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Neue Kolumne von Owley

Aggressive Neutralität

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Am vergangenen Wochenende war ich mit einem Freund abends noch am Einkaufen. Da es der Samstagabend vor Ostern war, war das Geschäft ziemlich voll und die Leute entsprechend gestresst. An der Kasse fiel uns auf, dass wir in der Hektik unseres Grosseinkaufs vergessen hatten, eine Banane zu wiegen – also stand der Typ an der Kasse kurzerhand auf und holte das für uns nach, was entsprechend dauerte. „Na, die Bananen werden ja wohl kaum nach Länge bezahlt“, raunte ein Herr in der Schlange hinter uns.

Wir drehten uns zu ihm um. Er lächelte uns freundlich an. Und trotzdem wussten wir genau, wie wir seine Reaktion zu deuten hatten: Der Mann war offensichtlich genervt davon, dass unsere Vergesslichkeit nun die ganze Schlange aufhielt. Was ihm jetzt auch niemand verübeln könnte, auch wenn ich das jetzt selber nicht so tragisch sehe.

Aber was mich an diesem Moment eigentlich faszinierte, war die Tatsache, wie wir kommunizierten. Der Mann machte einen müden Witz und lächelte freundlich – und dennoch wussten wir genau, dass er genervt war. Und als ich mich so besann, fiel mir auf, wie auch ich selber lieber einen unterschwelligen Kommentar abgebe, als in einer solchen Situation etwas direkt anzusprechen. Und ich glaube, das ist ganz generell eine typische Schweizer Eigenschaft. Direktheit ist nicht unsere Stärke – man will das Gegenüber ja auf keinen Fall vor den Kopf stossen. Ein Hoch auf unsere Neutralität! Um unseren Unmut trotzdem kundtun zu können, haben wir eine Art Code entwickelt, mit dem wir das Gegenüber ganz genau wissen lassen, was wir von ihm halten, ohne einen Konflikt austragen zu müssen. Denn das wäre uns schon eher unangenehm.

Man kann diese Art der verschlüsselten Konfliktbewältigung ein bisschen mit passiver Aggressivität vergleichen – oder eher aggressiver Passivität. Aggressive Neutralität, vielleicht? Man beschwert sich lautstark über einen Missstand, verpackt diesen dann aber als lockeren Scherz (was doppelt perfide ist, denn witzig sind wir Schweizer ja ohnehin nicht). Hauptsache, unser Gegenüber bekommt auf keinen Fall das Gefühl, dass wir wütend sind. Nein, nein. Wir lachen ja mit ihm! Schau! Da! Ein Witz! Es ist also alles okay.

Natürlich macht dieser eidgenössische Umgang mit Konflikten nichts besser, aber mal ehrlich – was hätte die Situation mit dem Typen hinter uns in der Schlange überhaupt noch besser machen können? Ausser natürlich, dass ich mir die Banane geschnappt hätte, und damit den Herrn windelweich geprügelt hätte.

Das wäre dann aggressive Aggressivität, sozusagen.

Der Zürcher Künstler Owley Samter (Website) schreibt und illustriert in seiner Kolumne über die Unterschiede und Vorurteile zwischen der Schweiz und Deutschland.

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