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Dickes "B", kleine "egeisterung"?

„Und, hast du dich schon in Berlin eingelebt?“

"Und, hast du dich schon in Berlin eingelebt?" BERLIN-fernsehturm

„Bist du gut angekommen?“, „Schon an Berlin gewöhnt?“ oder auch „Wie erschlagen bist du von der Hauptstadt?“. Seit nunmehr über zwei Monaten wohne ich hier und diese Fragen sich doch merklich. Also wieso nicht einfach mal zentral und ausführlich auf meine Gefühlslage als Zugezogener eingehen? Okay, ich bin jetzt vielleicht nicht der Erste, der nach Berlin gezogen ist, aber dank der re:publica kam ich eh nicht wirklich dazu, mir gründlich Gedanken bzgl. einer möglichen Kolumne zu machen und es ist auch schon 17:30 Uhr am „Meinungs-Mittwoch“. Außerdem kann ich so dann allen zukünftig Fragenden einfach eine die Short-URL zu diesem Beitrag an die Hand geben…

Die Größe

Zunächst musste ich mich wieder etwas an die Menschen-Frequenz auf den Straßen gewöhnen. Wie es vom durchaus belebten Hamburg in das beschaulichere Augsburg eine Umstellung war, so ist es jetzt natürlich nochmals extremer – nur in die andere Richtung. Dazu fühlt man sich nach einigen Wochen in der Wohnung daheim und im eigenen „Kiez“ soweit einigermaßen orientierungsfähig (ich kann den Fernsehturm von unserer Straße aus sehen, das hilft, wie in Köln der Dom als tags leuchtender Stern am städtischen Firmament) und denkt „Jo, ich hab es raus, Berlin ist doch gar nicht sooo groß!“. Falsch gedacht. Kaum schaue man auf eine Übersichtskarte, merke ich, dass ich gerademal ein Zehntel der zentralen Stadt ansatzweise be- und erfahren habe.

Dazu sitzt in meinem Kopf noch immer eine andere Karten-Skalierung. Habe ich in Augsburg nach Orten gesucht und meinen blau leuchtenden „Da bist du!“-Punkt einige Zentimeter daneben gesehen, dachte ich „Yay, das kann ich laufen, geilo!“. Jetzt und hier kann ich das auch Laufen, klar – aber ich müsste einen halben Tag frei nehmen dafür. Selbst die Freude, wenn eine gesuchte Location ebenso am Prenzlauer Berg liegt, fällt zunächst einmal klein aus, da auch hier gerne mal je nach Anbindung die obligatorische halbe Stunde Bahnfahrt fällig wird. Und früher habe ich mich über die halbe Stunde Fahrt von meinem Heimatkaff ins große Dortmund aufgeregt, eine scheinbar unendlich lange Zeit der Langeweile – pah!

Die Kultur

Stark ist natürlich, wie viel kulturelles Angebot es plötzlich um einen herum gibt. Okay, da hilft es natürlich, auf diversen Musik-PR-Verteilern zu sein, aber ich war in den ersten fünf Wochen auf so vielen Konzerten hier, wie in den drei Jahren in Augsburg (also IN Augsburg, dazu kamen natürlich einige in München, deren Zahl ich dann doch noch nicht erreicht habe). Aber wenn dann aus dem Nichts eine Einladung für einen interessanten Act kommt und man aber bereits bei einem anderen ist, kommt man schon ins Schmunzeln. In Augsburg hat man sich Monate auf DEN Act gefreut, der endlich mal vorbei schaut.

Bislang hat sich bei mir auch noch gar nicht dieses „Verpassen-Gefühl“ eingestellt, von dem einige berichten. Klar, es gibt viel und man denkt schon des Öfteren, dass es „ja eigentlich ganz cool wäre…“, aber am Ende siegen Vernunft und/oder Sofa-Anziehungskraft oder Alternativprogramm. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn wir haben ja Zeit und das nächste kulturelle Highlight kommt bestimmt schon bald.

