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Neue Kolumne von Emma Longard

„Und was machst du so?“

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„Und was machst du so beruflich?“ – „Ich bin Musikerin“ -„Ah cool. Und was machst du sonst so?“ – „Äh, nichts. Ich bin hauptberuflich Musikerin.“ – „Ach echt?? Und davon kann man leben?“. So oder so ähnlich habe ich diese Konversation, genau wie sicher alle meiner KollegInnen, schon unzählige Male geführt, jedes Mal wieder überrascht über das fehlende Verständnis für meinen Beruf.

Ja, klar kann man davon leben. Oftmals auch sehr gut. Ich kenne viele, die ein Vielfaches des Gehalts des Angestellten von nebenan verdienen. Sehr schön war auch diese Reaktion, kürzlich im Gespräch mit einer Ernährungsberaterin. „Ich bin Sängerin“ sagte ich. Sie staunte. Nach einer kurzen Pause: „Du bist die Erste von euch die ich persönlich kennenlerne.“ Ich lachte „Es gibt viele von uns“.

Beruf kommt von Berufung und wenn die eigene komplett woanders liegt als bei den schönen Künsten kann ich die Überraschung verstehen. Aber diese komplette Fehleinschätzung zum Thema Gehalt?
Jeder konsumiert täglich bewusst oder unbewusst Musik. Stellt man sich die Welt gänzlich ohne vor, wäre das doch recht komisch und trist. Wir haben uns aber so an die „Dauerbeschallung“ gewöhnt, dass sie nichts Besonderes mehr ist. Aber irgendjemand muss doch dafür sorgen, dass sie überhaupt existiert. Musik ist überall für wenig bis gar kein Geld zugänglich. Folglich kommt leider fürs reine Hören der Lieder sehr wenig Geld bei dem Erschaffer an. In Musikerkreisen längst bekannt hat z.B. Pharell Williams für die Streams des Songs „Happy“ unerhört wenig verdient, wie etwa beim US Dienst Pandora für 43 Millionen Streams nur 2.700 Dollar. Absolut unfassbar in Relation zum Bekanntheitsgrad des Songs.

Wo verdient jetzt also der kleine deutsche Musiker seinen Lebensunterhalt? Diese Antwort ist so vielfältig wie die Genres der Tonträgerindustrie. Hier ein kleiner Einblick in meinen Alltag:
Am Wochenende sind die Abende für Live-Musik reserviert. Entweder ich trete mit meiner eigenen Musik auf, gebe Konzerte, bin auf Feiern gebucht oder singe in verschiedenen Formationen (von der 7-köpfigen Band bis zu solo am Piano) Coversongs auf Hochzeiten, Firmenevents, Weihnachtsfeiern, Stadtfesten, etc. oder Background für andere Künstler. Nicht alles davon macht gleich viel Spaß, aber nichts davon ist unentgeltlich (außer es hat einen triftigen Grund, wie z.B. Benefiz). Nichtsdestotrotz kommen auch Anfragen rein, ob man nicht mal im Restaurant spielen wolle. Als Gage „dürfe“ man sich dem reichlichen Publikum präsentieren. Man mache dies doch schließlich gerne. Da es viele gibt, die ein solches Angebot annehmen, ist es manchmal schwierig die von sich geforderte Gage zu bekommen. Hier hat die Industrie ein Problem, welches jetzt aber nicht das Thema sein soll.

Von Montag bis Freitag passiert Gig-mäßig weniger, daher unterrichte ich Gesang und Klavier, habe Proben für anstehende Projekte, muss vieles Vor- und Nachbereiten, Rechnungen schreiben und E-Mails beantworten, Telefonate führen, Songs schreiben, mich am Instrument weiterbilden, habe Studio-Sessions und Networking-Treffen. In meinem Bekanntenkreis wird auch viel Komponiert, sei es Filmmusik, Pop-Songs für den nächsten DSDS-Gewinner oder für die Werbung.

Wer übrigens denkt, Musiker stehen Nachmittags auf und trinken dann erstmal ein Bier bevor sie in der Kneipe mal locker zur Klampfe greifen, hat es wahrscheinlich mit Manfred zu tun, der gerade Urlaub von der Firma hat und mal wieder bei der Band einsteigt, sicher aber nicht mit einem professionellen Musikschaffenden. Oftmals kommt man nachts um Vier vom Auftritt auf der Hochzeit nach Hause, um Zehn geht es wieder los zum nächsten Gig 200 Kilometer entfernt und dort wird übernachtet, weil niemand mehr mitten in der Nacht ins Auto steigen will um auf der Autobahn mit zufallenden Augen in die Leitplanke zu rasen. Trotzdem wird um Acht wieder aufgestanden weil man um 12:00 Uhr in der Heimatstadt auf einem Brunch spielt.

Selbstständigkeit bedeutet selber zuzusehen, dass die Miete reinkommt, das heißt aber auch, dass man niemandem Rechenschaft schuldig ist, außer sich selbst, wenn es mal nicht so läuft. Mir gefällt das. Vielleicht habe ich sowieso ein Problem mit Autoritäten, aber ich bin gern mein eigener Chef.

Also, wenn ihr das nächste mal „Eine/n von uns“ kennenlernt, fragt ihn/sie doch mal, was im Moment so ansteht. Ihr werdet einen interessanten Einblick bekommen.

Die Hamburger Singer Songwriterin Emma Longard (Website) schenkt uns regelmäßig Einblicke in den Alltag einer aufstrebenden Musikerin und ihre Meinung zu Geschehnissen im Business.

Ein Kommentar

  1. Konrad says:

    Danke für den Einblick! Ich habe früher in Bands gespielt und mir immer so gewünscht, mit Musik meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Aber irgendwie fehlte mir der Mut. Unterrichten, hm, bin ich dafür gut genug? Band: hm, dann muss man sich zu sehr nach den anderen richten. Allein: zu schüchtern. Tolle Ausreden, nicht wahr?
    Jetzt hocke ich im Büro und frage mich, ob ich an meiner Berufung vorbei lebe?

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