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Kommentar zur Aktion #bullyme

Meine Erfahrungen mit Mobbing

Meine Erfahrungen mit Mobbing mobbing-symbolbild

Bevor ich in den Urlaub gefahren bin, habe ich auf Twitter von der Aktion #bullyme erfahren. Aktuelle und vor allem frühere Mobbing-Opfer haben über ihre Gefühle, Geschichten und Spätfolgen dieser viel zu weit verbreiteten Schickanerie berichtet. Da auch ich zu Schulzeiten von MitschülerInnen gehänselt und geärgert wurde, möchte ich von den Veränderungen berichten, die sich mir als Person dadurch ergeben haben, und so möglichst anderen helfen. Indem ich anderen Mobbing-Opfern zeige, dass sie nicht alleine sind, vor allem aber Mobbing-Opfern, was sie mit ihren „Späßen“ so alles anrichten können.

Da ich den Beitrag vor Flugantritt geschrieben habe, weiß ich gar nicht recht, ob die Aktion noch im Netz umhergeht, aber ich wollte ein mir derart emotionales Thema ungerne online gehen lassen, wenn ich wochenlang im Ausland und Offline-Modus bin. Daher habe ich den Beitrag gen Ende meiner Urlaubszeit vorgeplant.

#bullyme

Als erstes hängen geblieben bin ich zu dem Thema bei diesem Tweet von Alicia Zett, die nicht nur eine Nachnamens-Initiale, sondern auch einige Empfindungen mit mir zu teilen scheint:

Beim Blick in den Hashtag-Stream zu #bullyme habe ich dann noch einige Geschichten zu sehen bekommen, die meiner sehr ähneln und zeigen, dass ich bei weitem nicht der einzige bin, dem es so ergangen ist (oder immer noch ergeht).

Meine Geschichte

Als kleines Kind war glaube ich noch alles dufte. In Kindergarten und Grundschule hatte ich Freunde, habe mich mit vielen gut verstanden, die Kindergeburtstage waren richtige Spiel-Feste – alles, wie es sein sollte. Doch mit dem Versetzen in die weiterführende Schule und die bei vielen Kindern meiner Umgebung einsetzenden Pubertät sollte sich das ändern…

Hölle Gymnasium

„Hölle“ ist vielleicht ein hartes Wort, vor allem, wenn man die teils unsäglichen Erlebnisse anderer Mobbing-Opfer liest. Und ich will auch gar nicht auf alle Einzelheiten haarklein eingehen (oder mich überhaupt daran erinnern müssen). Aber ein paar grobe Eckdaten und hauptsächliche Dinge, die zu erheblichen Spätfolgen geführt haben.

Ab der fünften Klasse auf dem Gymnasium hat der „Spaß“ angefangen. Ich weiß gar nicht mehr wie, aber wie es eben so ist, hat die eine Kleinigkeit auf die andere gefolgt, Gruppen haben sich gefunden und gegen einen verschlossen und ehe man sich versieht, ist man mehr oder weniger Außenseiter. Selbst Lehrer machen (teils unwissentlich) bei „Späßen“ mit. Das fängt mit boshaften und bis ins Endlose wiederholende Spitznamen an, geht über das Manipulieren des Fahrrads bis hin zur Tatsache, dass ich ab einer gewissen Zeit meinen Gürtel immer SEHR eng gezogen habe, weil sich etabliert hatte, dass man mir versucht hat, die Hose herunter zu ziehen. Natürlich war da auch viel kindischer Blödsinn dabei und ich war nicht auf den Mund gefallen, aber in der Masse (inhaltlich wie in puncto Personen), türmt sich da schnell eine uneinreißbar erscheinende Mauer auf.

Meine Eltern haben mir viel geholfen, indem sie mir emotional zur Seite standen und – wie ich heute weiß – auch gute Ratschläge gaben. Aber tatsächlich ist die Draufsicht von Außen auf solche Entwicklungen immer anders, als die von innen. Gerade als Erwachsener meint man, die Sachen durchschaut und die rationalen Lösungen parat zu haben. Aber Jugendliche sind nicht rational und Mobbing erst recht nicht. Da kann und wird alles gegen dich verwendet. Schafft man es, den anderen intellektuell überlegen zu sein und geplante Attacken durch gute Antizipation im Keim zu ersticken, wird man halt getreten oder halt mit Schlauheits-Sprüchen beleidigt.

Aber wie gesagt, ich wollte weniger über die Details des „Damals“ sprechen, sondern vielmehr, was das mit mir gemacht hat.

