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Der neue Christopher Nolan

Film-Review: „Tenet“

Film-Review: "Tenet" Tenet-Filmplakat
TITEL Tenet START 26.08.2020
GENRE Sci-Fi-Action REGIE Christopher Nolan
CAST John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki, … URTEIL Film-Review: "Tenet" rating_stars_40
KURZUM Besonders aber kein perfektes Meisterwerk.

Ich war gestern im Kino. Also nein, nicht Open Air, sondern so richtig IN einem drin. Als wäre das nicht bereits newsworthy genug, habe ich auch noch einen großen Film gesehen. Vielleicht sogar DEN großen Film des Jahres, denn eigentlich wurde ja alles weitreichend verschoben oder in die Digitalveröffentlichung gedrängt, was einigermaßen prominent daher kommt. Aber nicht so „Tenet“, wollte Christopher Nolan doch unbedingt den ersten Blockbuster „nach“ der Pandemie haben. Oder zumindest den ersten wieder einigermaßen normal im Kino anschaubaren. Dass wir noch mittendrin im Corona-Shizzle sind, sollte(!) eigentlich klar sein, aber mit Abständen, Masken, Desinfektionsspendern und wiederholt prominent platzierten Hinweisen auf Maßnahmen-Einhaltung fühlte ich mich dann doch überraschend wohl im Kinosaal. Auch mit „Tenet“? Ich versuche euch spoilerfrei meine Meinung kund zu tun.

Von hinten wie von vorne T-E-N-E-T

Vorab wurde ja ein großes Geheimnis aus Story-Details gemacht. Klar, die Trailer offenbarten bereits einen coolen Protagonisten (der auch einfach nur „The Protagonist“ in seiner Rolle heißt und von John David Washington verkörpert wird), der „irgendwas mit Geheimagent/Spezialeinheit“ ist und „irgendwas mit Zeit“ zu tun hat. Soweit, so unklar. Viel mehr möchte ich euch diesbezüglich auch nicht vorwegnehmen, aber ja, es gibt viele Sequenzen zu sehen, die rückwärts ablaufen. Teils auch inmitten einer vorwärts ablaufenden Umwelt. Das ist sehr schön anzuschauen und muss für das große Cutter-Team ein Albtraum in der Umsetzung gewesen sein (ich bin SOWAS von gespannt auf Making-of-Videos!). Es bleibt jedoch die Frage, ob es sich hier nur um ein visuelles Gimmick handelt, ein Feature, das die Besonderheit des Filmes ausmachen soll. Aber ist es auch gekonnt mit einer stringenten Story verflochten? Ich meine, nein.

Film-Review: "Tenet" Tenet_scene_01

Zugegeben, ich habe den Film jetzt einmalig gesehen und für eine valide Einschätzung, ob das nun alles von Vorne bis Hinten Sinn ergeben hat, müsste man ihn mindestens ein zweites Mal sehen. Am besten daheim mit der Option, mittels Fernbedienung in der Zeit „reisen“ zu können. Denn natürlich hat Nolan die ein oder andere Wendung und Verkomplizierung im Angebot, die frühen Szenen erst eine Kontext-Änderung einbringen. Grundsätzlich wirkt das Schema einigermaßen einleuchtend und wird hinten raus erklärt. Dennoch habe ich so meine Probleme mit einigen Komponenten, wie der Einführung des Protagonisten in die rückwärtige Munition, um nur eine kleine zu nennen. Das Problem (oder auch der Vorteil) liegt darin, dass viele Dinge auch einfach nicht überprüfbar sind, da ihr Rückbezug „in der Zukunft“ liegt. So kann der Film eigentlich allerlei Dinge behaupten.

