsseldorfer Bahnhof bestimmt schon einmal aus Trümmern neu erbaut hat. Und das Seltsamste an der ganzen Warterei ist, dass ich anscheinend der Einzige bin, den das stört. Vielleicht gibt es ein Enzym im Körper, welches das Empfinden von Störung bei Wartezeiten und nervenden Geschichten im Alter ab 70 abstellt. Vielleicht wird die gesamte Wut und Aggression bereits vor dem täglichen Einkauf beim Beschimpfen von dreist vor dem eigenen Haus auf der Straße entlang fahrenden Autos aufgebraucht. Und immerhin haben wir schon 9:34 Uhr. Ein Wunder, dass ich bereits und die noch wach sind. Verärgert schaue ich mich um und suche nach Ablenkung. Natürlich hat niemand ein kleines Kind oder einen Hund dabei, der mich unterhalten möchte. Bestimmt haben die Kaufhäuser extra diesen kleinen Krims-Krams vor die Kassen gestellt, damit die genervten „jungen“ Leute in den Schlangen Etwas aus Verzweiflung und Langeweile kaufen. Verdrängungskäufe. Das ist wie, wenn einem etwas total weg tut und man sich auf die Hand schlägt, damit der neue Schmerz vom alten ablenkt. Ich lenke mich von langweiligen Geschichten aus der Vorkriegszeit und dem lauten Zählen von Kleingeld mit Gürteln und hässlichen Halstüchern ab. Wie die Quengelware im Supermarkt für Kinder funktioniert natürlich auch diese hinterfotzige Vorrichtung des Einzelhandels. Endlich bin ich an der Reihe und lege meine drei Shirts, den Gürtel und die zwei Halstücher auf die Theke.
„Das macht dann 82,97.“
Ich reiche der Verkäuferin meine Karte.
„Stimmt so.“
Während die Kassiererin mit der Karte herum hantiert blicke ich mich um und in verärgert drein schauende Gesichter in der Schlange. Ach ja, wenn es um die Jugend geht, die mal mit Karte zahlt, dann kann man sich auf einmal doch ärgern, oder wie? „Er ist keiner von uns, also lasst ihn uns mit unseren Rentnerblicken durchbohren und imaginär mit unseren verrunzelten Fäustchen schwingen!“ Ich lasse mir Zeit bei meiner Unterschrift und verfasse sie in allerschönster Sonntagsschrift. Die Verkäuferin reicht mir eine Tüte mit meinen Sachen und winkt den Nächsten zu sich. Beim Gang zur Rolltreppe kommt mir eine Frau mit Kind und einem kleinen Hund entgegen. Na klasse, hätten die nicht fünf Minuten früher kommen können, um mich vor den Verdrängungskäufen bewahren zu können?
Als kleine Belohnung für mich selbst nach all den Strapazen, will ich mir einen Milchshake bei Burger King gönnen. Hier ist der Kunde anscheinend noch König. Kaum stelle ich mich an einer der kurzen Schlangen an und schaue suchend die Anzeigeschilder nach Milchshakes ab, da werde ich auch schon zu einer freien Kasse hinüber gewunken. Ich gehe rüber und suche immer noch nach den Shakes..
„Ähm, hallo. Was haben Sie denn so für Milchshakes?“
„Was, sind Sie das etwa?“
„Bitte, wie meinen?“
Erst jetzt schaue ich die Bedienung an und kann meinen Augen kaum trauen. Da steht doch wahrhaft die langnasige Verkäuferin aus dem Kaufhaus vor mir.
„Ach, Sie sind das. Arbeiten Sie nicht eigentlich…?“
„Jaja, da arbeite ich nicht mehr. Die meinten, ich würde nicht genug auf meine Kunden eingehen. Aber was geht Sie das eigentlich an?“
„Ja, nix…“
„Und, was wollen se?“
„Einen Milchshake, sag ich doch.“
Zum Glück kann ich mich von ihrer Nase losblicken und finde endlich die Auflistung der Milchshakes.