Die Charaktere

Bisher komme ich erstaunlich gut mit den „Berliner Originalen“ klar. Ich mag die schroffe Art und den trockenen Humor – solange beides auf menschliche Art passiert und nicht negativ-pöbelnd daher kommt (in der Form sind alle Menschen scheiße, egal, wie seltsam oder „normal“ sie reden mögen). Was natürlich auffällt, ist die vermeintlich hohe Anzahl an Straßenmusikern (heute seit Langem mal wieder „Hit The Road Jack“ gehört…), Bettlern oder Drogenjunkies. Da wurde ich beim Besuch in Hannover erst drauf angesprochen, als zwei ältere Vertreterinnen der Punk-Szene uns überholten und unserer Gastgeberin der Kommentar „In Berlin seid ihr komische Leute ja jetzt gewohnt, nehme ich an“ entglitt (total wertefrei gemeint und hier auch lose zitiert). Aber ja, das stimmt schon. Und wenn vor „The Haus“ ein anscheinend auf einem Tripp ins Nirvana befindlicher Mann meint, Garagentore einzutreten und an Ampeln wartende Autos anzuspringen, ist das schon etwas beängstigend. Aber zum Glück sind das Ausnahmen und Aluhut-Träger in der Tram sind nicht wirklich gefährlich (hoffe ich).

Die Wohnung

Noch immer sehr geil! Und wird ja sogar noch geiler, wenn wir endlich mal fertig sind. Samstag steht die Einweihung an, aktuell stehen wir vielleicht bei 65 Prozent. Das ist zwar schade, aber kein Beinbruch. An die 3,5 Meter hohe Altbaudecke habe ich mich eigentlich gewöhnt, hin und wieder tritt aber selbst bei mir noch der „Wow!“-Effekt ein – vor allem, wenn ich mit meiner Höhenangst Lampen anbringen soll (es hängt noch keine einzige…).

Ansonsten bin ich noch immer sehr zufrieden mit der Lage. Dank Ringbahn und Tram-Anbindung direkt vor der Tür sind wir eigentlich recht flexibel und schnell in der Innenstadt. Dazu Supermärkte in Hülle und Fülle um einen herum – alleine durch die kurzen Alltagswege spare ich massenhaft Zeit im Vergleich zu Augsburg. Einzig nervt, dass die Paketdienste hier weniger berechnend agieren. In Augsburg wusste ich immer, dass DHL vor 10 kommt, hier kommen sie einfach mal um 17 Uhr – oder gar nicht. Mit Zettel im Briefkasten, obwohl man nicht nur da war, sondern auch die Haustür geöffnet hat. Yay…

Die Anbindung

Aber auch super ist, dass man schnell aus Berlin weg kommt! Das soll nicht negativ klingen, aber nachdem wir nun drei Jahre hatten, in denen eigentlich sämtliche Freunde und Familienmitglieder 4-7 Zugstunden entfernt lebten, sind wir noch immer geflashed, dass man plötzlich in rund 1,5 Stunden in Hamburg oder Hannover ist. Das hilft nicht nur dabei, selbst öfter Leute zu besuchen, sondern auch, besucht zu werden. Samstag dürften über 20 Leute bei der Einweihungsfeier sein, in Augsburg waren es dann doch deutlich weniger. Und der Flughafen ist deutlich besser zu erreichen, was für mich auch beruflich nicht das Schlechteste ist. Dazu etliche Blogger-Kolleginnen in der Stadt – passt!

Die Lebensqualität

Insgesamt kann ich also schon sagen: Ja, ich bin angekommen. Noch nicht komplett, weil ich mich erst in 10 Prozent der Stadt „auskenne“ und nicht wirklich das Gefühl habe, Berliner zu sein, aber der Kopf hat schon umgestellt und weiß, dass er jetzt erstmal hier ist und nicht in drei Tagen wieder fahren muss. Insgesamt hat der Wechsel jedenfalls sehr gut getan und auf vielen Ebenen Vorteile für mich und mein Lieblingsmädchen mit sich gebracht. Der einzige Nachteil: Jetzt brauchen wir 6,5 Stunden, um unsere Freunde in Augsburg zu besuchen…

8 Kommentare

  1. franz says:

    du bedienst auch echt jedes clichee. schön aus dem süden in den pberg gezogen. schön altbauwohnung, wahrscheinlich auch gleich gekauft. schön irgendein scheiß mit medien machen. als berliner lieben wir euch einfach, kommt alle her. kann ja gar nicht mehr schlimmer werden.

