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Neue Kolumne von Owley Samter

Der urhelvetische Minderwertigkeitskomplex

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Als ich vor einigen Wochen von meinen Ferien in die Schweiz zurückkehrte, wurde ich am Flughafen in Zürich von einem überdimensionalen Plakat begrüsst. „Switzerland is not a small country“, stand auf diesem Banner, das sich als Imagewerbung der Fluggesellschaft Swiss entpuppte, „It’s the heart of Europe“. Ich musste ob der Genauigkeit, mit der dieses Plakat die Schweizer Mentalität erfasste, ein bisschen schmunzeln. Keine Kühe, Uhren oder Schokoladentafeln hätten die Schweiz so treffsicher beschreiben können wie diese minderwertigkeitskomplexbehaftete Affiche, die mich nach meiner Rückkehr in meiner Heimat willkommen hieß. Meine Heimat, die nichts weniger ist, als das Herz von Europa.

Als Bürger einer kleinen Nation, die irgendwie immer und überall ein bisschen zu vergessen gehen scheint, sind wir natürlich darum bemüht, allen zu beweisen, dass wir im Grunde sehr wichtig sind. Dabei fallen wir dann gerne ins andere Extrem und überschätzen die internationale Bedeutung der Schweiz maßlos. So etwa im Fall vom Ueli, einem unserer geschätzten Regierungsmitglieder. Als Bundesrat war Ueli vor einigen Jahren das Oberhaupt des Schweizer Militärs, das er in seiner Ueli-typischen Euphorie als „beste Armee der Welt“ bezeichnete. Angesichts einer Truppenstärke, die knapp der Einwohnerzahl von Bern entspricht, ist diese Aussage schon ein kleines bisschen lachhaft.

Und überhaupt haben wir dieses schwanzvergleicherische Getue doch gar nicht nötig. Dann sind wir eben ein kleines, unscheinbares Land. Finde ich zumindest voll in Ordnung. Wir mögen vielleicht kein wirklich gutes Fußballteam haben – aber dafür können wir uns umso mehr freuen, wenn unsere Mannschaft für einmal gut spielt. Und wenn wir den „Eurovision Song Contest“ nicht gewinnen, müssen wir ihn dann im Folgejahr auch nicht austragen. Spart Kosten. „Switzerland is a small country. But that’s okay, at least we don’t have to host the Eurovision Song Contest. We pity those who do.“

Auch aus sicherheitspolitischer Sicht finde ich es sehr wichtig, nicht allzu wichtig zu sein. Wenn wir wirklich die „beste Armee der Welt“ hätten, wäre die ein oder andere Großnation womöglich versucht, uns den Krieg zu erklären, nur um unseren Anspruch auf die Probe zu stellen. All das ließe sich vermeiden, wenn die Schweizer sich nur damit abfinden würden, nicht immer und überall mitmischen zu müssen. Auch wenn wir im Herzen Europas liegen, müssen wir doch gar nicht unbedingt das „Herz von Europa“ sein. Herzen gehen sowieso nur kaputt. Und den Takt vorgeben und Tamtam machen, können andere besser. Wir würden uns sonst bereit erklären, eine andere Funktion zu übernehmen. Wir könnten zum Beispiel die Leber von Europa sein. Oder der kleine Finger.

Der Zürcher Künstler Owley Samter (Website) schreibt und illustriert in seiner Kolumne über die Unterschiede und Vorurteile zwischen der Schweiz und Deutschland.

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