Fest steht aber, dass auch mit gegenwärtiger Logik einige Szenen in die Klischee-Schublade verstaut werden können. Wie Protagonist und Neil (charmant verkörpert von Neu-Batman Robert Pattinson) wie im Trailer angeschnitten zu Beginn des Films ein Hochhaus nicht nur auf magische Art und Weise hochfliegen, sondern auch hinab, wirkt da noch beinahe nachvollziehbar. Später gibt es eine PS-starke Operation auf einem Highway, die mir jedoch enorm aufgestoßen ist. Da wird von Hochsicherheit gesprochen, jedoch werden nur die paar Aspekte wirklich beachtet und angegangen, die aufgeführt worden sind, ansonsten verhalten sich die „Überfallenen“ selten dämlich, das wirkte mir zu inszeniert und skurrilerweise auch zu langatmig. Das ist seltsam, da „Tenet“ zu Beginn in Höchstgeschwindigkeit durch die Einleitung springt und der Protagonist gefühlt binnen Halbsätzen das Aufenthaltsland wechselt. Das war schon haarscharf an der Grenze zur Unerträglichkeit, aber man wollte Zeit schaffen – für PS-Operationen und vor allem die Auflösung. Bei zweieinhalb Stunden Spielzeit muss man da wohl dankbar über ein bisschen Straffung sein.

Film-Review: "Tenet" Tenet_scene_02

Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass vor der Filmvorführung noch ein Trailer zum neuen „007“ gezeigt wurde, aber die erste Hälfte von „Tenet“ fühlt sich an wie ein neuer „Bond“-Streifen. Das beginnt direkt mit der ersten Szene, die nach wenigen Sekunden lautstark den Kinosaal zu überfallen scheint. Nach der bewussten Verwirrung ob der Situation bekommen wir dann den coolen Agenten im Anzug geboten, der (mir persönlich ein bisschen zu übertrieben) schlagfertig Sprüche und Fäuste raushaut, was das Zeug hält und dabei gerne auch mal weise One-Liner „klaut“, die ihm eine Szene zuvor noch selbst entgegnet worden waren. Muss dieses „Zeitreise“-Ding der Erkenntnis sein. Bis dahin sind wir Zuschauer auch ähnlich unwissend wie der Protagonist selbst. Erst, als er in die eigentliche Mitte der Geschichte geführt wird, wird der Film auch für uns schlagartig interessant. Ich sage nur „Spiegelszene“ – ab da fühlt man den Nolan-Effekt.

„This is where our worlds collide. How would you like to die?“ – „Old.“ (Andrei Sator & The Protagonist)

In der zweiten Hälfte zeigt „Tenet“ seine Besonderheit. Und nein, das ist nicht das Wort „Tenet“, dessen Nutzung enttäuschend wenig vorkommt, nachdem ich vom Trailer aus dachte, der Protagonist würde fortwährend auf der Welt dieses Signalwort für Eintritte in exklusive Welten nutzen. Eigentlich nur ein einziges Mal. Die Spielerei mit der Zeit ist aber elegant und frisch gemacht. Keine einfachen „Zeitreisen“ sind der Kern, sondern eher ein Spiel mit der Richtung des Zeitflusses. Die ein oder andere Wendung war meiner Meinung nach zumindest ab bestimmten Punkten im Film vorhersehbar, dennoch ist die Verzahnung ganz gut gelungen. Eine gigantische Kriegsszene hinten raus war vor allem zu Beginn zwar enorm undurchsichtig, vermutlich baut Warner Bros. aber auch einfach darauf, dass alle x-fach ins Kino gehen, um alle Details nochmal anschauen zu können. Fest steht, dass „Tenet“ zum Nachdenken anregt. Darüber, ob man nun die komplette Geschichte bis ins letzte Detail verstanden, bzw. alle Bausteine in die richtige Reihenfolge gesetzt hat, aber auch darüber, ob man sich von einem Rückwärts-Gimmick hat blenden lassen.