„Ähm, einen Banana Split, bitte.“
„Wie groß?“
„Hm… groß.“
„Und Sie sind sich sicher und bringen das Ding nicht nochmal zum Umtausch mit?“
„Haha, wie witzig. Wird schon passen.“
„Zum hier Essen oder zum Mitnehmen?“
„Da man den nicht essen kann, nehme ich ihn mit…“
Sie blickt verwirrt von ihrer Kasse hoch. An der Nase einer Frau erkannt Mann die dumme Sau.
„Zum Mitnehmen, bitte.“
„Macht dann 2,45.“
„Stimmt so.“
Ich lege den Betrag passend hin, drehe mich um und gehe. Mittlerweile ärger ich mich, dass ich den Shake nicht zum hier „essen“ mitgenommen habe. Denn diese ganze sinnlos erscheinende Fragerei hat schlichtweg nur einen steuerrechtlichen Sinn. Wenn jemand das Fast Food im Lokal selbst verspeist, handelt es sich bei dem Verkauf um eine Dienstleistung. Also Essen im Sinne von Restaurant. Somit wird eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf Burger & Co. Erhoben. Nimmt man das Essen allerdings mit, gilt es als Nahrungsmittel und wird mit sieben Prozent vermehrwertsteuert. Für ein und das selbe Produkt, welches immer den gleichen Preis kostet, muss das Unternehmen also unterschiedlich Steuern an Vater Staat zahlen. Sprich: Ich belohne diese Verkäuferin von und zu Nase auch noch, indem ich das Ding mitnehme und die sich eine saftige Steuer und einen Typen sparen, der meinen Platz reinigt, wenn ich weg bin und mein Tablett wegnimmt. Ich beschließe, das nächste Mal dort zu essen, oder es zumindest zu sagen und dann heraus zu gehen. Denn so werden Arbeitsplätze der hart schuftenden Raumpfleger gesichert in diesen schweren wirtschaftlichen Zeiten. Und vielleicht wird meiner Lieblingsverkäuferin im Gegenzug etwas weniger Gehalt gezahlt.

9. Graufahren
Am nächsten Morgen fühle ich mich, als wäre ich Zinedine Zidane und hätte die gesamte letzte Nacht Kopfnüsse an italienische Schauspieler verteilt. Neben meiner Schlafcouch steht eine halbvolle Wasserflasche. Ich trinke sie in einem Zug aus. Da ich meinen richtigen Zug erwischen möchte und Flo noch pennt, schreibe ich ihm eine Nachricht.
„Danke für das nette Beherrberging, das Steak und die Stütze.
Muss meinen Zug bekommen.
Wir sehen uns!
Sven
P.S.: Sorry wegen der Kaffeemaschine…“
Natürlich werde ich ihm das Ding ersetzen. Aber als das Teil heute wieder angefangen hat, rum zu brummen und damit mein Herumbrummen halsaufwärts nur noch verstärkt hat, konnte ich mir nicht anders helfen, als dem Ganzen ein Ende zu machen. Dass Flo bei dem Aufschlag des Hammers auf das italienische Koffeinwunder nicht aufgewacht ist, hat mich nun auch nicht mehr gewundert. Für mich war das eine schwere Entscheidung, so ist es ja nicht. Entweder, es klackert weiter unaufhörlich und unberechenbar drauf los oder, es wird einen gezielten lauten Knall geben, auf den ich wenigstens vorbereitet bin. So zögert man schon einmal mit einem verkaterten Kopf, ob man mit einem Hammer auf ein metallernes Etwas schlägt. Da kann man sich ja gleich unter eine Turmglocke stellen. Aber diesmal konnte ich nicht auf mein Herz hören, da mein Kopf unüberhörbar war. Zehn Euro habe ich ihm neben die digitale Leiche gelegt, damit er sich einen neuen Hammer kaufen kann. Ich packe schnell meine neuen Herren Hemden und die restlichen Klamotten zusammen und nehme, wie am Abend vermutlich verabredet, eine von Flos alten Unterahmgehstützen mit. Und Sven has left the building.