Befreiung Schulabschluss

Mein Abi war mein Freifahrtschein. Weg aus dem Heimatkaff und somit auch weg von so ziemlich allen Mitschülern. Die Oberstufe war bereits deutlich angenehmer, da man vermixter in der Stufe war und als Schüler mit mehr Freiheiten eben mehr mit den paar abhing, die man mochte und die einen selbst mochten. Dazu kam, dass eben alle auch ein bisschen erwachsener wurden. So kam es auch beim Abiball dazu, dass einer meiner Haupt-Mobber sich wahrhaftig bei mir entschuldigt hat, was für ein Arsch er denn gewesen und dass es mir gegenüber nicht fair war. Das rechne ich ihm hoch an – änderte aber nur wenig an meiner psychischen Lage. Denn auch wenn die Welt wieder ein bisschen mehr in Ordnung war, war von meinem einstigen Selbstbewusstsein nicht mehr viel da.

Von zwei Sachen versuche ich mich noch heute freizuschaufeln. Zum einen wäre da dieser Anpassungszwang. Wenn man gemobbt wird, möchte man möglichst nicht auffallen. Nicht negativ, aber auch nicht positiv. Einfach gar nicht. Wenn die Mobber nicht an dich denken, können sie auch nicht mobben. Also ist man recht still, auch wenn man die Antwort auf eine Frage weiß (Aufzeigen ist ja eh total uncool…), verkriecht sich bei Schulpausen irgendwo auf eine Bank und zieht sich beim Sportunterricht möglichst schnell um. Aber man passt sich auch verhaltenstechnisch an. Ich wollte es allen recht machen. Da blieb mir ein Satz in der Abiturzeitung über mich in Erinnerung, der so etwas aussagte wie „Er sollte seinen eigenen Charakter finden“. Den hatte ich – aber den habe ich kaum zum Vorschein gelassen. Und er stumpfte immer weiter ab. Weil Anecken hieß, die Ecken abgerundet zu bekommen. Das kann auch verbal sehr schmerzhaft sein. Bei der Abi-Zeitung hatte ich auch große Angst, ob da überhaupt positive Dinge über mich stehen. Jeder von uns durfte maximal drei Aussagen über sich streichen lassen, was bei so einigen nicht wirklich alles abgedeckt hatte, was man lieber nicht über sich lesen möchte. Letztlich ging es dann aber doch irgendwie (Oberstufe und Schulende halt), aber die Angst, die war da.

Die zweite Sache war auch sehr lange nach der Schulzeit, dass ich ein öffentliches Lachen immer auf mich bezogen habe. Selbst in der Stadt, wenn man irgendwo im Nirgendwo umherlief und wildfremde Leute hinter einem lachen, bezog ich es immer zunächst auf mich. „Habe ich irgendwas in den Haaren?“, „Schaut etwas seltsam aus an mir?“, „Was können die nur meinen?!“. Mit der Zeit kam natürlich die Gewissheit, dass ich doch nicht gemeint sein kann. Meist lachten die Leute mit sich selbst, über ein Handy-Video oder wieso auch immer – ich hatte damit nichts zu tun. Aber das musste ich erst wieder lernen.

Neuanfang und Selbstbewusstseinsaufbau

Das Studium und der damit verbundene Umzug nach Hannover waren ein wahrer Neubeginn für mich. Dort kannte mich keiner, keiner kannte meine alten „Spitznamen“ und die Running Gags auf meine Kosten. Bei allen zählte nur Herkunftsort, Wohngegend, Alter und Hobbys. Und so konnte ich mich ein bisschen befreien, nach und nach zu mir selbst finden und ich selbst sein. Mit den Jahren kam auch das Selbstbewusstsein wieder, so dass ich heute überhaupt über solche Sachen schreiben und über den Dingen stehen kann. Es ist mir sogar egal, sollte das jetzt einer meiner Mitschüler von früher sehen. Das wäre bis vor einigen Jahren noch undenkbar für mich gewesen. Und doch bin ich noch immer sauer auf die, die mich schickaniert haben. Nicht einmal unbedingt für die schlimmen Schuljahre, während denen ich mehrfach überlegt hatte, die Schule zu wechseln, sondern vor allem, weil sie mir gefühlt auch danach noch Jahre der Selbstentwicklung gestohlen und gehemmt haben. Was für manche nur der tägliche dahergelaufene Witz auf zwei Beinen ist, verankert sich in dem eben lebenszentral und richtig, richtig tief. Das sollte bitte nie jemand vergessen und immer daran denken, bevor man einen blöden Spruch ablässt oder die Schickanier-Geschichten anderer belächelt.