Film-Review: "Tenet" Tenet_scene_03
Film-Review: "Tenet" rating_stars_40

Ja, „Tenet“ ist besonders. Durch die komplexe Story, durch die beeindruckenden Visuals, von denen ja auch erstaunlich viel real am Set statt mit VFX am Computer umgesetzt worden sein soll (Making-of please!). Das perfekte Meisterwerk ist es meiner Meinung nach jedoch nicht. Ein guter bis sehr guter Film, irgendwo bei 7,7-7,9 würde ich ihn wohl letztlich einstufen, macht vier Sterne bei mir hier. Das Pacing hat mir nicht immer gefallen, es gab diverse teils größere Logikschwächen und natürlich wurden etliche Hollywood-Klischees bedient. Aber die Effekte sind eindrucksvoll, die Actionsequenzen sind sehr gut umgesetzt und wirken selten überdreht (auch wenn der Protagonist teils superhelden-hafte Fähigkeiten besitzt und mir zu leicht mittels eines Schnitts aus teils SEHR bedrohlichen Lagen kommt) und die Story regt zum Nachdenken an und das Schauspiel ist größtenteils auf sehr hohem Niveau. Ich kann jedenfalls empfehlen, sich den Film anzuschauen. Am besten im Kino, so die Maßnahmen es möglichst sicher zulassen, denn bildgewaltig ist er allemal. Ich werde ihn mir nach Digitalrelease sicherlich nochmal anschauen, um meine Meinung zu festigen. Lasst eure gerne in den Kommentaren, solltet ihr ihn auch gesehen haben, würde mich mal interessieren, was ihr davon denkt!

Interessant ist übrigens, dass hinten raus eine gewaltige Tür für einen möglichen zweiten Teil offen gehalten wird. Sehr prominent wird davon gesprochen, dass der Protagonist ja erst bei der Hälfte seiner Mission angelangt ist. Bislang habe ich jedoch noch nichts zu einem möglichen „Tenet 2“ finden können. Ich hätte aber durchaus Lust darauf – schon alleine, um zu schauen, wie stringent es weiter geht und ob die filmische Zukunft die dann als Vergangenheit geltenden Geschehnisse des ersten Teiles zu bestätigen wissen. Und wer weiß, mit „No Time to Die“ soll ja jetzt aber wirklich-wirklich der allerletzte „James Bond“-Film mit Daniel Craig in der Hauptrolle zu sehen sein – vielleicht hat sich John David Washington ja mit seiner „Tenet“-Performance nachhaltig für ein Engagement als erster dunkelhäutiger Doppel-Null-Agent beworben. Mit Elizabeth Debicki hat er ja zumindest ansatzweise auch bereits den modernen Bond-Girl-Umgang gelernt.

„Tenet“ Behind-the-Scenes-Video

Ach, schau an – es gibt es ja bereits ein zumindest kleines Behind-the-Scenes-Video zu „Tenet“! Ab hier ist das Spoiler-technisch natürlich nochmal eine ganz andere Geschichte. Ich empfehle daher, solltet ihr den Film noch nicht gesehen zu haben, hier einfach zu enden und nicht weiter zu schauen/lesen…

Wo wir Wissenden unter uns sind: Kommt schon, die Szene auf der Autobahn war doch murks, oder nicht? Klar, an sich nett gemacht und irgendwo auch ein bisschen smart, aber geschultes Sicherheitspersonal, was bei diesem Hochsicherheits-Job vor Ort gewesen sein sollte, müsste bereits beim ersten die ganze Zeit parallel zum eigenen Konvoi fahrenden Truck zumindest mal misstrauisch werden und eigentlich auch für Abstand sorgen wollen. Spätestens, wenn sich dann noch etwas vor sie setzt – zumal ja wirklich nur einige Zentimeter davor, anstatt erstmal etwas weiter weg zu warten, um sich dann fallen zu lassen. Diese Sekunden-Angaben haben das Timing zudem eher noch verschleppt – hätte es smarter gefunden, wenn man diese Zange mehr oder minder gleichzeitig hätte zuschnappen lassen. Aber eigentlich hätte das in der Form nie funktionieren dürfen, zumindest hätte es viel früher Funksprüche geben müssen. Und dass da das eine Polizei-Fahrzeug einfach mit ein paar schnellen Schüssen und ohne weitere Konsequenzen aus dem Weg geräumt wird, hat dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt. Ne, das ist Hollywood-Action-Klischee pur und hat mir gar nicht gefallen. Zumal es auch im Truck zu einfach vonstatten ging, allgemein scheint Aufsprengen die neue Generallösung für alles zu sein (nur gut, dass da so eine kleine „Schutztür“ war… Und dass der Protagonist da aus dem bereits explodierten(!) Auto raus kommt – ne, wie bescheuert war das denn? Zwei Mal gab es glaube ich mindestens einfach diesen Cut und schwupps – da ist er wieder und „wir haben dich irgendwie gerettet, unglaublich, oder?!“ – ja, genau das.

