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Angst davor, alte Zöpfe abzuschneiden

Persona non Greta

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Ach, diese alten weißen Männer… Wobei, so ganz trifft es das gar nicht, zieht sich das klassisch deutsche Nörgeltum mittlerweile so gar nicht nationalistisch globalisierend über den kompletten Globus. #Echauffiergesellschaft trendet seit Jahren und mimimi-mir ist schlicht schleierhaft, wieso das der Fall ist. Frei nach Casper sind mittlerweile alle „Anti alles für immer“, Hauptsache, man hat was dagegen zu sagen und sein, weil Meinungsäußerung wird ja wohl noch erlaubt sein, wir befinden uns in einem freien Land und bla-blubb… Also, solange es deine ist, die bitte gehört gehört.

Dir sind Insta-Follower wichtiger als folgende Generationen. Du fährst mit dem SUV zum Brötchenholen, weil es ja so bequem ist. Auf dem Weg schimpfst du über die Radfahrer, die meinen, die Straße gehöre ihnen, parkst zur Rache auf ihrem Radweg und öffnest ohne Straßenblick die Tür. Ist ja deren Ding, wenn sie da blindlings reinfahren – „Wer auffährt hat schuld!“, sagte schon dein Fahrlehrer anno Neunzehnhundert-irgendwas. Ein massenproduzierter Stoßstangen-Aufkleber soll deine Individualität unterstreichen. Darauf steht „Kinder an Bord, wenn eines rausfällt, bitte hupen!“ oder „Keine Kinder an Bord, ihr könnt also in mich reinfahren“ oder „Wählt eine Alternative“. Du willst eine Alternative für Deutschland, bist aber gegen alternative Energie. Erneuerbar ist bei dir nur das Plastikbesteck, das du Tag für Tag austauschst und wegwirfst. Aber du hast es nicht leicht, wird dir dein Leben doch unnötig schwer gemacht. „Früher hatten wir ja nichts… aber immerhin Strohhalme!“.

Du hast Angst vor Kindern, die die Wahrheit sagen. Aber du lässt dir nichts sagen. Du bist doch hier der Erwachsene, du hast doch die Erfahrung und überhaupt: „Das haben wir doch schon immer so gemacht!“. Zum Beispiel auf der Autobahn rasen. Du selbst magst das eigentlich gar nicht, aber dein SUV hat ja nun mal 300 PS und alleine die Tatsache, dass er bei 250 km/h elektronisch abgeriegelt ist, grenzt an Freiheitsberaubung. Du fährst eh meist nur 120. Auf der linken Spur. Aber du möchtest halt gerne weiterhin schneller fahren dürfen. In der Theorie. Weil, wo kommen wir denn sonst da hin? Ich sage es dir: Ans Ziel. Vielleicht nicht ganz so schnell, vielleicht nicht mit ganz so viel Adrenalin-Ausschüttung. Aber länger. Denn statt deinen theoretischen 200 können weitere Generationen überhaupt tatsächliche 130 fahren.

Du magst es lieber entspannt. „Malle ist nur ein Mal im Jahr“, aber Kurzstreckenflüge und Kreuzfahrten gehen noch ein paar Male mehr. Und vom Deck der Aida Schieß-mich-tot hast du noch nie auch nur eine Schildkröte vor Plastik-Panik in Lebensnot gesehen. Scheint wieder nur so ein von den Medien hoch-gehyptes Fake-Thema zu sein! Deine Filterblase sagt da was ganz anderes, schreibt von „Fridays for Hubraum“ und überhaupt hat da mal irgendwer einen Link zu irgendeiner Seite gepostet, da steht das gaaanz anders! Wer muss sich da schon über den Filterblasenrand hinweg informieren, wenn man sich bereits eigene Fakten geschaffen hat? „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast!“ (Aristoteles, 5 Jahre nach Christopher Walkens Geburt). Und nein, das sind nicht nur ein paar grüne Öko-Fuzzis, die selbstgetöpferte Hirngespinst-Zahlen raushauen, die 2-Grad-Grenze wurde von zig-tausenden(!) weltweit vertretenen und angesehenen WissenschaftlerInnen aufgestellt. Und das nicht erst gestern, nicht erst in diesem Frühjahr. Die Thesen vom Klimwandel existieren seit über 30 Jahren. Aber es hat sie niemand ernst genommen. Und jetzt kommen ausgerechnet die ganz Jungen daher. Die, die eigentlich in einer Welt des Überflusses aufwachsen, die keine (Nach)Kriegszeit-Ebbe miterleben mussten. Die in reichen Ländern aufwachsen und eigentlich alles haben. So, wie du. Wieso sollte man da also was ändern?

Nein, du bist nicht gut. Du bist eine „Persona non Greta“. Du hängst an alten Prinzipien, die längst überholt worden sind, weil sie mit 50 Kilometern die Stunde die Notstandspur beschleichen, aus Angst, sich in den geregelten Verkehr zu begeben. Du hast Angst, alte Zöpfe abzuschneiden, weil ein bezopftes Mädchen mehr Weitsicht und Eier hat als du. Natürlich hat sie es leicht, hat sie doch kaum etwas zu verlieren. Was hat sie sich denn bitte schön aufgebaut? Ich sage es dir: eine komplette Bewegung. Ein Aufwachen der Gesellschaft. Ein Stück Zukunfts-Hoffnung. Denn tatsächlich hat sie viel mehr zu verlieren als du alter, machtgeiler, wohlsituierter weißer Mann. Oder du gar nicht so alte, gedankenverbaute Frau. Denn während dein Lebensabend zeitgleich zu dem der Erde stattfinden könnte, verlieren Greta und ihre Generation ihr halbes Leben und mehr. Ihre Zukunft und die der ganzen Menschheit.

