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Interview mit dem Ironie-Rapper

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Lukas Strobel ist Rapper Kaliba 69 und Beatproduzent DJ Deagle, die gemeinsam den Hip Hop-Act Alligatoah bilden. Ein Konstrukt zwischen Schizophrenie und Vielseitigkeit, das letztes Jahr mit Musik Ist Keine Lösung (Partnerlink, Kurzreview dazu hatte ich hier) eines der Alben des Jahres raus gebracht hat. Anstatt den Bach runter geht es immer weiter bergauf mit dem Projekt, dessen grĂ¶ĂŸte Waffen und Attribute Wortwitz und Sarkasmus sind.

„Meine Lieder handeln von Verblendung und gnadenloser NaivitĂ€t. Oft geht es dabei sehr erheiternd und lustig zu aber Obacht! Manchmal ist mehr zwischen den Zeilen verborgen als die Zirkusfeeling erweckenden Melodien vermuten lassen.“

Was Krebs mit Voldemort gemein hat, wie seine neue, super langweilige Single heißen wird und wieso eben doch ein ganz klein bisschen Slipknot in seiner Musik steckt erklĂ€rt uns Alligatoah im interessanten wie unterhaltsamen kurzweil-ICH-Interview.


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Dieses Interview wird Ihnen prĂ€sentiert von „Sinnlosium Akkut“.

Musik ist keine Lösung, sondern…?

…eine Kunstgattung, deren Werke aus organisierten Schallereignissen bestehen. (Wikipedia) Eine Lösung stellt meistens Ziel und Ende einer mathematischen Rechnung dar, weshalb Musik gar keine Lösung sein darf, denn sie hört niemals auf.

Ist deine Lösung, alles mit Humor zu nehmen?

Der Fokus liegt nicht auf dem Nehmen sondern auf dem Wiedergeben. Wenn zum Beispiel Menschen getötet werden, nehme ich das erst mal natĂŒrlich nicht mit Humor und Heiterkeit. Aber dadurch, dass ich es humorvoll aufarbeite und wiedergebe, glaube ich, mir und anderen den Zustand ertrĂ€glicher und manchmal auch verstĂ€ndlicher zu machen.

Gab es Leute, die keinen Humor bewiesen haben, weil sie sich als Ziel deiner Texte gefĂŒhlt haben? Auch mit Gedanken an Denk an die Kinder, wo du einige Musiker imitiert hast…

Witzig zu beobachten ist die Tatsache, dass sich immer nur die Leute angesprochen fĂŒhlen, die auch einen Grund dazu haben, sich angesprochen zu fĂŒhlen. Ich erinnere mich an einen wĂŒtenden Facebook-Kommentar nach einem Auftritt von mir in Dresden, der sich darĂŒber empört hat, dass ich mit einem kurzen Sketch ĂŒber Rassismus und Fremdenhass den kompletten Osten in die Rechte Ecke stellen wolle und ich ihre Probleme ja gar nicht verstĂŒnde. Fakt ist allerdings, dass ich diesen Sketch nahezu identisch in jeder Stadt auf der Tour gebracht habe ohne auf irgendeine Region spezifisch einzugehen. Ich habe nicht mal daran gedacht, wo ich gerade bin. Bei dem jungen Herren scheint das aber wohl einen wunden Punkt getroffen zu haben.

Welche Imitation eines Promis war am schwersten – und auf welche hast du dich am meisten gefreut?

Xavier Naidoo ist natĂŒrlich besonders schwer, da er einer der begabtesten deutschen SĂ€nger ist. Gott sei dank hat die Verkleidung im Video ihr Übriges getan den Eindruck wirkungsvoll zu machen. Am meisten Freude hatte ich mit Helge Schneider, weil mich seine Kunst schon seit jungen Jahren begleitet und ich nicht lange nachhören musste, wie seine Art zu Singen und zu Sprechen klingt.

Das Album hast du grĂ¶ĂŸtenteils in einer einsamen HĂŒtte im Wald erstellt und einige in der Natur aufgezeichnete Sounds haben es darauf geschafft – ein bisschen RĂŒckzug und Konzentration um nach dem „Triebwerke“-Hype auch abliefern zu können?

