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Kurzgeschichte: Sieben Uhr

Schriftgestelltes
Maik - 28.05.07 - 9:22
Sieben Uhr

Wach? Wach. Ja… Wach. Nicht nur so ein bisschen wach, sondern mal so richtig wach. „Warum nur?“ fragte sich Thorsten, seine Augen waren dabei aufgeschlossener, als Kader Loth für eine TV-Kamera. Warum war eigentlich mehr als klar: Das Piepen. Nun ja, eigentlich würde er das Piepen wie üblich überhören. Aber heute gab es den unpassenden Zufall, dass unpassender Weise eine vor allem Thorsten nicht passende Baustelle direkt vor seinem Fenster auf der Straße vor sich hin lärmte. Normalerweise bekommt er auch das in den Griff, aber heute ging es nicht. Ein Auto ist anscheinend voll in eins der vielen gelben Baustellen-Vehikel gerast. In so eine Planierraupe, oder was auch immer. War ja auch eigentlich egal, der plötzliche Knall war eher das Problem. Thorsten empfand seinen Gemütszustand als kurz, aber prägnant hellwach. Erst letzte Woche hatte er herausgefunden, dass ‚prägnant’ nicht für schwanger steht, und versucht es seitdem regelmäßig einzusetzen. Und in diesem kurzen Zeitfenster der Hellwachigkeit trat es ein: Das Piepen. Mitten in den Raum. Mitten in sein Ohr. In den Kopf, und da wollte es anscheinend auch bleiben.

Selbst, wenn jemand die Quelle des Geräusches ausstellen sollte, glaubte Thorsten fest zu wissen, dass es bleiben würde. Es lief auch immerhin schon etwa 90 Sekunden lang. Immer wieder eine schrille Aneinanderreihung hoher Pieptöne. Wie das ein Wecker nun mal so macht. Leider war es nicht Thorstens Wecker. Es war, wie so oft, der Wecker seines Mitbewohners. Lukas hatte ein Faible für lange Reaktionszeiten. Und dafür, sein Zimmer immer abzuschließen. Und Thorsten so dem Piepen gnadenlos auszuliefern. Im Sport war Lukas eh schon immer eine Null, aber auch in den alltäglichen Dingen ging er die Sachen eher smooth an. An sich keine schlechte Eigenschaft, aber bei klingelnden Sachen hört der Spaß dann auf.

Es gab an sich drei Möglichkeiten, dachte sich Thorsten. Erstens: Lukas war mal wieder ordentlich feiern und hat sich dermaßen tot-gesoffen, dass er sogar eine 48-Mann Marschkapelle auf seinem Bett mit Ignorierung strafen würde. Zweitens: Lukas ist mal wieder ordentlich feiern, und der Zeitpunkt des tot-gesoffen im Bett liegen folgt später, oder der ‚Vorgang’ läuft zwar momentan, allerdings in einer anderen WG. Die dritte Möglichkeit wäre, dass die serbische Energy-Drink-Mafia Lukas einen Besuch abgestattet hat, und ihm aufgrund seiner milliardenschweren Unterstützung amerikanischer Großunternehmen die Ohren und das Gemächt abgeschnitten hat. Okay, das Gemächt hätte mit dem Piepen nichts zu tun, aber Thorsten stand sich diesen Bonus ein, immerhin wird er nun schon seit mindestens 180 Sekunden gequält. Der Gedanke gefiel ihm sogar so sehr, dass er bereits überlegte, mit welchem Messer aus der spärlich ausgestatteten Küche er der serbischen Mafia zu Hilfe kommen kann, sobald Lukas nach Hause kommt.

Egal warum das Piepen auch da ist, es ist nun mal da. Und was viel schlimmer ist: Der Tag noch lange nicht. Thorstens Wecker zeigt ein fröhlich blinkendes Paar von Punkten inmitten einer 7 und zwei Nullen. 07:00 Uhr. In Worten: Sieben (!) Uhr. Mit rechthaberischer Miene beäugt Thorsten, dass seine Alarmfunktion bewusst ausgestellt war. Denn es war Samstag. Wohl der letzte freie Samstag der nächsten Wochen. Zumindest für Thorsten. Sieben Uhr, wie unmenschlich. Das bedeuteten bislang satte 5 Stunden Schlaf. Da wären locker noch mal 5 Stunden drin gewesen…

„Schlaf ein – Is’ Nacht!“ sagte sich Thorsten immer wieder selber. Aber auch diese Parolen, und etliche andere noch so kindische Methoden brachten ihn nicht dazu, auch nur annähernd zu schlafen. Er starrte nun zentral auf sein voll lizenziertes Fifa-WM 2006 Kissen, welches neben seinem Hauptkissen lag. 100% Polyester, bei 30 Grad waschen… Die restlichen Symbole sagten Thorsten nichts, aber waren wohl auch nicht so wichtig, da sie allesamt durchgestrichen waren.

Wach. Da kommt er nun auch nicht mehr raus. Wach aber müde. Scheiße aber auch. Egal, nun müsste er das Beste daraus machen. Immerhin hat er Zeit dadurch gewonnen. Zeit ist Geld, Geld ist Ruhm und Beliebtheit, also eigentlich gar nicht so schlecht, um 7 Uhr nachts wach zu sein. Und dazu nicht betrunken.

