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Interview mit dem Kettcar-Frontmann auf Solopfaden

kurzweil-ICH: Marcus Wiebusch

kurzweil-ICHMusik
Maik - 21.05.14 - 17:09
kurzweil-ICH: Marcus Wiebusch

Wir alle kennen Marcus Wiebusch als Frontmann der Band Kettcar. Seit 2001 ist er in der Welt des deutschen Indie-Rocks zuhause, doch dieses Jahr ist alles irgendwie anders. Am 18. April ist mit Konfetti seine erste Soloplatte erschienen.

Welche neuen Erfahrungen und Aufgaben mit der ganz eigenen Platte einhergehen, welche Hintergründe es zur Entstehung des Songs „Der Tag wird kommen“ gab, der das öffentliche Outing eines (aktiven) Fußballspielers thematisiert und wieso er Game of Thrones schaut – all das erfahrt ihr im Interview.


Wie kam es zu dem Soloalbum? Woher kam der Drang, ohne den Rest der Band eine Platte aufzunehmen?

Ich wollte mal wieder weniger über Musik reden, sondern mehr machen. Für Außenstehende ist das vielleicht schwer nachzuvollziehen, aber wenn man so im Bandkontext seit zehn Jahren Musik macht, dann hat das auch viel mit über Musik reden zu tun, mit Verhandeln und da kommen natürlich auch sehr gute Sachen bei raus, weil es dieses besondere Kollektiv gibt. Aber ich wollte jetzt einfach mal schneller Musik machen, intuitiver. Deswegen reifte 2011 der Entschluss in mir und der Band kam das auch zupass, weil dann so eine kreative Pause auch mal gut tut.

Macht es das Ganze einfacher, alleine eine Platte aufzunehmen, oder schwieriger? Hat man bspw. neue Probleme, vor denen man plötzlich steht?

Man hat neue Probleme, andere Probleme. Gerade auch, weil ich die Platte mit 11 Soundkollegen und verschiedenen Produzenten aufgenommen habe, ist es schon ein logistischer Aufwand gewesen. Das war schwieriger. Das reine Komponieren an sich war einfacher.

Und in wie fern hat Thees Uhlmann dabei eine Rolle gespielt? War er ein Vorreiter in Sachen Soloplatte?

Thees Uhlmann ist natürlich nicht der erste deutsche Musiker, der eine Soloplatte macht. Man hat das auch bei Peter Fox oder Jan Delay gesehen, wie die ihre Soloalben an den Start bekommen haben. Aber unterbewusst ist das natürlich schon ein Faktor. In der Band haben sich Sachen wie Gewöhnung eingeschlichen, dann macht man mal was Neues, das war ja bei Thees auch ähnlich. Unterbewusst ist das natürlich schon so, dass man merkt, dass das einfach auch geht. Das ist eben nichts Weltbewegendes, wenn ein Musiker sagt „ich möchte jetzt mal ein Soloalbum machen“. Und ich habe mich deshalb auch dazu entschieden.

Der Song „Der Tag wird kommen“ entstand bereits vor dem Outing Hitzlspergers und es geht textlich nicht über ihn. Wie kamst du denn dann darauf, einen Song über das Thema „Homophobie“ zu schreiben?

Ich bin seit 25 Jahren Fußballfan und gehe eigentlich zu jedem Spiel von St. Pauli. Und nach einem Spiel kam ich mit einem befreundeten Sportjournalisten ins Gespräch, der von mehreren homosexuellen Fußballprofis zu berichten wusste und was für ein Höllenleben sie führen. Ich finde diesen Zustand eigentlich unfassbar, dass wir in unserer modernen Gesellschaft dieses tabuisierte Feld haben. Und dann hat mich das ziemlich beschäftigt.