Das Geniale an Köln ist ja der Dom. Und damit meine ich nicht seine altgothische Architektur oder die wunderschönen Restaurationsgerüste, sondern seine simple Funktion als Orientierungspunkt. Ohne Stadtplan, iPhone oder Taxiwürde man wohl in keiner Stadt der Welt so schnell den Bahnhof finden, wie in Köln. Vor Flos Haus stehend schaue ich in die Luft, drehe mich ein wenig und erblicke auch schon die rettenden Domspitzen. Nach etwa zehn Minuten sturen Geradeauslaufens erreiche ich stolz den angepeilten Bahnhof. Drei Minuten zu spät. So habe ich wenigstens noch Zeit, mir ein Brötchen zu kaufen. Da auf die Bahn Verlass ist, fährt mein Zug pünktlich mit zehn Minuten Verspätung ein. Bereits an der Tür zur Bahn erhalte ich gnädiger weise den Vortritt.
„Oh danke, das ist aber sehr zuvorkommend von Ihnen.“
Dass ich da noch nicht vorher drauf gekommen bin. Selbst Leute, die bereits sitzen schauen kurz zu mir herüber und deuten mitleidig mit ihren Augen an, dass sie ihren Platz bereitwillig für den Krüppel mit der Stütze räumen würden. Von der Stütze leben – gefällt mir. Ich setze mich an einen schönen verwinkelten Platz ans Fenster, lege die Stütze auf meinen Nebenplatz und beschließe den verlorenen Schlaf nachzuholen. Mein Problem ist aber, dass ich in Zügen oder sonstigen sich bewegenden Sachen einfach nicht schlafen kann. Dennoch halte ich die Augen geschlossen, schon nur alleine, weil ich mich auf einer Rückfahrt befinde. Denn ich fahre grau.
Und ich habe Glück: Mein Kontrolleur ist nur ein kleines Arschloch, besitzt jedoch ein Gewissen. Kurz hat er mich nach einem Ticket fragend angestubst. Weitere Anstalten wollte er dann glücklicherweise nicht machen und zog von dannen.
„Liebe Passagiere. In Kürze erreichen wir Hannover Hauptbahnhof und das Ziel der Reise von Sven Bukholz. Dort erhält er Anschluss nach Hause und den Lohn seiner hart erschufteten Graufahrerkeit. Ladies and gentlemen. In a few minutes we’ll arrive at Hanover central station and the final goal of Sven Bukholz’ journey. He can get home and has finally screwed you all.”
Glücklich ob meines Sieges gegen das System ziehe ich meine Jacke über und setze meinen Rucksack auf. Beinahe vergesse ich meine Stütze im Gang und laufe etwas deutlicher humpelnd noch einmal zurück um sie zu holen. Mich stützend stehe ich an der Tür und warte, dass der Zug zum Stillstand kommt. Und da kommt er, der gewisse Augenblick. Ich drücke auf „Play“.
Denn meiner Meinung nach gibt es nicht viel Größeres, als diese speziellen Momente der musikalischen Befreiung. Momente, in denen man einfach Lust auf das Leben hat, und Bock darauf, einen seiner Lieblingssongs voller Energie in voller Lautstärke zu hören und dabei befreiende Bilder vor seinem Auge zu haben. Dazu gehört für mich beispielsweise die Heimkehr nach einer langen Zugfahrt. Oder aber auch, der Zeitpunkt nach einer Autobahnbaustelle, an dem die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben wird und man das Glück hat, bei einfallendem Sonnenschein kein verdammtes Auto auf den beiden linken Spuren zu sehen. Oder natürlich auch der Feierabend, an dem man nach einem harten Arbeitstag aus der Eingangstür des Unternehmensgebäudes in die verdiente Freizeit schlendert. Verstärkt natürlich vor einem Wochenende oder Urlaub. Da kann ein verpisstes Regenwetter sogar manchmal zu passen, solange die Musik stimmt. Regelmäßig rechne ich während einer Bahnfahrt die jeweiligen Trackdauern durcheinander und stelle einen bestimmten Song ein, damit ich ohne weitere Aktivität, die meinen musikalischen Moment nur verzögern und kognitiv beeinträchtigen könnte, beim Zeitpunkt der Zeitpunkte automatisch meinen Song erhalte. Die Bahnfahrt ist 28 Minuten lang, das Album bis dahin aber nur 26? Dann muss ich halt erst noch sechs Minuten warten, damit meine musikalische Untermalung möglichst perfekt ist. Der Soundtrack meines eigenen Lebens quasi. Und in diesem einen Moment, in dem das aktuelle Lieblingslied der aktuellen Lieblingsband zum aktuellen Highlight des Tages abläuft, fühlt man sich für knappe drei Minuten unantastbar. Keiner kann einem Etwas anhaben. Keiner kann einem schaden. Keiner kann einem diesen Moment vermiesen. Bis auf einen leeren Handy-Akku. Na klasse. So wird mir sogar das kleine Stück musikalisches Glück vergönnt.