Also stieg Thorsten mehr oder weniger elegant aus dem Bett, stieß mit einem Zeh gekonnt den Power-Schalter seines Rechners und mit einem anderen ungekonnt ein Bein seines Tisches an und schlich gen Fenster. Erst einmal gucken, was ihm da unten dieses Vorstadium der Apokalypse verschafft hat. Wie er es geahnt hatte. Ein Auto. Quasi mitten in der Baustelle. Nicht eine Planierraupe, sondern ein guter alter Bagger hatte sich dem kaum mehr erkenntlichen Kleinwagen in den Weg gestellt. „War bestimmt wieder so’n Besoffener,“ murmelte Thorsten vor sich hin. Er schloss das Fenster, bemerkte aber, dass das Piepen dadurch nur noch penetranter wirkte, und öffnete es daher ganz. Dass Lukas aber auch immer so ein fernöstliches Zeugs im Internet kaufen muss. Mit superlanger Laufzeit. Na toll.

Kaum ist der PC hochgefahren, heißt es Mails checken, Nachrichten checken, Toilette checken. Hm, Mails waren keine da. Und das anscheinend bei allen acht Adressen, die Thorsten besaß. Noch nicht einmal Spam. Selbst Spam schläft um Sieben Uhr noch. Auch in Sachen Nachrichten gab es nichts Neues, seitdem Thorsten das letzte Mal online war. Selbstmordattentäter, George W. Bush, Knut und Uli Hoeness. Alle waren sie so schlau, um diese unmenschliche Zeit zu schlafen. Und auch die Toilette schien auf den ersten Blick unverändert. Selten war Thorsten ohne Eile und in solch wachem Zustand auf dem Klo. Ihm war noch nie aufgefallen, dass die Kacheln auf dem Boden andere waren, als die an der Wand.

Im Fernsehen lief nur Mist, Wiederholungen von Mist, oder Nachrichten, die Thorsten ja schon alle kannte. Kurzerhand entschied er sich runter zum Bäcker zu gehen. „Zwei Brötchen und ein Kaffee bitte.“ – „Ach, ein Kaffee zum wach werden, soll es wohl sein?“ sagte die Verkäuferin. Da hatte dieses überwache und überfreundliche Ding Recht. Wirklich Sinn machte das ja nun nicht, ein Kaffee, wo Thorsten doch eigentlich schlafen will. Sein Kopf scheint demnach schon kapituliert zu haben. Die Verkäuferin machte ihm jedoch Angst. Ist ja auch einer von diesen Cyborgs… Muss sie einfach sein. Ein Bäckerei-Fachverkäuferinnen-Cyborg. Wie sollte sie sonst derart kluge Schlüsse um diese Zeit schließen können. Unmenschlich halt.

Auf den Straßen war absolut nichts los. Von den drei Arbeitern unten mal abgesehen war keine Menschenseele anwesend. Oh doch, einer war da noch. Anscheinend wirklich betrunken hockte der Fahrer des gecrashten Kleinwagens über seinem eigenen Erbrochenen in der Nähe eines zuvor farbenfrohen Gebüsches. Doch als Thorsten genauer hinschaut, reagiert er etwas geschockt, überlegt einen Moment und schreitet zu dem jungen Mann.

„Du bist so ein Vollpfosten!“ schrie Thorsten so laut es geht heraus, und schleuderte dem Mann die Brötchentüte gegen den Kopf. „Autsch! Was soll denn das?!“ sagte dieser. „Mensch Lukas. Was machst Du denn hier? Fährst zwei Meter vor der eigenen Wohnung in ‚ne Baustelle! Wo warste denn?“. Lukas guckte etwas bedröppelt drein, und versuchte Thorstens Gesicht angestrengt zu fokussieren. „Naja, ich war im Zuki…“. Thorsten entgegnete verwirrt: „Aber das ist doch nur eine Straße weiter. Zu Fuß etwa 4 Minuten!“. „Jaa… wollt halt mit der Karre Eindruck machen…“ versuchte sich Lukas zu rechtfertigen. „Mit nem 92-er Kleinwagen? Na das haste ja geschafft. Nen großen Eindruck. Mitten im Bagger.“

Nachdem die Polizei da, und alles abgeregelt war, begaben sich die beiden wieder zur Wohnung. Lukas schoss die Schuhe in eine Ecke des Flurs, ließ die Jacke auf den Boden fallen, ging in sein Zimmer, und schaffte es im Fallen auf sein Bett gekonnt den Wecker auszuschalten. Der zerschellte auf dem Fußboden in mehrere Teile und schien vorerst keine Mitbewohner mehr zu nerven.

Thorsten stellte Lukas’ Schuhe in das Regal und hob die Jacke auf. Dabei fiel klimpernd etwas aus einer der Taschen. Da lag er. Einfach so und blinkte Thorsten hämisch ins Gesicht. Der Schlüssel zu Lukas’ Zimmer.
Es war aufgeschlossen. Die ganze Zeit. Auch um Sieben Uhr.

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Ich nehme mit dieser Geschichte beim Kurzgeschichtenwettbewerb „sieben“ teil. Drückt mir die Daumen, mit etwas Glück wird sie veröffentlicht. ;)

Keine Kommentare

  1. Cool, die Geschichte.

    Mach weiter so.

    Peter :-)

  2. Änne says:

    Ich bin auch begeistert und viel Glück beim Wettbewerb.

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