Sicher, aber ich sage mal so: Wenn ich vor dem „Triebwerke-Hype“ schon die Möglichkeit gehabt hĂ€tte, in einer WaldhĂŒtte aufzunehmen, hĂ€tte ich es auch dann schon getan. Der Sog der Natur war stets groß in meinem Leben. Hier sieht mein Auge Formen und Farben, die mich beruhigen und das provoziert kreative Gedanken.

Im LangweileDich.net-Ranking der besten Alben 2015 bist du mit „Musik ist keine Lösung“ auf Rang 2 gelandet – interessieren dich solche Listen und was waren deine persönlichen Alben des letzten Jahres?

Mich erfreut das Auftauchen in solchen Listen, weil das heißt, dass das, was ich gemacht habe, fĂŒr irgendjemanden Bedeutung hatte. Die Zahl selbst interessiert mich dann weniger. Ich habe seit jeher ein schwieriges VerhĂ€ltnis zu Zahlen. Ich versuche sie aus etwas nicht wissenschaftlich Bewertbarem wie Musik rauszuhalten. Deshalb gibt’s bei mir auch keine Ranglisten oder Schulnoten fĂŒr Musik aus dem letzten Jahr. Ich erinnere mich, dass ich „Talking Book“ von Stevie Wonder rauf und runter gehört habe. Von dem, was 2015 erschienen ist, habe ich nicht so viel mitbekommen. Mir fallen spontan K.I.Z und Wanda ein. Beides hat mir außerordentlich gut gefallen.

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Du hast mal „Hypnotize“ von System of a Down als das wichtigste Platte fĂŒr dich angegeben und die Guano Apes als erste im CD-Player gehabt. Musikalische EinflĂŒsse dĂŒrften aber weniger rockige Musiken gewesen sein?

Die Antwort ist „doch“! Und wenn du jetzt fragst, warum man das dann nicht sofort raushört, dann werde ich sagen, dass mir nichts ferner liegt als nach meinen EinflĂŒssen zu klingen. Denn so sehr ich Serj Tankian beispielsweise als SĂ€nger verehre, genauso sehr werde ich mich hĂŒten auch nur zu versuchen wie er zu singen. Außerdem höre ich zwar vorwiegend Rockmusik aber das Sammelsurium an EinflĂŒssen und KlĂ€ngen, die mir gefallen, ist mannigfaltig. So folgt nach „Everything Ends“ von Slipknot in meiner Playliste vielleicht direkt „Paparazzi“ von Lady Gaga und danach etwas von Giora Feidman. Da folgt auch mal Led Zeppelin auf Bushido. Mit all der Musik die ich mag im Hinterkopf, sitze ich dann im Studio vor einem leeren Cubase-Projekt und versuche all das nicht zu machen. Und doch fließt es alles irgendwo mit ein. Nur eben unbewusst und unterschwellig.

Du hast dich selbst mal als „Schauspielrapper“ bezeichnet, womit du nicht Oli P. meinst, sondern das SchlĂŒpfen in Rollen und das Ansprechen von Inhalten, die nicht direkt mit dir und deinem Leben zu tun haben mĂŒssen. Wie hieße denn ein Track, der deinen heutigen Tag als Inhalt hĂ€tte? Spontane Zeilen gerne gelesen.

Songtitel ĂŒberlege ich mir meistens am Schluss. Dann kann ich sagen, welche Worte den fertigen Text am besten reprĂ€sentieren. Ein Text ĂŒber meinen heutigen Tag wĂŒrde vermutlich davon handeln, dass ich beim Friseur war und mir dann noch neue Gitarrensaiten gekauft hab. Der Song könnte also „Saitenscheitel“ heißen. Er wĂ€re unglaublich langweilig…

Sicherlich gab es schon die ein oder andere Irritation bzgl. satirisch-ironischer Textzeilen, bei Leuten, die wenig VerstĂ€ndnis dafĂŒr mitbringen. Dein schönstes MissverstĂ€ndnis?