Ich verlange ja nicht, dass du von jetzt auf gleich dein komplettes Weltbild veränderst. Aber lass dich doch bitte auf Diskurs ein. Öffne dich der Möglichkeit, dass deine Meinung ganz vielleicht nicht 100-prozentig mit der objektiven Faktenlage übereinstimmt. Nein, es wird gerade nicht nur „ein bisschen wärmer“, was ja eigentlich ganz geil ist, da Malle dann vielleicht zwei Mal im Jahr sein kann, wenn im Februar schon gefühlter Hochsommer ist. Nein, da reicht es nicht, der Sonne mal zu sagen, sie solle weniger fest strahlen. Da müssen Aktionen her. Von der Politik, von jeder einzelnen Person. Und da ist es ganz egal, ob du Hartz-IV-Pegida-Anhänger, hochrangiger Automobil-Lobbyist oder CSU-Generalsekretär bist – krieg deinen Scheiß gebacken! Lass doch bitte mal den Egoismus und denke für einen Moment an andere. Nicht an die Höhe des Jahres-Bonus, von dem andere Familien ein Jahr lang von leben müssen. Denk daran, dass deine Kinder und Kindes-Kinder überhaupt noch eine Zukunft haben sollen. Verstelle dich jetzt nicht gegen ein paar Tausende Immigranten, die den Höllenweg über das Mittelmeer oder andere Passagen wagen, wenn Millionen bis Milliarden Klima-Flüchtlinge in gar nicht so unabsehbarer Zeit erwartet werden.

Es liegt gerade verdammt viel im Argen. Nicht nur in Deutschland. In Europa wird der Nationalismus immer stärker, der sein eigenes Süppchen kochen und sich gegen gemeinsames gesellschaftspolitisches Bestreben stellen möchte. In Amerika haben wir den vermutlich egoistischsten und verblendetsten Machtinhaber aller Zeiten im Amt und das Vereinigte Königreich schafft sich lieber selbst ein gehöriges Halloween-Grusel-Spektakel, statt sich auf die wichtigen Themen zu konzentrieren. Da hilft es nicht, wenn jeder Hanswurst meint, nur auf eigenen Profit aus zu sein und alles andere um sich herum auszublenden. Wobei, selbst das wäre ja noch irgendwo in Ordnung. Zumindest in Relation zum ständigen Dagegen-Sein. Gegen Veränderung. Gegen andere Meinungen. Gegen offene Diskussion. Gegen anmutbare Argumente, solange sie nicht die eigenen sind. Gegen die Logik. Gegen die Kinder. Gegen die Zukunft.

Sei bitte kein Gegenspieler der Menschheit. Denk bitte mal darüber nach. Dann kannst du vielleicht den Status der „Persona non Greta“ von dir abwenden. Und ganz vielleicht dann auch im Kampf einsteigen, dass andere ihn ablegen. Veränderung fängt im Kleinen an. Das hat ein sechszehnjähriges Mädchen gezeigt, das einsam und alleine an einem Freitag in den Schulstreik gegangen ist. Mögen wir es ihr alle zumindest im noch Kleineren nachmachen. Make our world Greta again. Danke.

10 Kommentare

  1. Tanya says:

    m.M. nach eins der besten Kommentare zum Thema seit Längerem! Danke

  2. Gerhard says:

    Bravo!

    find ich klasse.

  3. Sven says:

    Den Text unterschreibe ich mit. Leider werden die meisten Adressaten ihn wohl nie zu lesen bekommen, weil außerhalb der Filterblase…
    Aber vielen Dank dafür, jeder Schritt zählt.

  4. Maria says:

    Hallo Maik, da musst du dich wohl bei der einen oder anderen Zeile auch an der Nase nehmen?

    • Gerhard says:

      das, meine Liebe, müssen wir alle. Der Eine hier, der Andere da.

    • Maik says:

      Wie Gerhard bereits treffend schreibt: Das „perfekte“ Leben in dem Sinne dürfte wohl niemand führen, selbst Greta nicht. Vor allem nicht bereits sein Leben lang. Aber darum geht es ja nicht nur, es geht mir vorrangig wie abschließend formuliert um den Gedankenwechsel und vor allem eine Offenheit dem Thema gegenüber. Es soll und muss wie gesagt nicht jeder sein Leben auf „100% Öko, EU und Wohltäter“ umstellen, es helfen auch die kleinen Schritte in Summe. Dennoch würde mich natürlich interessieren, welche Zeilen du genau mit dieser abstrakt gehaltenen Andeutung meinst?

  5. Pingback: Schriftart aus Greta Thunbergs Streikschild-Buchstaben

  6. Meinereiner says:

    Vielen Dank , ein schön kurzweiliger Kommentar. Gut, wenn man es schafft, aus „die Adressaten“ sich selber zu machen. Es können die Kleinigkeiten sein, die einen Anfang bilden. Du gehst einmal im Monat zu Mac D oder Burgers König? Dein Becher auf dem Tisch hat einen Plastikdeckel mit Loch, in dem ein Strohhalm steckt. Warum? Zu Hause kannst du doch auch aus einem normalen Glas oder Becher trinken, oder nutzt du noch oder schon wiedmeinerer dort einen Schnabelbecher. So, nun ich geh‘ ich los und kehre vor der eigenen Tür. Ich: 51 Jahre alt und auch langsam zu den alten weißen Männern zählend, wenn auch ohne SUV.

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