Und wenn ihr mal mitbekommen solltet, wie jemand gemobbt wird (und das sind nicht nur Schüler, auch Erwachsene und Personen sämtlicher Schichten, im realen Leben wie im Netz) – steht der Person zur Seite. So ein Verbündeter ist einfach nur Gold wert und hilft einen, solch schwere Zeiten zu durchstehen. Ich hatte zum Glück gute Freunde um mich und eine tolle Familie. Aber leider können sich nicht alle so glücklich schätzen. Und solltest du gemobbt werden: Lass den Kopf nicht hängen. Es wird besser! Und wenn es ganz schlimm wird, such dir Hilfe. Und sollte ich irgendwie helfen können, melde dich gerne.

Allen Gemobbten, Mobbern und neutralen Leuten da draußen: habt und gebt mehr Liebe.

Symbolbild: Sholto Ramsay

9 Kommentare

  1. Timo says:

    Aufrichtig und schön! Köpfe hoch!!!

  2. Christoph Mischke says:

    Danke für diesen Bericht. Ich selbst erkenne mich in vielen Dingen wieder. Zwar habe ich das Gefühl, dass ich keine „Spätfolgen“ aus dem Mobbing (das wahrscheinlich auch etwas weniger zutage trat als bei Dir) hatte, aber schön waren viele Erlebnisse trotzdem nicht. Da kriege ich heute noch Hass auf 1-2 Leute, wenn ich daran denke, und würde heute vermutlich sehr aggressiv reagieren, wenn ich die nochmal treffen würde und sie mir dumm kommen würden.
    Aber schön zu hören, dass das Studium ein Neubeginn für Dich war, und ich daher evtl. auch einen kleinen Teil dazu beitragen konnte :-)

    • Maik says:

      Danke dafür. ;) Letztlich dürfte es vor allem diese Art Neuanfang ohne „Vorbelastung“ gewesen sein, aber klar, es hilft, auf vernünftige Leute zu treffen. Das Schlimme ist ja, dass auch meine Geschichte bei weitem nicht zu den schlimmsten gehören dürfte. Da sind einige Leute noch vieeeel ärger dran… :(

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 40 in 2018 - Ein Ostwestfale im Rheinland

  4. Andreas says:

    Toller Beitrag Maik,
    ich habe ähnliche Erfahrungen und auch jetzt noch hin und wieder Schwierigkeiten (ich bin 32) wenn Leute komisch gucken, lachen oder einfach nur auf der Bürgersteigseite stehen, an der ich herlaufe. Die könnten mich ja anmachen. Ganz besonders schlimm ist es an Tagen, die beruflich belastend sind.

    • Maik says:

      Freut mich, dass dir der Beitrag gefällt und natürlich weniger, dass du Ähnliches durchmachen musstest, bzw. noch immer machen musst.

  5. roman says:

    Hi Maik, sehr mutig und vernünftig so einen Beitrag zu veröffentlichen. Da Ich sehr ähnliches erlebt habe, war es sehr interessant zu lesen wie du heute damit umgehst und ich erkenne mich in vielem wieder, da ich ab den frühen 20ern anfing mich charakterlich erst richtig zu entwickeln.
    Bei mir kam sogar das sog. Stockholm Syndrom zum Vorschein. Derjenige, der mich am meisten fertig gemacht hat und der „Chef“ der Mobbingtruppe war ist nun ein recht guter Kumpel von mir (bin 33). Zu allen anderen habe ich keinen Kontakt mehr.
    Deinen letzten Absatz sehe ich jedoch etwas mit Sorge – ich habe mir damals Hilfe geholt; habe viele Ratschläge strickt befolgt. Es half alles nichts bis ich endlich den meines Opas befolgte: Auch wenn es völlig meinen Prinzipien widerspricht: stumpf prügeln. Sobald man angegangen wird. Richtig aggressiv, sodass derjenige einen Nachteil in seiner Handlung spürt. Es ist schade, dass dies letztlich mein einziger Ratschlag ist, aber es ist das einzige was merklich geholfen hat. Ich verteufle Mobbing, aber ebennso sehr diejenigen, die mir damals sagten, ich solle „denen die kalte Schulter“ zeigen oder: „die werden schon bald erwachsen.“

    • Maik says:

      Dank dir für das Feedback, und schade, dass du auch Ähnliches erleben musstest. Zu deinem Ratschlag: Das konsequent zu verfolgen halte ich für falsch. Letztlich ist – so ähnlich das Grobe auch sein mag – jede dieser Situationen anders. Letztlich sprichst du es an: „Nachteil seiner Handlung spüren“ – das KANN eben auch sein, dass er keinen Vorteil mehr darin sieht, also z.B., wenn es dir vermeintlich nichts ausmacht und er keinen Spaß mehr draus ziehen kann. Ob das funktioniert, ist was anderes, aber direkt Gewalt zu nutzen, ist definitiv nicht richtig. Leider hat man ja meist eine ganze Weile lang Zeit, die richtige Lösung zu finden… :/

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