Da die Leute mittlerweile sehr genau wissen, wie sie meine Songs einzuordnen haben, kommt es nicht so oft zu MissverstĂ€ndnissen oder ich kriege das zumindest nicht so mit. Was ich stattdessen aber immer wieder erheiternd finde, ist, wenn mehr in die Zeilen interpretiert wird als ich bewusst reingesteckt habe und ich stecke schon sehr viel bewusst rein. So gibt es im Song „Lass liegen“ die Textzeile „Guck‘ mal, Jutta, da schwimmt unsre alte Mikrowelle“ und man glaubte ich habe den Namen „Jutta“ gewĂ€hlt, weil er laut Wikipedia sowas wie „ausgestreckter oder ausgespannter Ort“ bedeutet. Spannend und erfreulich, da sich die Leute intensiv mit den Texten befassen aber auch Ă€rgerlich, dass ich nicht selbst drauf gekommen bin.

Stand je zur Debatte, ob die Thematisierung der Krebs-Krankheit in „Comeback des Jahres“ umgesetzt werden soll? Es sind viele ernste Themen auf der Platte zu hören, aber hier ist die Ohnmacht der Menschheit gegen die Gefahr und das Herunterzieh-Potenzial des Themas auf einem ganz anderen Level…

Es steht nie zur Debatte, dass ein Thema, welches mich beschĂ€ftigt, umgangen wird, nur weil es bequemer wĂ€re. Lediglich habe ich mich dagegen entschieden, den kompletten Song wie ursprĂŒnglich geplant als ersten Song auf dem Album zu platzieren. Stattdessen habe ich ihn aufgeteilt und nur seinen instrumentalen Anfang als Album-Intro verwendet, wĂ€hrend der komplette Song gegen Ende des Albums kommt. Das war eine dramaturgische Entscheidung. Ich wiege den Album-Hörer lieber zunĂ€chst in Sicherheit bis ich ihm komplett die Hoffnung raube. Aber im Ernst: Das Thema liegt mir sehr am Herzen und wie es auch im Songtext enthalten ist, glaube ich, dass die Tabuisierung einem DĂ€mon immer eine noch grĂ¶ĂŸere, beĂ€ngstigendere Macht gibt. Deshalb halte ich es fĂŒr wichtig, Krebs auszusprechen, ob ernst, ironisch, traurig oder albern. Sonst wird er zu Voldemort.

Gab es Songs auf der Platte, zu denen sich deine Beziehung seit Beginn der Produktion verÀndert hat?

„Du bist schön“ habe ich nach der Produktion sehr gemocht. Seit ich ihn fĂŒr die anstehende Tour probe, merke ich, wie schwierig er fĂŒr mich zu singen ist. Und wie jedes mal nehme ich mir auch wieder fĂŒrs nĂ€chste Album vor, mir nicht solche TonsprĂŒnge oder Zungenbrecher einzubauen. Eines Tages lerne ich es.

Was denkt der heute 26-jÀhrige Lukas Strobel wenn er den Counterstrikesong seines pubertÀren Ichs hört?

Ich denke mir, mein pubertÀres Ich hÀtte bei 1:02 ruhig mal seine Hose zumachen können. Vielleicht war es aber auch genau richtig so!

Wo soll die Entwicklung des Musikprojekts Alligatoah noch hin?

Es kann, darf und soll noch viel passieren. Aber bei all der Entwicklung, VerĂ€nderung und Neuerfindung ist es mir stets wichtig meine Konstanten zu pflegen. Das heißt, ich werde den Rahmen, den ich mir mit meiner Bildsprache, meinem Sound und meiner Art Texte zu schreiben aufgebaut habe, in Ehren halten. Denn nur wenn man einen klaren Rahmen hat, kann man auch wieder daraus fallen.

Immer meine letzte Frage: Was machst du, wenn dir langweilig ist?

Musik.

Danke fĂŒr das Interview.

Ein Kommentar

  1. Pingback: [LangweileDich.net] kurzweil-ICH: Alligatoah – #Musik

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