Bilder: Warner Bros. Pictures

7 Kommentare

  1. Kien says

    Wollte dir eben den Link zum Making-of schicken 😅
    Finde es auch großartig, wie viel davon in „echt“ gefilmt wurde.

    Stimme dir bei den meisten Punkten zu. Ich fand schauspieltechnisch einiges dann doch wenig überzeugend. An sich solide, aber hier und da doch eklatante Schwächen. Kein Meisterwerk, du du schon sagst, aber möchte ich mir auch noch mindestens einmal anschauen.

    Interessanter Gedanke mit der Bond-Verknüpfung. Aber da JDW kein „Diener seiner Majestät“ ist, wird es wohl nicht dazu kommen 😅

    • Maik says

      Danke für deine Einschätzung! Ja, wirklichen Tiefgang beim Schauspiel gab es wenig, ich habe das aber eher auf das Script und die Art des Filmes geschoben. Das ist eben diese übertriebene Coolness, die ich meinte, die hat JDW aber durchaus gekonnt (wenn auch natürlich recht eindimensional) verkörpern können.

    • Kien says

      Ja, das stimmt. Habe auch den Eindruck, dass es nicht am Cast lag. Ich glaube, es wäre im Gedöns um die Inversion eh untergegangen. Pattinson hat seine Rolle gut gespielt. Der Rest eigentlich auch. Außer der russische Akzent, der wieder dezent – und vollkommen unnötig – genervt hat. Überrascht hat mich übrigens auch, was Aaron Taylor-Johnson (Ives) äußerlich für ein Tier ist im Vergleich zu seinen Kick-Ass-Tagen.

  2. der Flüsterer says

    Ich habe den Film nun gestern auch gesehen. Idee: 1; Umsetzung: 3.
    Der Film wollte meiner Meinung nach zu viel auf einmal. Es gab kein Luftholen, keine Pause – weder für die Protagonisten, noch für die Zuschauer. Von Sekunde 1 an rasen die Dialoge, jeder antwortet sofort, es gibt keine Denkpausen, die Gedanken der Personen ebenso schnell wie die Schnitte hin zu neuen Szenen, die Wechsel hin zu neuen Settings irgendwo auf der Welt. Das führt dazu, dass alle Charaktere extrem blass bleiben und null Tiefe bekommen. Erstaunlicherweise hat Pattinson noch am meisten davon. Alle Rollen wirken wie Mittel zum Zweck im Eiltempo die Story voranzutreiben … und machen sie damit nicht besser. Hätte man ein paar Ebenen rausgenommen, sich mehr auf das Zeitparadoxon konzentriert (wo kommt/wird kommen diese Maschine her? Wer hat sie gebaut/wird sie gebaut haben? etc.) statt Ebene um Ebene einzuflechten, einen recht lahmen Bösewicht einzuführen, der seiner Rolle wenig gerecht wird, Kriegsschauplätze zu gestalten, zwischendurch immer wieder komplexe Begriffe im Eiltempo in den Raum zu werfen, wäre das deutlich spannender gewesen. Siehe Inception, bei dem alles richtig gemacht wurde.

    Trotzdem kein schlechter Film, aber auch kein sehr guter, weil ich hinterher dachte: wie schade! Eine unglaublich tolle Chance weitestgehend vertan.

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