Dazu kommt, dass mein Bruder, der im Stadion neben mir sitzt, homosexuell ist und wir hatten auch eine angeregte Debatte über das Outing von schwulen Fußballprofis und Homosexualität im Fußball ganz allgemein bei einer Solidaritätskundgebung von St. Pauli für den selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität im Fußball. Da bin ich zum Schluss gekommen, so einen Song mal zu schreiben. Dann habe ich sehr viel recherchiert, alles, was man im Netz dazu finden kann, zwei Bücher gelesen, mich noch einmal mit dem Sportjournalisten getroffen. Als der Song dann fertig war, habe ich mich – quasi wie ein Fakten-Check – mit dem ehemaligen St. Pauli-Präsidenten Corny Littmann, der auch homosexuell ist, getroffen und habe ihn den Song gegenlesen lassen. Und der sagte, dass das alles sehr gut sei, was ich schreibe, da wusste ich, dass ich es wohl getroffen habe.

Das war mir auch extrem wichtig – deswegen ist der Song wahrscheinlich auch so lang geworden, dass ich ein umfassenderes Bild zu dem Thema abliefere, als in einem normalen Popsong. Ich wollte mich mit dem Thema auch nicht verhauen. Und ich habe dann auch wirklich alles drin gelassen, was ich hatte und was ich wichtig finde zu dem Thema.

Hast du nach dem Outing Hitzlspergers daran gedacht, den Song zu ändern?

Ich sag mal so, der Song hat vielleicht 20% mit Hitzlsperger zu tun. Unter dem Eindruck, unter dem ich gerade stehe: das ist so wahnsinnig flach das Thema Hitzlsperger! Das ist wie… weiß ich nicht… Rassenunruhen in den USA hätten etwas mit den Aborigines in Australien zu tun. Das sind halt beides farbige Menschen, das eine hat mit dem anderen aber gar nichts zu tun. Es geht bei Hitzlsperger um einen Menschen, der jahrelang seine Sexualität in irgendeinem Kontext unterdrückt hat und dann als es raus war, sich geoutet hat. Dann hat er die Kuh aber restlos vom Eis genommen. Er hat nichts auszuhalten. Er hat sehr sehr gute Interviews gegeben, das sehr gut gemacht. Das war perfekt durchgeplant und inszeniert. Er gibt keine weiteren Interviews, ist quasi unauffindbar in meiner Wahrnehmung gerade.

Was wir in dem Song haben, ist ein Spieler, der seine Sexualität nicht ausleben kann, weil er die Konsequenzen zu fürchten hat. Dieser Zustand ist unfassbar und hat nichts, oder sagen wir 15 Prozent, was mit Hitzlsperger zu tun. Und in der allgemeinen Wahrnehmung vermischt sich das alles. Am 8. Januar als das Hitzlsperger-Outing kam – von dem Song wussten ungefähr 30, 40 Leute – und die haben sich alle bei mir gemeldet. Und ich hab mir so gedacht: „das ist geil und richtig, was Hitzlsperger gemacht hat, aber das hat doch gar nichts damit zu tun“. Die allgemeine Rezeption ist halt so wahnsinnig flach. Ich habe einen Song geschrieben, der hat ein Thema, das hat nur mit 15 oder 20 Prozent mit Hitzlsperger zu tun, mehr nicht, und jetzt wird der Song rezipiert.

Interessanter Weise wird er übrigens in der Homosexuellen-Community höher rezipiert als in der allgemeinen Wahrnehmung. Die empfinden das nämlich als ein wahnsinnig wichtiges Statement, weil die es eben auch so sehen, dass das zwar mit Hitzlsperger ganz gut und schön ist, aber das greift eben viel zu kurz. Der Zustand hat sich auch kein bisschen geändert, es gab ja auch kein Outing mehr danach.

Ist es für dich ein größeres Kompliment, wenn jemand aus der Schwulenszene sagt „den Song finde ich gut“, als wenn es ein anderer Musiker macht?

Ja klar. Weil, was Musiker über meine Musik sagen, interessiert mich eigentlich selten. (lacht)

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2 Kommentare

  1. bernie says:

    tolles interview!

  2. Maik says:

    @Bernie: Danke schön! :)

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