    • Maik says:

      Hach, die gar nicht von Oben herab gelebte Weltoffenheit – sehr schön! :) Ehrlich gesagt war uns der Stadtteil egal, wir wären gar lieber nach Neukölln, aber am Ende waren wir froh, was Vernünftiges gefunden zu haben, zahlen deutlich mehr als uns lieb wäre und kaufen – haha, der war gut! Am Ende mussten wir uns anpassen und rational entscheiden: Freundin hat nach Monaten bundesweiter Suche eine vernünftige Festanstellung in Berlin gefunden und entsprechend wurde im „Fahrzeitradius“ nach Wohnungen gesucht und eine gefunden, die ähnlich zentral wie die Arbeitsstelle ist. Dass ich mich diesgezüglich rechtfertige, ist eigentlich totaler Blödsinn, aber jetzt habe ich die Zeilen halt schon geschrieben (und mir damit ähnlich viel Aufwand gemacht, wie du, ähem…). Aber danke für den Link – ich mag das Lied. :)

  2. Onion-Boy says:

    Neukölln? echt jetz? ;)
    Pberg,Fhain,Kberg sind ja die Beliebtesten. Und wer mal neutral und mit offenen Augen und Herzen dort lang schlendert, der wird danach auch wissen warum. Mieten ergeben sich dann aus Angebot und Nachfrage. Is nu mal jeil da!

    Zur Party: Nur 20 Leute? Feiert Ihr bloss in der Küche oder was? ! ;D

    • Maik says:

      Hehe, schon klar. :) Aber aus Kosten-Wohnung-Gründen wäre unsere Zweitwahl tatsächlich Neukölln gewesen. Und die 20 sind bisher unsere „sichere“ Zahl, vermutlich wird es dann doch deutlich mehr (da wir es aber mit ESC-Schauen verbinden und hier noch nicht soo viele kennen, reduziert sich das automatisch ;) ).

  3. kaiserkiwi says:

    Schön zu lesen, dass du gut angekommen bist.

    Als ich 2006 nach Berlin zog, hab ich das eigentlich gehasst. Wohl aber eher, weil es eine Flucht aus der Heimatstadt war, die einfach notwendig gewesen ist. Also nicht ganz freiwillig ^^ Die ersten Jahre hatte ich immer im Kopf, irgendwann mal wo anders hinzuziehen. Das hat sich dann nach 7 Jahren ohne ersichtlichen Grund geändert. Auf einmal habe ich mich in Berlin verliebt, hab mich als Berliner gefühlt. Jetzt will ich nicht mehr weg und liebe fast jeden Aspekt dieser Stadt.

    Mit Prenzl’Berg hast du dir echt ein spezielles Pflaster ausgesucht. Ich persönlich bin sehr gerne dort, weil es schlichtweg ALLES dort gibt. Insbesondere was die Nahrungsaufnahme angeht. Wohnen könnte ich da vermutlich aber nicht. Dazu ist mir da einfach zu viel los. Bei uns in Friedrichsfelde hat man mehr Ruhe, kommt aber dennoch schnell überall hin. Ist aber auch eher die Ausnahme ^^

    Neukölln ist heutzutage gar nicht mehr so schlimm, wie viele meinen. Klar, es gibt doofe Ecken, aber die gibt es überall. Selbst Kreuzberg ist heutzutage ein sehr angenehmer Bezirk. Was man heute eher meiden sollte, wäre Hellersdorf, aber das ist eh so weit am Rand, dass man nie in die Verlegenheit kommt, dort hin zu müssen :D

    Viel Spaß weiterhin in Berlin und vielleicht trifft man sich ja mal auf ein Bier ^^

    • Maik says:

      Danke für deinen Einblick. Kann mir denken und aktuell nachvollziehen, dass Berlin zunächst schroff und unnahbar wirkt. Wollte zunächst auch weniger hin (und wäre noch immer lieber nach Hamburg), aber es gibt halt schon viele Vorzüge. Und da wir (leider?) nicht in DER Pberg-Zone leben, ist es hier auch ruhiger (bis auf die Greifswalder Straße direkt vorm Fenster ;)). Und klar, Bier ist immer gut.

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