Gefrustet komme ich zuhause an. Im Briefkasten finde ich nur fruststeigernde Rechnungen und Werbeschreiben, im Treppenhaus wird gerade gewischt. Ich schlängel mich an der Putzfrau mit Migrationshintergrund vorbei und erhalte von ihr einen Todesblick dafür, dass sie nun acht Sekunden unbezahlte Pause machen musste. Oben angekommen pfeffer ich meinen Rucksack in eine Ecke und schalte meinen Rechner an. Der Frust muss weg, denke ich mir und beginne mit dem Verfassen einer neuen Mail:
An: [email protected]
Von: [email protected]
Betreff: Ihre Hemdfabrikation ist suboptimal
Guten Tag,
Ich habe letztens ein Hemd von Ihnen gefunden, welches mir sehr gefällt (so ein olive-farbenes mit Vintage-Print drauf. Sie wissen schon). Seit Jahrzehnten bin ich ein Größe-M-Träger, aber Ihr Hemd in Größe M fällt für mich zu klein aus. An sich noch kein Grund zur Panik. Jedoch fällt leider ein Hemd mit der nächstgrößte Größe L zu groß für mich aus. Und als 1,74m großer, 71 Kilogramm schwerer und unschwangerer Mann sollte ich eigentlich eine Durchschnittsgröße tragen können…
Daher meine Frage: Muss man ein unförmiges Etwas sein, um Ihre Mode tragen zu können? Und wenn ja: Warum sind Ihre Hemden dann so oft ausverkauft? Sind die normalen Menschen von früher die außenstehenden Freaks der modernen Kleidungsindustrie?
Tiefachtungsvoll,
Ein verärgerter fast-Kunde
Voller Inbrunst betätige ich den Senden-Button. So eine Mail muss in einem Zug und absolut unbedacht verfasst werden, sonst verfehlt sie ihre eigentliche Wirkung: Die direkte Beschwerde, die auch ankommt. Alles andere sind pseudo-freundliche Anmerkungen, die höchstens mit einem wohlwollenden Nicken quittiert werden, ehe vom Marketingleiter des Unternehmens die Mail-Adresse für einkommende Nachrichten gesperrt wird.
Danach stelle ich mein nicht abgestempeltes Bahnticket in einem Internetforum ein. Vielleicht kann es ja ein Anderer gebrauchen und macht mir einen guten Preis dafür. Da ich gerade am Computer sitze, schaue ich noch schnell bei Wikipedia vorbei. Ich kopiere den Text aus meinem mehrmals gelöschten Beitrag zum Thema „Mettbrötchen“ und füge ihn in das existierende Thema „Mett“ unter dem Punkt „besondere Anmerkungen“ ein. Wenn schon das Mettbrötchen keine eigene Seite erhalten darf, so doch wenigstens ein eigenes Kapitel in der Mett-Saga. Und schon habe ich meine kognitiven Reserven für heute aufgebraucht. Ich schaue kurz auf meinen Notizblock, aber die nötige Aufarbeitung meiner Komikrecherchen erscheinen mir momentan als zu anstrengend. Der Körper schreit eindeutig nach passiver Unterhaltungskunst. Schlicht und ohne große körperliche Betätigung. Ich lege mich aufs Bett, schalte den Fernseher an und schiebe mir ein Käsebrot zum Frühstück-Schrägstrich-Abendbrot ein.

8. Aufgemerkt: Kölsch
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7. Das Leben in vollen Zügen genießen
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6. Du Lutscher
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5. Die Miesepetrigkeit-Konzentrations-Matrix
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